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Gemischt veranlasste Auslandsgruppenreis

Auch hier ist das „Alles-oder-nichts-Prinzip“ entschärft

Aufwendungen für sogenannte Auslandsgruppenreisen werden seit jeher von der Finanzverwaltung streng auf ihre berufliche Veranlassung hinterfragt – seit Jahrzehnten mit Rückendeckung durch die höchstrichterliche Rechtsprechung.

Hatte eine solche Reise auch private Veranstaltungselemente oder wurde die ausschließlich berufliche Veranlassung nicht zweifelsfrei nachgewiesen, drohte bisher im schlimmsten Fall, dass das Gros der Reisekosten – der gemischt veranlasste Aufwand – nicht als Betriebsausgabe bzw. Werbungskosten anerkannt wurde. Hier führt die BFH-Entscheidung vom 21.4.2010 nun zu einer steuerlich deutlich „entspannteren Situation“. Denn die obersten Finanzrichter entschieden:

Lässt sich die Auslandsgruppenreise in einen beruflichen und privaten Reiseteil „zerlegen“, besteht die Chance, dass wenigstens ein Teil der Kosten anerkannt wird. Der VI. ( Lohnsteuer -)Senat des BFH setzt damit die neuen, steuerzahlerfreundlichen Grundsätze des Großen BFH-Senats auch bei den bislang steuersensiblen Auslandsgruppenreisen um. Er stellt außerdem klar, dass als sachgerechter Aufteilungsmaßstab vor allem die jeweiligen geschätzten Zeitanteile infrage kommen. Die positiven Konsequenzen, die nicht nur auf Arbeitnehmer beschränkt sind, sind anhand des nachfolgenden Praxis-Beispiels skizziert.

Zu Ihrer Erinnerung: Erst die vor wenigen Monaten bekannt gewordene Entscheidung des Großen Senats des BFH brachte die nötige Klarheit, dass bei gemischt – sowohl privat als auch beruflich – veranlassten Reisen von Unternehmern und Arbeitnehmern, z.B. von GmbH-Geschäftsführern, nicht automatisch das gesetzliche Abzugsverbot greift. Zumindest ein Teil der Aufwendungen kann abzugsfähig sein (Beschluss vom 21.9.2009, GmbH-Tip 3/2010, S. 3, mit weiteren Hintergrund-Infos zum gesetzlichen „Alles-oder-nichts-Prinzip“). Die Grundvoraussetzungen für den anteiligen Werbungskosten-/Betriebsausgabenabzug sind: 1. Eine „erhebliche“ berufliche Mitveranlassung der Reise ist nachgewiesen. 2. Eine klare Trennung zwischen beruflichen und privaten Reiseteilen ist möglich, sodass die Kostenanteile beispielsweise schätzungsweise anhand der jeweiligen Zeitanteile ermittelt werden können. Im GmbH-Tip 3/2010 auf der Seite 4 finden Sie dazu Beispiele.

Tipp: Bei „normalen“ gemischten Reisen innerhalb Deutschlands dürfte die steuerliche Teil-Anerkennung im Allgemeinen kein Problem sein. Beispiel: Der Geschäftsführer besucht eine mehrtägige Fachmesse oder eine Fachveranstaltung bzw. unternimmt eine mehrtägige Rundreise zu bestimmten Kunden aus einer Region und hängt anschließend vor Ort noch einen Tag Urlaub an.

Auslandsgruppenreisen sind allerdings – wie Fortbildungsveranstaltungen oder Fachkongresse im Ausland – seit jeher in steuerlicher Hinsicht ein Sonderfall. Vor allem dann, wenn solche Auslandsaufenthalte zur besten Urlaubszeit stattfinden und mit einem interessanten touristischen Beiprogramm angereichert sind, kann es ein steuerschädliches privates Hauptmotiv geben. Die harte Konsequenz: Im schlimmsten Fall droht ein totales Abzugsverbot.

Fazit

Bei Auslandsgruppenreisen darf das Finanzamt nach wie vor strenger als sonst den beruflichen Anlass hinterfragen und bei Zweifeln zu 100 Prozent gegen Sie entscheiden. Daran hat sich durch die BFH-Entscheidungen vom 21.4.2010 und 21.9.2009 grundsätzlich nichts geändert. Sie müssen den beruflichen Reise-Anlass dem Grunde nach glaubhaft belegen können, was wiederum voraussetzt: 1. Schlüssige Angaben über einen homogenen Teilnehmerkreis, z.B. Geschäftsführer-Kollegen, und zum beruflichen (abgrenzbaren) Reiseprogramm. 2. Außerdem sollte es über das berufliche Hauptmotiv der Reise keinen Zweifel geben. Dies sollte sicherheitshalber – wie im Praxis-Beispiel – durch einen größeren beruflichen Zeitanteil untermauert sein.

BFH, Urteil vom 21.4.2010, Az. VI R 5/07, DStR 2010, S. 1126 – (Best.-Nr. GT

Praxis-Beispiel: Teil-Anerkennung bei gemischt veranlasster Auslandsgruppenreise

Der GmbH-Gesellschafter-Geschäftsführer Neumann nimmt an einer von seinem Fachverband organisierten/durchgeführten Auslandsgruppenreise teil. Der Teilnehmerkreis besteht aus Unternehmern, Geschäftsführern und leitenden Angestellten. Auf dieser mehrtägigen Reise ist täglich von 9 bis 14 Uhr ein festes berufliches Programm zu absolvieren, das unter anderem Fachvorträge, Treffen mit örtlichen Unternehmern, Betriebsbesichtigungen usw. vorsieht. Anschließend besteht täglich die Möglichkeit, an kulturellen Veranstaltungen und touristischen Besichtigungen teilzunehmen oder den Nachmittag anders privat zu gestalten.

Es handelt sich um eine privat wie beruflich veranlasste Auslandsgruppenreise. Obwohl sie überwiegend beruflich veranlasst ist, drohte hier nach bisheriger Verwaltungspraxis ein totales Abzugsverbot des gemischten Reiseaufwands wegen steuerschädlicher privater Mitveranlassung (sogenanntes Alles-oder-nichts-Prinzip nach § 12 Nr. 1 EStG).

Aufgrund der BFH-Entscheidung vom 21.4.2010 ist eine Teil-Anerkennung der Reisekosten möglich, wenn sich private und berufliche Reiseteile eindeutig voneinander abgrenzen lassen. Dies ist hier der Fall. Als sachgerechter Aufteilungsmaßstab kommt das Verhältnis der beruflich und privat veranlassten Zeitanteile in Betracht: Bei einem beruflichen Zeitanteil von täglich fünf Stunden und einem privaten Zeitanteil von drei Stunden besteht die Chance, 5/8 der Reisekosten problemlos anerkannt zu bekommen.

Übernimmt die GmbH als Arbeitgeberin für ihren Geschäftsführer den Anteil der beruflich bedingten Auslandsgruppenreisekosten in Höhe von 5/8, fällt keine Lohnsteuer an. Trägt die GmbH dagegen sämtliche Kosten, ist der übernommene „private“ 3/8-Kostenanteil eine steuerpflichtige Arbeitgeberzuwendung. Zieht die Übernahme des privaten Kostenanteils keine lohnsteuerlichen Konsequenzen nach sich und hat der Geschäftsführer Gesellschafterstatus, kann die Vorteilszuwendung eine durch das Gesellschaftsverhältnis mit veranlasste Vorteilszuwendung sein und damit als verdeckte Gewinnausschüttung zu beurteilen sein.

(VSRW-Verlag)


 


 

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