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Der Kulturspaziergang

„Josephsohn, werden Sie Bildhauer“

Das sagte der Zürcher Bildhauer Otto Müller zu Hans Josephsohn im Jahr 1939, als dieser dort seine Lehre antrat. Hans Josephsohn wurde Bildhauer. In einer großen Retrospektive präsentiert das Museum Folkwang nun Plastiken und Reliefs von den frühen Werken bis zu seinem Spätwerk seit den 1990er Jahren: Hans Josephsohn. Existentielle Plastik.

Hans Josephsohn wurde 1920 im damaligen Königsberg als Sohn jüdischer Eltern geboren. Da ihm ein Studium der Bildhauerei im nationalsozialistischen Deutschland nicht erlaubt war, geht er 1938 dank eines Kunststipendiums einer jüdischen Organisation an die Akademie nach Florenz. Aufgrund der neuen Rassengesetze muss er Italien im selben Jahr verlassen. Er findet Zuflucht in der Schweiz. In Zürich tritt er bei dem Bildhauer Otto Müller eine Lehre an. Viereinhalb Jahre bleibt er bei ihm, lernt, assistiert und schafft eigene Werke. Josephsohn bleibt in Zürich bis zu seinem Tod am 20. August 2012.

Hans Josephsohns Lebensthema ist die menschliche Figur. Er beschränkt sich auf wenige Grundformen: Stehende, Liegende, Halbfigur, Kopf. Wenn Josephsohn auch einmal sagte „Skulptur kann nicht viel“, so arbeitete er doch ein Leben lang daran, die menschliche Existenz mit den Mitteln der Bildhauerei zu begreifen, zu erfassen. Auf der Suche nach der richtigen Form arbeitete er mit Modellen als realem Gegenüber und Inspirationsquelle. Sein Ziel war jedoch nicht das Portrait einer bestimmten Person, sondern die menschliche Erscheinungsform, die Form im Raum. „Das Schwierigste ist, dass etwas vollkommen natürlich wirkt und dass es die Kraft des Lebens selber hat. Aber das erreicht man nicht, indem man die Natur einfach so nachmacht, wie sie ist“, so Hans Josephsohn.

Sein bevorzugtes Material war der „weiche Stein“ - Gips. Dieser Werkstoff erlaubte ihm im Laufe des Prozesses der Formfindung zu meißeln und zu modulieren, das Zusammenfügen und das Abschlagen, auch mit einer Axt. Er war Skulpteur und Plastiker. Diese Heftigkeit des Arbeitsprozesses findet sich in der Heftigkeit der Formen wieder. Dies ist auch in den oft rauen und zerklüfteten Oberflächen der Messinggüsse deutlich sichtbar. Scharfe Kanten und Fingerabdrücke zeugen von den unterschiedlichen Arbeitstechniken. Für Josephsohn war dies ein Bestandteil seiner Figuren. „Die Oberflächen werden nicht gemacht. Es gibt Leute, die meinen, ich mache extra eine Oberfläche. Das ist eine der größten Beleidigungen oder Missverständnisse, die man mir antun kann.“

Josephsohn hat Distanz gehalten zu künstlerischen Theorien, Schulen und Moden. Er hat sich in aller Freiheit nicht entschieden zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Tradition und Moderne. Augenzwinkernd sagte er: „Ich bin nicht ein Künstler des 20., sondern des 21. Jahrhunderts.“

Hans Josephsohn. Existentielle Plastik.
30. März bis 24. Juni 2018
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen

(Ulrike Liedtke)


 


 

Der Kulturspaziergang
Otto Müller
Hans Josephsohn
Existentielle Plastik
Museum Folkwang Essen
Ulrike Liedtke

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