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Mittelstand

„Die deutsche Wirtschaft steht unter Drogen“

Christian Lindner zu Gast in Solingen bei BVMW-Veranstaltung unter dem Motto "2017 - Sprungbrett für Start-ups und den etablierten Mittelstand“

Welche Rahmenbedingungen müssen für Innovationen geschaffen werden? Wie kann der nachhaltige Erfolg der deutschen Wirtschaft gesichert werden? Und welche Hürden gilt es für den Mittelstand in der Region zu nehmen? Diesen und anderen Fragen widmete sich der Chef der Bundestagsfraktion FDP, Christian Lindner, während seines einstündigen Auftritts gestern im Solinger Industriemuseum. Auf Einladung des BVMW Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sprach er vor rund 70 Unternehmern und Unternehmerinnen.

Zu Beginn begrüßte Uwe Steinweh als der Vertreter des BVMW die Anwesenden zur Veranstaltung, die unter dem Motto „2017 – Sprungbrett für Start-ups und den etablierten Mittelstand“ stand. Er appellierte an die Anwesenden, die technischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, unter denen unternehmerischer Erfolg möglich ist, mitzugestalten. „Viele Branchen werden sich disruptiv verändern“, warnte er und wies darauf hin, dass der Bundesverband mittelständische Wirtschaft seine Mitglieder darin unterstütze, sich fortzubilden und den eigenen Horizont zu erweitern, sowie sich auf Augenhöhe auszutauschen.

„Wovon wollen wir morgen leben, wenn die Bedingungen wieder schlechter sind?“

Genau um den Austausch ging es denn auch im LVR-Industriemuseum in Solingen, der ehemaligen Gesenkschiede Hendrichs. Mit einer plakativen These, so wie man das von ihm gewohnt ist, begann der gebürtige Wuppertaler, der in Wermelskirchen aufwuchs, Christian Lindner seine Rede: Die Wirtschaft stehe unter Drogen, mahnte der FDP-Vorsitzende. Und er sorge sich um die Zeit, die danach kommt. Niedrige Zinsen, gute Eurokurse, die Babyboomer-Generation voll im Saft und manch andere günstige Voraussetzung – aber was, wenn der Rausch vorüber ist, wollte der FDP-Mann wissen.

„Wovon wollen wir morgen leben, wenn die Bedingungen wieder schlechter sind?“, so seine Frage. Er glaube nicht daran, dass grüne und linke Umverteilungspolitiker darauf Antworten wüssten. Die „vernünftige und ungeduldige“ Mitte der Gesellschaft müsse sich und all den kleinen und mittleren Unternehmern und Handwerkern wieder Gehör verschaffen. Sie dürfe nicht alles schlucken, vor allem nicht den Bürokratie- und Regulierungswahn, der die Republik aus seiner Sicht auf Dauer lähme und zurückwerfe.

„Die One-man-Show ist nicht mein Wunsch“

Martin Schulz traut der FDP-Politiker als „Wunderheiler und Regenmacher“ erwartungsgemäß keine politische Zukunft im Kanzleramt zu. Er selbst aber betonte seine starken Ambitionen, wieder in den Bundestag einzuziehen, wobei er sich dann „ruhigere Zeiten mit geregelten 100-Stunden-Arbeitswochen“ vorstelle als die derzeitigen rund-um-die-Uhr-Einsätze. Diese „One-man-Show“ jedenfalls sei nicht sein Wunsch, so Lindner.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Aber es gäbe einfach zu viele Baustellen, die es gelte, schleunigst anzugehen. So hadert Lindner mit dem vom Bundeskabinett beschlossenen „Klimaschutzplan 2050“ und hält die Bestrebungen für „überzogen“. Auch den Fokus auf Elektromobilität könne er nicht nachvollziehen. „Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Keiner weiß doch derzeit den richtigen Weg. Aber die Bundesregierung hat sich schon mal festgelegt und unterbindet damit den nötigen Ideenwettbewerb“, wetterte er.

„Wer sich mit einem Mittelfeldplatz begnügt, kann schnell in der Abstiegszone landen …“.

Falsche Prioritäten, falsche Akzente. Auch bei Bildungsvorgaben, Steuerplänen, dem Umgang mit Haushaltsüberschüssen und dem Breitbandausbau. An diesem Punkt wies Lindner darauf hin, dass sich der zuständige Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) offenbar damit begnüge, hier im europäischen Mittelfeld zu spielen: „Laut seinen Erhebungen belegt Deutschland beim Breitbandausbau derzeit europaweit Platz 9, sein erklärtes Ziel ist das Erreichen von Platz 8“. Auch hier warnte Lindner seine Zuhörer: „Wer sich mit einem Mittelfeldplatz begnügt, kann ganz schnell in der Abstiegszone landen …“.

Weniger Neid und Häme!

Mehr Wertschätzung forderte er denn für mittlere Schulabschlüsse. Nicht jeder könne Abitur machen und studieren. Es würden ebenso Handwerker und Polizisten benötigt. Außerdem machte er „Neid und Häme“ als Hemmnisse einer guten wirtschaftlichen Entwicklung aus. Wer Erfolg habe, gelte schnell als verdächtig oder von Glück und Zufall begünstigt. Umso größer sei der Spott, wenn so jemand stürze. Fleiß, Risiko, Einsatzfreude und Einfallsreichtum müssten wieder mehr belohnt werden, so Lindner. Nur so würde Menschen Mut gemacht, sich selbstständig zu machen, etwas zu wagen. Der deutsche Mittelstand benötige dringend mehr Gründer und Nachfolger – und deshalb eine andere Haltung. „Wir müssen unsere Mentalität verändern“, appellierte er eindringlich an die Anwesenden.

ZUR PERSON
Christian Lindner wurde 1979 in Wuppertal geboren und wuchs in Wermelskirchen auf. Er studierte in Bonn Politikwissenschaft, Staatsrecht und Philosophie. Beruflich war er als Unternehmensberater und im Stromhandel tätig, bevor er sich auf die Politik konzentrierte. Im Dezember 2014 heiratete er die Journalistin Dagmar Rosenfeld-Lindner in Schloss Eicherhof in Leichlingen.
Lindner ist Bundesvorsitzender der FDP und Fraktionschef im NRW-Landtag. Sein Ziel ist es, die FDP zurück in den Bundestag zu führen. Schon von 2009 bis 2012 war er im Bundestag als Abgeordneter tätig.

(Liane Rapp)


 


 

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