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Im Interview: Jörg Heynkes

Zukunft Schwarm-Mobilität – und alles wird anders

Jörg Heynkes ist Unternehmer, Chef der Wuppertaler Villa Media, Speaker und Vizepräsident der Bergischen IHK. Mit seiner Firma energie-pur berät er Unternehmen zum Thema Ressourceneffizienz; In Vorträgen beleuchtet er dieThemenbereiche Transformation und Mobilitätskonzepte.

Im Interview mit business-on spricht Jörg Heynkes  über die Zukunft (nicht nur) über E-Mobilität und die Chancen der Schwarm-Mobilität.

business-on: Durch den Dieselskandal ist die Elektromobilität mehr denn je in den Fokus geraten – die Bunderegierung schützt die Autoindustrie und fördert auch weiterhin den Verkauf von Diesel- und Benzinautos. Warum ist Deutschland ein Elektroauto-Entwicklungsland?

Jörg Heynkes: Es hakt am Willen zur Veränderung. Die deutsche Automobilindustrie versucht, den Transformationsprozess hin zu umweltfreundlichen Elektroautos so lange wie möglich zu verzögern.

business-on: …und verliert den Anschluss. Wie ist das zu erklären?

Jörg Heynkes: Die Kernkompetenz der deutschen Autoindustrie lag immer in der Entwicklung und Herstellung von äußerst guten, und wie wir lange glaubten, auch sauberen Verbrennungsmotoren. Diese Kompetenz hat uns im Vergleich zur internationalen Konkurrenz extrem erfolgreich gemacht - die deutschen Hersteller hatten keinen Innovationsdruck. Doch die Wettbewerber haben sie inzwischen überholt und sicherten sich mit den neuen Technologien einen deutlichen Wissens- und Erfahrungsvorsprung. Bei uns ist ein ganzer Wirtschaftszweig wie gelähmt, will trotzdem am Althergebrachtem festhalten, weil damit sehr hohe Margen erzielt werden.

business-on: Sie hingegen sind ein „Early Bird“ und haben sich bereits 2012 vom klassischen Auto verabschiedet. Warum sind so früh auf ein Elektroauto abgefahren?

Jörg Heynkes: In der Vergangenheit fehlten Möglichkeiten, auch in der Mobilität neue Wege zu gehen. Elektroautos aber ergänzen unsere sonstigen Bemühungen, um Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit - das fasziniert mich bis heute. In meinem Unternehmen sind inzwischen sechs weitere Elektroautos dazugekommen, wir fahren nur noch elektrisch.

business-on: 2012 gab es kaum Ladestationen, Sie aber haben in Wuppertal kräftig aufs „Gaspedal“ gedrückt – und etwas bewegt.

Jörg Heynkes: Tatsächlich gab es nichts, das Bergische Land glich einer Wüste und die Stadtwerke hatten wenig Interesse, in die Infrastruktur zu investieren, weil sie nicht an die Elektromobilität glaubten. Deshalb habe ich mich damals dazu entschieden, ein wenig Druck auszuüben. Mit der Initiative W-EMOBIL100 haben wir 100 Bürger und Unternehmer motiviert, sich ein Elektroauto anzuschaffen, um die Technologie voranzutreiben. Bundesweit hat Politik und Wirtschaft das Thema komplett verschlafen. Erst in den letzten Monaten wurden mit dem Ausbau von Schnelladestationen an den Fernstraßen endlich die ersten notwendigen Schritte eingeleitet.

business-on: Die Infrastruktur ist ein Dauerbrenner. Sollte der Staat nun endlich die ewige Diskussion beenden und Anreize schaffen, damit die Verkehrswende Fahrt aufnimmt?

Jörg Heynkes: Ja, das wäre notwendig. Aber es ginge auch anders: Ich plädiere seit Jahren für die Einführung einer CO2 Steuer auf jedes Produkt. Bemessen am damit verbundenen CO2 Ausstoß bei Produktion, Nutzung und Entsorgung. Im Gegenzug könnten Sie zahlreiche Steuern und Abgaben streichen. Für die Politik wäre es ein simples Instrument und man würde den entscheidenden Impuls setzen, sowohl im Bereich der Elektromobilität, als auch bei anderen umweltschädlichen Materialen und Produkten. Die Hersteller wären hochgradig motiviert umweltfreundlich und herzustellen. Der Markt würde sich so mit nachhaltigen Angeboten weitgehend von alleine regeln. Damit wäre das Thema Verbrennungsmotor genauso wie die Ölheizung und viele andere Produkte vom Tisch. Wir würden einen Boom von nachhaltigen Businessmodellen erleben.

business-on: Nun diskutieren wir über Diesel-Fahrverbote, während sich die Transformation mit selbstfahrenden Autos anderorts längst auf der Überholspur befindet. Auf welche Veränderungen müssen wir uns einstellen?

Jörg Heynkes: Vollautonom fahrende Auto der Stufe 5, die wahrscheinlich ab dem Jahr 2021 auf unseren Straßen fahren werden, bewirken den größten Transformationsprozess im Bereich der Mobilität. Mit der Einführung dieser Technologie des autonomen Fahrens, also einem Auto ohne Lenkrad, Bremse und Gaspedal – und ohne menschlichem Fahrer verändert sich alles: Das Fahrzeug wird sicherer und komfortabler, effizienter und preiswerter. Mit dem Wechsel des Fahrers liegt es nahe, dass auch der Besitzer wechselt.

business-on: Warum sollte der Besitzer wechseln?

Jörg Heynkes: Der klassische Autobesitzer benutzt sein Fahrzeug etwa 30 bis 45 Minuten pro Tag. Das bedeutet, dass das Auto im Durchschnitt ca. 23 Stunden in der Garage oder auf einem Stellplatz geparkt ist. Demnach kaufen und finanzieren wir Autos, die die längste Zeit ungenutzt herumstehen. Das ist für mich irrsinnig und das Gegenteil von Effizienz. Wenn nun der technologische Wandel kommt und Fahrzeuge selber fahren, könnte das Auto 24 Stunden am Tag Geld verdienen.

business-on: Was bedeutet das konkret?

Jörg Heynkes: Nehmen wir mal die Stadt Köln: Dort sind heute etwa 450.000 PKWs auf der Straße. Die gleiche Mobilitätsleistung die diese Fahrzeuge erbringen, können wir mit maximal 50.000 autonom fahrenden Mobilen erreichen. Wir sprechen vom Zeitalter der Schwarm-Mobilität. Der entscheidende Unterschied ist, dass diese nie rumstehen und auch nicht mehr dem einzelnen Verbraucher gehören. Ein Schwarmbetreiber wird diese Fahrzeuge leasen und betreiben. Jeder von uns kann jederzeit ein Fahrzeug per Smartphone bestellen. Man wird abgeholt und vor die Tür seines Zielortes gebracht. Schwarm-Mobilität hat viele Vorteile: Man muss das Auto nicht waschen, nicht tanken, muss keine Winterreifen wechseln, muss keine Versicherung abschließen, muss nie wieder einen Parkplatz suchen oder ein Knöllchen bezahlen. Google hat die Technologie enorm vorangetrieben und mittlerweile mehr als drei Millionen Testkilometer erfolgreich hinter sich gebracht. Die Google Fahrer mussten bei den Testfahren nur etwa alle 5.000 Meilen, heißt alle zwei Wochen eingreifen. Daran erkennt man, wie weit die Technologie bereits entwickelt ist – es funktioniert! Auch die deutschen Hersteller sind hier gut aufgestellt.

Wir sehen jetzt, dass die Tests auch auf Europa ausgeweitet werden und die NRW Landesregierung hat bereits bekanntgegeben, dass in Düsseldorf die Finanzierung der Teststrecke steht und der Ausbau beginnt. Megastädte wir Singapur gehen das Thema autonomes Fahren gezielter und mit weniger bürokratischen Hürden an: Dort sind die ersten Flotten auf der Straße und Unternehmen wie NuTonomy sind mit selbstfahrenden Taxis unterwegs und wollen Tausende Schwarm-Mobile in die Städte bringen. Man kann davon ausgehen, dass selbstfahrende Autos in zwei drei Jahren marktreif sind – das ist die Zukunft.

business-on: Damit wir zukunftsfähig bleiben, zeigen Sie auch in Vorträgen die Chancen auf, die die Transformation bietet.

Jörg Heynkes: In der Schwarm-Mobilität stecken riesige Chancen für unsere Gesellschaft: Das bedeutet, dass wir in unseren Städten eine Steigerung der Lebensqualität erfahren werden, weniger Lärm und Schmutz, die Luft wird sich drastisch verbessern und wir werden mehr Raum schaffen. Warum? Bleiben wir in Köln: Hier gibt es etwa 1.300.000 Stellplätze für PKWs, davon werden etwa 90 Prozent frei. Vor jedem Einkaufszentrum, Krankenhaus oder Sportplatz verschwinden die Autos und es werden Flächen frei, die wir zu Gestaltung des Lebensraums kreativ für Parks, Urban Gardening oder Spielplätze nutzen können. Das gleiche gilt in den Gewerbegebieten. Dort gewinnen wir etwa ein Drittel an zusätzlicher Fläche für wirtschaftliche Entwicklung. Und wir sparen viel Geld, denn wir können auch hier 90 Prozent durch die Schwarm-Mobilität einsparen. So tragen wir alle gemeinsam auch die Kosten, die durch Unfälle entstehen. Ob es nun die Reparaturkosten an den Fahrzeugen sind oder die Kosten für die medizinischen Leistungen. Das alles reduziert sich durch die Einführung dieser Technologie extrem, weil wir etwa 90 Prozent weniger Verkehrsunfälle passieren, wenn sich diese Technologie durchsetzt.

business-on: Aber es werden auch viele Jobs wegfallen…

Jörg Heynkes: Ja, denn zur Wahrheit gehört auch, dass viele Jobs überflüssig werden. Die Rahmenbedingungen werden sich in vielen Bereichen ändern. Dazu gehören: Stadtentwicklung, Energieversorgung, wirtschaftliche Entwicklung und vor allem die Bereiche Arbeit und Bildung. Wir müssen dafür sorgen, dass zum Beispiel die heutigen Berufskraftfahrer, Taxi- und Busfahrer oder Fahrlehrer so qualifiziert werden, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eine reelle Chance haben von den vielen neuen Jobs zu profitieren. Wir stehen also vor einer großen Herausforderung und ich würde mir wünschen, dass wir die Möglichkeiten, die durch die digitale Transformation entstehen, aktiv angehen und nutzen. Die Bundesregierung muss für die Schwarm-Mobilität schnell die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Anreizsysteme schaffen, sie kann aber auch den notwendigen Wandel verschlafen und Deutschland weiter auf das Abstellgleis der großen Transformation schieben

(Redaktion)


 


 

Jörg Heynkes
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