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Arbeitsalltag

Flüchtlinge sind ein großes Potenzial

Abdulhamid Ayman (26) hat auf Vermittlung der Agentur für Arbeit zunächst ein Praktikum in der Tischlerei gemacht. Als seine Chefs sein großes Talent und seine Bemühungen erkannten, setzten sie alles daran, ihn einstellen zu dürfen. Jetzt hoffen sie, dass er bald eine Lehre machen darf. Andres Knopp und Gunnar Zeitz, von der Tischlerei Knopp und Zeitz, berichten über die Tücken des Arbeitsalltages mit Flüchtlingen, sprechen aber auch von unternehmerischer Verantwortung.

Sie nennen ihn „Boude“, gesprochen „Budi“. Warum, weiß heute keiner mehr so genau. Das war der Spitzname, mit dem sich Abdulhamid letztes Jahr vorgestellt hat, als er in der Tischlerei Knopp und Zeitz in Gummersbach ein Praktikum machte. Seine beiden Chefs, Andreas Knopp und Gunnar Zeitz, waren platt. „Der Boude ist ein Wahnsinns- Talent, wie der mit Holz umgeht, irre, das kann der nicht erst seit gestern können.“ Und wenn Abdulhamit mit seinem wenigen, noch gebrochenen Deutsch erzählt, hört es sich an, als sei er bereits seit seinem siebten Lebensjahr Tischler, da er bei seinem Vater gelernt habe. Im vergangenen Jahr hatte die Integrationshelferin der Agentur für Arbeit bei der Tischlerei angefragt. Man habe hier einen jungen, ambitionierten Schreiner. Ob er nicht ein Praktikum machen könne. „Wir standen der Sache sehr offen gegenüber“, erinnert sich Gunnar Zeitz. Ihre Tischlerei ist ein kleiner Handwerksbetrieb mitten in der Kreisstadt.

Die beiden Chefs beschäftigen noch einen Gesellen und eine Auszubildende. Boudes Praktikum scheiterte aber zunächst an ein paar organisatorischen Hürden. Doch Hartnäckigkeit und guter Wille zeichnete die Beteiligten aus: wenig später durfte der 26jährige gebürtige Syrer im Betrieb anfangen. Und der erste Eindruck täuschte nicht: er stellte sich mehr als geschickt an.Wie das mit der Schulausbildung in Syrien sei, wisse keiner so genau, sagen die beiden Unternehmer nachdenklich, doch offenbar habe ihr neuer Praktikant nicht zum ersten Mal Säge und Hobel in der Hand gehalten.

Vor einem Jahr ist Abdulhamid Amyan nach Deutschland gekommen. Hinter ihm liegt ein langer Fluchtweg aus seinem Dorf bei Aleppo über den Libanon, wo seine Eltern und Geschwister zurück geblieben sind. In die Armee habe er eintreten sollen, doch das sei für ihn nicht in Frage gekommen, also habe er sich frei gekauft und noch zusätzlich Geld für die Flucht in den Libanon bezahlt. So stellt sich seine Geschichte für Andreas Knopp und Guido Zeitz dar. „Er hat ja keine Ausbildungspapiere, da müssen wir ihm das so glauben.“ Vier Wochen lang hatte Boude seinen festen Platz in der Tischlerei – unentgeltlich. Als kleines Dankeschön haben ihm seine Chefs nach dem Praktikum einen Flug in den Libanon bezahlt, damit er nach langer Zeit endlich seine Eltern einmal wiedersehen konnte. Das konnte Boude, aber nur aus dem Fenster des Flugzeuges heraus, denn er wurde sofort wieder zurück nach Deutschland geschickt, einreisen durfte er nicht –wieder die Tücken der Bürokratie. Für die beiden Handwerker Knopp und Zeitz ist Abdulhamid Amyan ein Geschenk des Himmels.

Seit 15 Jahren führen sie ihren kleinen Betrieb im Oberbergischen, haben Aufträge, Angestellte, Spaß an der Arbeit und zufriedene Kunden. Aber: „Das Handwerk hat ein Riesenproblem, Leute zu finden“, weiß Gunnar Zeitz. „Ich persönlich sehe in den Flüchtlingen ein großes Potential. Natürlich sind nicht alle so ein Glücksgriff wie Boude, aber wir müssen sie suchen, diese Leute, müssen mit ihnen in Kontakt kommen.“ Aus ihrem Praktikanten wurde inzwischen ein zuverlässiger Mitarbeiter. Seit Dezember 2015 hat Abdulhamid einen unbefristeten Vertrag als Schreinerhelfer, mehr geht noch nicht. Das Jobcenter gewährt Eingliederungshilfe für drei Monate. Aber die Hoffnung und der große Wunsch seiner beiden Chefs sind, dass sie ihm schon bald eine Lehrstelle anbieten können. Bleiberecht hat der 25-Jährige allerdings erst mal nur bis 2018, dann wird wieder neu verhandelt. „Wenn alles gut geht, kann er sogar eine verkürzte Lehre machen“, sagt Zeitz.

Doch dafür muss Boudi zunächst mal zwei ganz wichtige Faktoren erfüllen: er muss Deutsch lernen und dann auch so schnell wie möglich einen Führerschein machen, damit er mit raus auf die Baustellen und zu den Kunden kann. Denn bei aller Sympathie, bei aller Offenheit: die Sprache sei das A und O, sind sich die beiden Unternehmer einig. Und damit hapert es schon noch, sind sie ehrlich.Natürlich ist Boudes Arbeit nicht fehlerfrei, meist liegt es daran, dass man sich nicht richtig versteht – „aber Fehler nehmen wir in Kauf“, sagt Zeitz, „andere machen die ja auch.“

„Das Handwerk hat ein Riesenproblem, Leute zu finden.“

Boude möchte so schnell wie möglich einen Sprachkurs machen. Bisher scheitert das allerdings noch an der Logistik. „Ich stehe um 5 Uhr auf“, erzählt er in holprigem Deutsch, damit er um 8 pünktlich bei der Arbeit sei, denn er hat seine kleine Wohnung in Loope und fährt natürlich mit dem Bus nach Gummersbach. Bis 17 Uhr steht er in der Werkstatt, der Deutschkurs fängt um 17.30 Uhr an und geht bis 20.45 Uhr, täglich. Aber auch für dieses Problem hofft man, eine Lösung zu finden. „Wir kümmern uns schon ziemlich um ihn“, gibt Andreas Knopp zu. Auch über die reine Arbeit hinaus, „aber wie sollen diese Menschen denn auch sonst reinkommen in unsere Gesellschaft?“ Und Boude sei zutiefst dankbar, er wolle etwas zurückgeben, erzählen seine Chefs schmunzelnd, unbedingt, deshalb koche er hin und wieder auch für sie und ihre Familien.

Beide sehen das politisch-soziale Problem eng verbunden mit unternehmerischer Verantwortung: „Wir müssen aus diesem Thema einfach eine Chance machen, sonst werden wir überrollt“, sagt Knopp nachdenklich. „Und wir haben dann schnell eine Ghettobildung“, ergänzt sein Kollege. Viele ihrer Mitstreiter nicht nur im Kammerbezirk suchten händeringend Nachwuchs, Fachkräfte überhaupt.

„Wir müssen es schaffen, in dieser Diskussion zu differenzieren“, sinniert Zeitz weiter. „Nur, manchmal habe ich das Gefühl, unter einem gewissen IQ kann man nicht mehr differenzieren“, sagt er, auch auf die Gefahr hin, „dass das jetzt polemisch klingt.“

Und sein Kollege Knopp ergänzt um einen ganz persönlichen Eindruck: „Leute, die so eine Flucht hinter sich haben, sind unglaublich bemüht, hier Fuß zu fassen, sie wollen arbeiten und somit etwas zurück geben.“

Das Interview erschien in der ersten Ausgabe von DIE WIRTSCHAFT im Februar 2016.

(Redaktion)


 


 

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