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Arsch huh Köln 2012

Wolfgang Niedecken & Freunde laden wieder zum großen Zivilcourage-Konzert

Wir schreiben die 1990er Jahre. Eine Welle von ausländerfeindlichen Gewalttaten erschüttert Deutschland. Bekannte Künstler aus der Kölner Musikszene wollen ein Zeichen gegen Rassismus und Neonazis setzen: Es ist die Geburtsstunde der AG „Arsch huh“. Sie veranstalten ein legendäres Konzert, welches in die Nachkriegsgeschichte eingehen wird.

Am Freitag, den 9. November 2012 gibt es mit BAP-Frontsänger Wolfgang Niedecken & Co eine Neuauflage.

Insgesamt 100.000 Menschen zählten die „Arsch huh“-Veranstalter 1992 auf dem Chlodwigplatz, um den herum sternförmig mehrere Straßen zulaufen. Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen war es zuvor zu progromartigen Szenen gekommen: tagelang konnten rechte Chaoten dort ein bewohntes Flüchtlingsheim mit Brandsätzen bewerfen. Sie lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit der Polizei. Auch anderswo häuften sich rechte Gewaltattacken. Der gerade erst durch den Mauerfall 1989 wiedervereinigten Bundesrepublik drohte einen Rechtsruck.

„Wir […] wollen […] dazu beitragen, die weitverbreitete Sprachlosigkeit zu der Entwicklung in unserem Land zu beenden.“

„Wir […] wollen […] dazu beitragen, die weitverbreitete Sprachlosigkeit zu der Entwicklung in unserem Land zu beenden“, schrieben die in der „AG Arsch huh“ zusammengeschlossenen Künstler damals in einer Erklärung. „Arsch huh“ heißt im kölschen Dialekt so viel wie „das Hinterteil hoch kriegen“, also Zivilcourage zeigen. Neben zahlreichen Musikern wirkten damals auch Künstler wie Hobbythek-Moderator Jean Pütz und die inzwischen verstorbene Schauspiel-Legende Willi Millowitsch mit.
Der Titelsong des „Arsch huh“-Konzertes war 1992 von Nick Nikitakis komponiert und von Wolfgang Niedecken (BAP) getextet worden. Der Text behandelt eine Alltagssituation beim Bäcker, bei der jemand am Tresen rassistische Sprüche von sich gibt – und alle um ihn herum schweigen. Laut Niedecken eine Situation die ihm auch selbst wiederfahren ist und ihn – den Schweigenden – später selbst geärgert hat. Daraus ging 1992 das Titellied von „Arsch huh“ hervor.

Arsch huh Köln 2012: Starkes Zeichen gegen das Schweigen

Mit dem Konzert am Chlodwigplatz setzten die Künstler der AG „Arsch huh“ am 9. November 1992 das starke Zeichen dafür, dass die Mehrheit der Bürger in Deutschland nicht bereit ist, die rechten Umtriebe im Land länger stillschweigend hinzunehmen. Ein Wendepunkt. Auch für Deutschlands Ansehen im Ausland. Schließlich hatten Rechtsradikale bis dahin nicht nur durch ihre Gewalttaten, sondern auch über die Medien Angst und Schrecken im In- und Ausland verbreitet. Aus der Ohnmacht erwuchs am Kölner Chlodwigplatz ein neues Selbstbewusstsein.
Doch das Konzert auf dem Chlodwigplatz blieb nicht nur jenen in Erinnerung, die daran teilgenommen oder es als Live-Übertragung im Fernsehen mitverfolgt hatten, sondern auch denen, die beispielsweise zufällig an den Bahnhöfen im Umland die aus Köln heimkommenden Konzert-Besuchermassen beobachteten konnten. Aufkleber und Buttons mit Slogans wie „Alle Menschen sind Ausländer – fast überall“ traten fortan ihren Siegeszug durch das wiedervereinigte Deutschland an.
Dennoch sollte es auch noch nach dem Konzert zu weiteren Gewalttaten wie dem tödlichen Brandanschlag auf die Familie Genc im nordrhein-westfälischen Solingen kommen. Künstler wie die Berliner Punk-Band „Die Ärzte“ hielten 1993 mit Kult-Songs wie mit dem Anti-Nazi-Lied „Schrei nach Liebe“ erfolgreich dagegen. 

Auch soziale Ausgrenzung ist Thema


Genau 20 Jahre nach dem legendären „Arsch huh“-Konzert in Köln wollen die Künstler von einst am 9. November erneut ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit setzen. Anlass diesmal auch die vor rund einem Jahr aufgedeckte Rechtsterror-Zelle NSU, der zahlreiche Morde an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund, Polizistenmorde sowie im Juni 2004 der Nagelbombenanschlag mit zahlreichen Schwerverletzten in der Kölner Keupstraße ereignete.
Aber Migranten sind heute im Alltag auch ganz anderen Problemstellungen ausgesetzt, die nicht so offensichtlich auftreten wie der Rassismus von einst. Daher greifen die Kölner Künstler im Jahr 2012 auch das Thema Ausgrenzung auf.
Diesmal auf der Bühne mit dabei die auch bundesweit bekannten Kölner Bands BAP, Brings, Bläck Fööss, Brings, Zeltinger, Tommy Engel und die Höhner. Begleitet werden sie von jungen und internationalen Künstlern, wie der türkischen Punkrock-Band Athena und der bunt gemischten Folk-Band Hop Stop Banda. Highlight des diesjährigen Konzerts ist ein gemeinsames Stück aller Künstler: „Unser Stammbaum“.

75.000 Zugriffe auf Aufzeichnung von 1992


Dass das Interesse an „Arsch huh“ nach wie vor ungebrochen ist, beweisen inzwischen knapp 75.000 Zugriffe auf die Aufzeichnung des ersten Konzerts auf der Videoplattform Youtube. Auch BAP-Frontmann Niedecken hat dem damaligen Erfolgskonzert zwischenzeitlich mit dem Stück „Chlodwigplatz“ musikalisch eine heitere, halbironische Hommage gesetzt. Nachdem der Musiker bereits bei TV-Talker Markus Lanz für die Neuauflage warb und die Stimmung garantiert ist, muss nur noch das Kölner Novemberwetter mitspielen.
Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) begleitet das „Arsch huh“-Konzerz auf dem Gelände der Deutzer Werft in Köln ab 18:00 Uhr mit einer Live-Übertragung vom Veranstaltungsort, Sondersendungen, sowie Beiträgen und Reportagen.

(Redaktion)


 


 

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