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  • 07.06.2019, 16:58 Uhr
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Aktienmärkte

Anleger an den Weltbörsen bleiben bisher gelassen

Die EU-Wahl brachte große Kursverluste bei den etablierten Volksparteien. Regierungskrisen drohen in vielen europäischen Ländern; politisches Chaos herrscht in Großbritannien und Österreich. US-Präsident Donald Trump kämpft an vielen gefährlichen Fronten. Wenig verwunderlich, dass die Weltbörsen in den beiden letzten Wochen aufgrund der zunehmenden Unsicherheiten leicht korrigierten. Nur die Moskauer Börse konnte wieder zulegen und bleibt ein deutlicher Outperformer. Bitcoins stiegen kräftig im Wert, während Gold nicht von den vielfältigen politischen Unsicherheiten profitieren konnte.

Etablierte Volksparteien verlieren an Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Bei den Wahlen für das Europäische Parlament zeichnete sich genau das ab, was vorher erwartet wurde. Die Rechtspopulisten können an Stimmen gewinnen und die etablierten Parteien wie die Europäische Volkspartei EVP (bzw. CDU in Deutschland) und die Sozialisten (bzw. mit der SPD in Deutschland) verloren an Stimmen und Vertrauen. In Deutschland gewannen vor allem die Grünen an Stimmen, wobei das Thema Klimawandel auch in anderen Ländern ein immer wichtigeres Wahlkampfthema wird. Mit den Liberalen könnten die EVP und Sozialisten, die immer noch die meisten Stimmen holten, eine Koalition bilden.

Die hohe Wahlbeteiligung von 60 Prozent bei der Europa-Wahl kann als Sieg der Demokratie bezeichnet werden, denn bei der letzten EU-Wahl gingen nur 48 Prozent zur Wahl. Dennoch zeichnen sich in einigen Ländern große Spannungen ab, die die Demokratien erneut auch auf nationaler Ebene herausfordern werden. In Frankreich musste Präsident Emmanuel Macron eine Wahlniederlage gegenüber den Rechtspoplisten von Marine Le Pen hinnehmen. In Großbritannien gewann ausgerechnet die Brexit-Partei die meisten Stimmen, die für einen schnellen und „harten“ Austritt aus der EU ist. Kurz vor der Wahl erklärte zudem die britische Premierministerin Theresa May ihren Rücktritt. Großbritannien bleibt bei der Brexit-Frage gespalten, aber die Gefahr des Brexit bis 31. Oktober ohne Deal mit der EU erhöht sich nun.

Youtuber Rezo spricht von der „Zerstörung der CDU“

Die politische Landschaft wird in vielen europäischen Ländern unstabiler. Das Parteispektrum entwickelt sich immer bunter und heterogener. Der Niedergang der großen Volksparteien nimmt überall in Europa zu, wie auch die Protestwähler, die sich vor allem am rechten Rand wiederfinden. Der „Youtuber“ Rezo sprach in seinem Online-Video mit mittlerweile mehr als 12 Millionen Klicks schon von der „Zerstörung der CDU“; es wurde aber zunächst nur der Untergang der SPD. Für die Parteien scheint das Internet ein zunehmend wichtiges Werbeinstrument zu werden. Die CDU wusste zunächst keine Antwort auf das Rezo-Video, was bei der Jugend auch Stimmen kostete.

Rechtspopulisten vor allem in Italien und Frankreich auf dem Vormarsch

In Italien hat die rechtspopulistische Partei Lega den Stimmenanteil von 16 auf 34 Prozent erhöht. Vor einigen Jahren spielte diese Parte noch keine Rolle. Die Rechtspopulisten konnten in Deutschland mit der AfD nur ein wenig an Stimmen gewinnen, Immerhin wurde die AfD in Brandenburg und Sachsen die stärkste Partei in den jeweiligen Bundesländern. In den Großstädten konnte die AfD nicht so punkten wie selbst erhofft. Die Rechtspopulisten und EU-Gegner würden in einer Allianz nur etwa 120 von 750 Abgeordneten im EU-Parlament auf sich vereinigen.

Gefahr der Spaltung in der EU

Die spannende Frage ist nun auch, ob der CSU-Politiker Manfred Weber den amtierenden EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker ablösen wird und ob er dann die Zukunft der EU positiv gestalten kann. Der Europäische Rat wird dem EU-Parlament wohl einen Kandidaten vorschlagen.

Dringend erforderlich wäre gerade im Verhältnis zu den USA und China mehr Souveränität der EU bei den nächsten geopolitischen Konflikten. Derzeit droht einer durch den Streit der USA mit Iran. Aber selbst wenn es einen Konsens bei der Wahl des EU-Präsidenten geben sollte, besteht die Gefahr der Spaltung der EU auf nationaler Ebene durch die zerfahrene Situation in Italien und in Frankreich. Dort könnten Rechtspopulisten knapp die Mehrheit haben bzw. bekommen.

SPD in Deutschland mit historisch schlechtestem Wahlergebnis

Insgesamt steht das Projekt EU auf tönernen Füssen. Europa wird in den nächsten Jahren vor gewaltigen Herausforderungen stehen, wobei Italien und Frankreich die Hauptproblemländer bleiben werden. Es deuten sich zudem in vielen europäischen Ländern aufgrund der Wahlen Regierungskrisen an. In Deutschland haben die Wähler unter 60 die Grünen zur stärksten Partei noch vor der CDU in Deutschland gemacht. Auch droht die Gefahr, dass auch die Koalition in Deutschland nicht mehr lange von Bestand ist, die CDU fiel auf etwa 30 Prozent und die SPD liegt nur knapp über 15 Prozent, was das schlechteste Wahlergebnis der SPD ist.

Klimawandel bleibt ein wichtiges Wahlkampthema vor allem bei der Jugend

Das Thema Klimawandel beherrschte hier zwar den Wahlkampf, aber es gibt auch viele andere dringende Probleme der Zukunftsgestaltung, auf die die Regierung bald eine Antwort geben muss. Auffallend ist weiterhin der große Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei den etablierten Volksparteien.

Trump kämpft an (zu) vielen gefährlichen Fronten gleichzeitig

Nicht nur Europa steht vor großen demokratischen und demografischen Herausforderungen, sondern auch die USA, die sich dank Trump in immer mehr geopolitischen Konflikten mit großer Tragweite befinden. Trump kämpft weiterhin an vielen Fronten und nicht wenige Kritiker meinen, es sei an zu vielen. Auch in den USA bekommt er nun ordentlich Gegenwind durch die Demokraten und Medien. Unklar is auch, ob er sich zeitnah im Handelskonflikt mit China einigen kann. Die ersten Bremsspuren des Konflikts sind bereits an den schwächeren Frühindikatoren in den USA und China ablesbar. Aber auch der Handelskonflikt mit Europa – Stichwort Importzölle für Autos – könnte im Sommer noch einmal hochkochen.

Kommt ein Iran-Krieg?

Gibt es Krieg der USA und Israel gegen Iran? Trump will 1.500 Soldaten in den Nahen Osten zusätzlich schicken. Zusammen mit Israel steht er mit dem Iran sprichwörtlich auf Kriegsfuß. Da China und Russland aber den Iran unterstützen, stehen die USA auch auf Kriegsfuß mit Russland. Ähnlich verhält es sich mit Nordkorea und Venezuela. Man kann nur hoffen, das es hier zu keinen weiteren Stellvertreterkriegen und Brandherden kommt wie zuvor in Syrien, Jemen und der Ukraine, wobei auch dort die letzte Schlacht noch nicht gewonnen ist.

Russland drohen neue US-Sanktionen

Am 20. Juni werden sich Russland Präsident Wladimir Putin und Trump beim G20-Gipfel wahrscheinlich in Japan treffen. Gesprächsstoff gibt es genug, was die Themen Nordkorea, Venezuela und Iran angeht. Aber auch das Atomabrüstungsprogramm in Kooperation mit China steht auf der Agenda. Der „kalte Krieg“ zwischen den USA und Russland wird im Sommer wohl die nächste Stufe erreichen, denn die USA haben schon lange Sanktionen gegen den Bau der nordischen Pipeline angekündigt. Auch hier geht es den USA vorrangig darum, Ihre eigenen Rohstoffinteressen beim Export von Flüssiggast durchzusetzen. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Regierung hier genug Rückgrat besitzt und nicht wieder wie so oft zum Vasallen der USA zu wird, was auch den Iran-Konflikt angeht.

Leichte Kurskorrekturen an den Weltbörsen

Die Weltbörsen reagierten bisher sehr gelassen auf die drohenden geopolitischen Gefahren, auf die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation, auf das politische Chaos in Großbritannien und Österreich und den Vertrauensverlust bei den großen Volksparteien.

Der deutsche Leitindex Dax stieg am 27. Mai sogar leicht auf über 12.000 Indexpunkte an, was immer noch ein Plus von 14 Prozent seit Jahresbeginn ist. Der US-amerikanische Dow-Jones-Index stabilisierte sich bei über 25.500 Indexpunkten, was ein Plus von knapp 10 Prozent seit Jahresbegin bedeutet. Im Hoch war der Dax Anfang Mai freilich noch bei etwas über 12.400 Indexpunkten und der Dow Jones bei 26.600 Indexpunkten. Seit Anfang Mai gaben fast alle Weltbörsen etwas nach, so dass die Börsenweisheit „Sell on May and go away“ bisher stimmte. Der Euro stabilisierte sich zum US-Dollar bei etwas unter 1,12 EUR/USD.

Bitcoin top, Gold Flop

Gold konnte von den zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten bisher nicht sonderlich profitieren. Auch rund um die Europa-Wahl dümpelt der Goldpreis weiter bei 1.286 USD/Unze seitwärts. Im Gegenteil: Die ETF-Gold-Anleger verkauften am Freitag sogar 5 Tonnen Gold. Aber auch Silber kommt nicht aus dem Keller heraus bei einem Preis von 14,57 USD/Unze, was alle Gold- und Silberanhänger enttäuscht. Damit ist der Goldpreis nur auf dem Niveau wie zu Jahresbeginn und Silber ist in US-Dollar sogar mit 6 Prozent im Minus.

Der Bitcoin stieg jedoch auf ein neues Jahreshoch von 7.800 BTC/EUR, was ein Plus von 130 Prozent allein in den letzten drei Monaten bedeutet. Auch andere Kryptowährungen zogen im Kurs in den letzten Wochen kräftig an und setzten damit das Comeback und den Turn-around fort.

Moskauer Börse bleibt klarer Outperformer

Unter den großen Aktienmärkten konnte sich wiederum die Moskauer Börse am besten behaupten, obwohl der Brent-Ölpreis in der vergangenen Woche kräftig von 74 auf unter 68 US-Dollar/Barrel nachgab. In Russland erhalten Anleger mit die höchsten Dividendenrenditen auf der Welt und das bei einer immer noch sehr niedrigen Bewertung der Aktien.

Gazprom mit starkem Kurssprung

Nachdem Gazprom bekannt gab, die Dividende um 30 Prozent zu erhöhen, sprang auch der Kurs von Gazprom im Mai um fast 30 Prozent von 4,6 auf 5,63 Euro in die Höhe. Die Aktie bleibt aber immer noch unterbewertet, ebenso wie viele andere Rohstoffaktien in Russland. Der Rubel stabilisierte sich zuletzt bei 72 EUR/RUB, sodass es in diesem Jahr sogar hohe Währungsgewinne für ausländische Anleger in Russland gab. Der RDX-Index, ein Kunstprodukt der Wiener Börse für russische Aktien, stieg auf 1.584 (im Hoch 1.600) Indexpunkte, was ein Plus von 22,33 Prozent seit Jahresbeginn bedeutet. Damit konnte die Moskauer Börse wieder einmal alle großen Weltbörsen outperformen.

(Andreas Männicke)


 


 

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