Sie sind hier: Startseite Bergisches Land Lifestyle
Weitere Artikel
  • 06.03.2019, 11:21 Uhr
  • |
  • Düsseldorf, Wuppertal und die Welt
  • |
  • 0 Kommentare
Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Affengeiler Sex hilft nicht immer

Bili hatte endlich Sex. Für alle, die Bili noch nicht kennen sollten: Bili ist der Zwergschimpanse, der vom Frankfurter in den Wuppertaler Zoo umziehen musste.

Statt dort den gewünschten Nachwuchs zu zeugen, wurde Bili von seinen Artgenossen misshandelt. Teile eines Ohres und eines Zehs mussten dran glauben. Der Aufschrei im Netz war groß, als Fotos der Verstümmelungen die Runde machten. Eine Petition und eine Demo von Tierfreunden folgten auf dem Fuße.

Jetzt atmen alle auf. Bilis kleine Affenwelt scheint sich zu stabilisieren, denn er wird gelaust und hat Sex. Letzterer hat bei den Bonobos wichtige Funktionen neben der, die eigene Art zu erhalten. Denn wenn es in der Bonobohorde etwas zu futtern gibt, haben alle erst einmal Sex und danach wird – friedlich – das Essen geteilt.

Triebverzicht ist angesagt

Anders bei uns Menschenkindern. Ungezügelter Sex mit häufig wechselnden Partnern zieht meist Ärger nach sich. Uns bringt – nach Freud – leider nicht die Triebbefriedigung, sondern der Triebverzicht nach vorn, menschlich und kulturell. Womit wir beim Ratgeberkarussell zum Thema Fastenzeit gelandet wären.

Diese beginnt streng genommen nicht mit guten Vorsätzen und einer Frühjahrsdiät, sondern mit dem Aschenkreuz. Das schwarze Zeichen aus den Rückständen verbrannter Palmwedel soll uns daran erinnern, dass wir Staub sind und zu Staub zurückkehren (für die, die länger nicht vor Ort waren: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehrst“).

Wir müssen uns ändern

Dieses memento mori behagt jedoch den wenigsten. Ebenso wenig der Besuch einer längeren Messfeier. Doch keiner soll sagen, dass die Kirche nicht mit der Zeit ginge. Nach Fasten-SMS und Fasten-WhatsApps hat man das Dienstleistungsportfolio für die zahlenden Mitglieder weiter ausgebaut. Seit dem letzten Jahr gibt es in den Bistümern Essen und Köln „Ashes to go“, Münster hat in diesem Jahr nachgezogen.

Warum um Himmels willen haben die Düsseldorfer Pfarreien das verschlafen? Liegt es daran, dass die Priester mit der Segnung der Rosenmontagswagen gegen den Willen von Jacques Tilly zu beschäftigt waren? Der Münsteraner Klerus hat auf jeden Fall dem Zeitgeist nachgespürt. Weil das mit der Sterblichkeit nicht mehr so gut ankommt, hat man die Aktion unter den Leitsatz „Lass deine guten Vorsätze segnen“ gestellt.

Wenn sich Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause mit einem Kaffeebecher in der Hand ihr „Ash cross to go“ abholen, könnte sich der eine oder andere vielleicht vornehmen, in der Fastenzeit keinen Plastikbecher zu benutzen und Kaffee wie früher aus einer Porzellantasse zu trinken.

Das globale Zeitalter stellt ganz andere Anforderungen an die Fastenzeit: Wir müssen an die Plastikmüllberge auf den Meeren, an die Abholzung des Regenwaldes, an Methangas rülpsende Rinder, an die Ausbeutung von Arbeitskräften bei der Gewinnung von seltenen Erden, an Rassismus, Depressionen, Diskriminierung und und und denken.

Ist der kurze pastorale Hinweis auf die eigene Sterblichkeit da nicht wirklich unzeitgemäß oder einfach zu egoistisch?

(Susan Tuchel)


 


 

Bili
Staub
Fastenzeit
Sex
Mensch
Vorsätze
Sterblichkeit
Essen
Plastikmüll
Tilly
Pfarrei

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Bili" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: