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  • 20.05.2014, 13:52 Uhr
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Portrait

Martin Schulz – vom Landei zu Mister Europa?

Er sieht angestrengt aus. Die Strapazen des Wahlkampfs sind auch an ihm nicht vorbeigezogen. Die Augenringe werden tiefer. Er sieht müde aus, auch wenn er versucht es sich nicht anmerken zu lassen. Es sind die Zeichen eines Kampfs um Europa. Es ist der Kampf des Martin Schulz.

Er hat aktuell mehr Auftritte als jeder Popstar. Martin Schulz klappert eine Wahlkampfveranstaltung nach der anderen ab. Er schüttelt unzählige Hände, muss jederzeit das Fotolächeln zeigen und muss reden, reden, reden.

In Deutschland klar vor Juncker

Er muss in diesen Tagen vieles für sein großes Ziel entbehren. Vor allem seine Familie kommt im Wahlkampf zu kurz. Der Familienvater und treuer Ehemann sieht aktuell vieles. Seine Familie in Würselen sieht er eigentlich gar nicht mehr. Doch er scheint mit seinen Bemühungen, seinen vielen Auftritten mit Reden und Herzblut seinem Ziel näher zu kommen. Seine Zustimmung seitens der Deutschen steigt. Im Deutschlandtrend liegt er bei 39 Prozent. Sein Kontrahent Juncker schafft es nur auf 22. Doch noch wurde nicht gewählt. Sein sechswöchiger Wahlkampf dauert an. Noch liegen einige von den geplanten 150 Orten, die er besuchen will, vor ihm. Sein Mammutprogramm sieht pro Tag im Durchschnitt fast vier verschiedene Orte vor. Kann man das als normaler Mensch überhaupt schaffen? Oder bedarf es da einiger Aufputschmittel?

Alkoholsucht in den 80ern

Der Mann mit der großen Brille und den nur noch wenigen Haaren auf dem Kopf hat nämlich auch schon einige Schattenseiten erlebt. Er stieß nicht nur auf politische Kritik. In den 80er Jahren kam er mit sich selbst nicht mehr klar. Schulz war alkoholsüchtig. Doch konnte er sich aus diesem Loch befreien. Heute ist er seit gut 30 Jahren trocken. Ein moralisch-charakterlicher Erfolg, der nun vom politischen Ritterschlag in Europa gekrönt werden soll. Die Tür zum Posten des Kommissionspräsidenten der EU steht weit offen. Er steht aktuell auch schon mit einem Fuß in der Tür. Der Zweite fehlt aber noch.

Gefahr von Anti-Europa

Doch dieses Ziel kann nicht nur sein ärgster Kontrahent Jean-Claude Juncker verhindern – die Gefahr liegt rechts von ihm. In Europa gibt es in vielen Ländern so eine Stimmung – eine rechte Stimmung. In Frankreich legt der Front National rasant zu. In Deutschland werden Parteien wie die AfD, die offenbar ebenfalls rechtgesinnt ist, obwohl sie es bestreitet, garantiert in das europäische Parlament einziehen. Die 3-Prozent-Hürde gibt es längst nicht mehr. Es wird keine Stimme außen vor gelassen. Es werden also viel mehr Parteien als zuvor Sitze erhalten. Damit Schulz mit seinen europäischen Sozialdemokraten seine Sitze verteidigen kann, müssten eben jene Sozialdemokraten massiv an Boden gewinnen im Vergleich zur vorangegangen Wahl. Eine Mehrheit zu erzielen wird also schwieriger. Seine Mühe könnte hinterher umsonst sein.

Vermutlich schwerste Legislaturperiode in der Geschichte der EU

Doch auch, wenn Schulz mit den Sozialdemokraten das Rennen machen sollte, warten auf ihn eine anstrengende Aufgabe. Er wird sich einer Kommission stellen müssen, die einen Anteil an EU-feindlichen Parteien und Sitzen enthalten wird, den es in dieser Größe nie zuvor gegeben hat. Seine Ziele zu erreichen wird schwerer werden. Doch seine Motivation und seine Herkunft könnten für ihn so wertvoll werden, wie nie zuvor.

Das Landei aus einem Dorf bei Aachen

Martin Schulz wurde vor 58 Jahren in Hehlrath, einem kleinen Dorf, das heute zu Eschweiler gehört, geboren. „Ich bin im Dreiländereck geboren. Mir wurde Europa quasi in die Wiege gelegt“, sagt er selbst. „Ich will etwas in Europa verändern.“, fügt er hinzu. Dafür hat er sich hohe Ziele gesetzt. Er möchte die Jugendarbeitslosigkeit in Europa in den nächsten fünf Jahren deutlich verringern. Außerdem möchte er die Wirtschaft ankurbeln. „Europa braucht jetzt vor allem Mut zur Veränderung. Es muss demokratischer werden, transparenter und gerechter. Dafür will ich arbeiten: mit Leidenschaft, Überzeugung, Teamgeist, Entschlossenheit und Offenheit.“ Genau das tut er. Schon jetzt erheben ihn einige Medien um „Präsident der Herzen“. Schulz wirkt, als hätte die raue und stressige Luft in der Politik ihn nicht zu einem hohlen Phrasenquatscher gemacht. Seine Worte sind schlicht gewählt, aber oft direkt. Er spricht das, was er vorhat klar aus, auch wenn er manchmal über das Ziel hinausschießt. So hat er der CDU den Anstoß für eine Debatte über den geliebten "Kruzifix" gegeben. Schulz sagte, dass diese in allen öffentlichen Gebäuden abgehängt werden sollten. Für die CDU ist das ein gefundes Fressen. Schulz ruderte zwar mit dem vermeintlichen "Kruzifix-Verbot" zurück. Einen Vortel für Sonntag hat ihm sein teilweise zu lockeres Mundwerk hier aber nicht verschafft. Das könnte aber auch an seiner Herkunft liegen.

Seit 40 Jahren SPD

Mit 19 Jahren trat Schulz in die SPD ein und ist ihr bis heute treu geblieben. Mit 24 schaffte er es bereits in den Stadtrat seiner Heimatgemeinde Würselen. Mit 31 wurde er Bürgermeister dort. Der jüngste in NRW. Von 1987 bis 1998 blieb er das auch. Doch nachdem er 1994 schon ins Europäische Parlament zog, trat er dann 1998 nicht mehr an. In nun 20 Jahren im Europäischen Parlament arbeitete er sich in der Hierarchie der Sozialdemokraten in Europa immer weiter nach oben. Seit 2004 hat er den Vorsitz der Sozialdemokraten inne. Nun strebt er ganz nach oben über seine Partei hinaus.

Untypischer Politiker

Schulz ist kernig. Er probiert sich nicht auffällig hübsch zu machen. Er weiß, dass er wohl keine Schönheit ist. Das muss er auch gar nicht sein. Er lässt seinen Charakter sprechen. Ihm trieft höchstens Schweiß von der Stirn und kein Haargel, wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch kann Schulz auch hart sein. 2009 hätte er fast den Vorsitz von Barroso verhindert. Später winkte er ihn durch. Barroso musste ihm aber politische Zugeständnisse machen. Auch mit dem früheren Bunga-Bunga-Präsidenten Berlusconi legte er sich an. Schulz hatte Berlusconi wegen seiner Doppelfunktion als Regierungschef und Medienunternehmer scharf kritisiert. Berlusconis anschließende Äußerung führte zu einem Eklat. „Herr Schulz, ich weiß, dass es in Italien einen Produzenten gibt, der einen Fim über Nazi-Konzentrationslager dreht. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo empfehlen. Sie sind perfekt“, sagte Berlusconi am 2. Juli 2003 im Europaparlament. Wie man sich denken kann, sind die beiden bislang keine Freunde geworden.

Letzter Clinch nur 3 Monate her

Am 12. Februar 2014 hielt Schulz eine Rede, in der unter anderem „auf deutsch“ den israelischen Siedlungsbau kritisierte. Daraufhin hagelte es Beschimpfungen und scharfe Kritik. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu warf ihm „selektische Wahrnehmung“ und „eine einseitige Sicht auf dem Nahostkonflikt“ vor. Andere Politiker bezeichneten ihn als „verlogenen Moralprediger“. Enige von ihnen hatten während der Rede Schulz wütend den Saal verlassen. Auch in Deutschland folgte daraufhin eine kontroverse und längere Diskussion über seine Rede.

Und am Sonntag?

Der kommende Sonntag könnte der größte politische Tag im Leben des Martin Schulz werden. Wird er tatsächlich Kommissionspräsident und erhält europaweit mit seinen Sozialdemokraten die meisten Stimmen, werden wir ihn permanent in den Medien sehen, wie er sich zu EU-Themen außert, wohlmöglich auch multilingual. Denn Schulz spricht insgesamt fünf Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und klar, als Kind aus der Region um Aachen auch Niederländisch. Doch sollte die Wahl für ihn und die Sozialdemokraten kein gutes Ende nehmen, wird wohl auch er schnell in der Versenkung verschwinden und seinen Platz als Vorzeigepolitiker der Sozialdemokraten in Europa räumen. Dann hätte er zwar viel mehr Zeit für seine Frau und seine zwei Kinder, doch wäre sein großer Traum geplatzt, um den er seit vielen Jahren beherzt kämpft.

(Redaktion)


 


 

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