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PR-Kolumne von Holger Wettingfeld

Auch China kann nicht nicht kommunizieren

«PR- Gau» - mit dieser griffigen Formel wird der gescheiterte Versuch der chinesischen Regierung beschrieben, im Vorfeld der olympischen Spiele das Tibet-Thema aus den Medien zu halten. Aber, wenn die Situation in Tibet so wichtig für das Weltgewissen ist, können dann die Medienmacher wirklich von einem PR-GAU sprechen?Das allein hängt vom Betrachter ab.

Sollten wir Medienkonsumenten im Grunde nicht froh über dieses «Desaster» sein? Wäre nicht vielmehr der Größte Anzunehmende Medien-Unfall, wenn es der chinesischen Regierung gelungen wäre, mittels geschickter Medien-Manipulation Sand in die Augen der Weltröffentlichkeit zu streuen und hinsichtlich der Situation in Tibet zu täuschen? Dieses echte PR-Desaster wurde im Grunde nur verhindert, weil die öffentliche Gegenkapagne der Tibet-Unterstützer – im Gegensatz zur chinesischen - sehr professionell geführt war und von den Medien erfolgreich aufgegriffen wurde!

Die Gründe für das grandiose Scheitern der chinesischen Außen-Kommunikation lassen sich verkürzt auf die Formel bringen: Zielgruppe (Weltöffentlichkeit, chinesische Bevölkerung, Investoren, Sponsoren) anvisert aber interne Bezugsgruppen (Bevölkerungsminderheiten) sträflich vernachlässigt. Dieses Defizit geriet mit den begleitenden Protesten an dem an sich unpolitischen Symbol – dem Fackellauf des olympischen Feuers- in den Fokus der medialen Weltöffentlichkeit. Die unterentwickelte Kommunikation der chinesichen Führung mit einer unterdückten internen Bezugs-bzw. Bevökerungsgruppe rückte schlaglichtartig mit den Protesten in London und Paris die tibetische Minderheit auf die Spitzenplätze der medialen und politischen Agenda.

Hier bewahrheitet sich die zeitlose These des Psychoanalytikers Paul Watzlawick: «Man kann nicht nicht kommunizieren». Auch unterdrückte Meinungen finden – wenn auch mit Zeitverzögerung- ihren Ausdruck und werden gehört. Die Versuche Chinas einer hermetischen Medienkontrolle innerhalb eines vernetzten medialen Dorfes erscheinen dabei zunehmend absurd und hilflos. Da die kommunistische Führung Chinas nicht weniger manipulativ mit der Volksmeinung umgeht, als andere hinreichend bekannte totalitäre Vorgänger-Regime, handelt es sich bei der chinesischen Art der Kommunikation in erster Linie um Propaganda und nicht um PR!

Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen der «Beeinflussung» der öffentlichen als auch der persönlichen Meinung eines jeden Einzelnen scheint in den Medien im Falle Chinas sehr zu verschwimmen. Während PR mittels rationaler Argumente überzeugen will, verfährt Propaganda wesentlich radikaler – sie diktiert und manipuliert mittels alternativloser schwarz-weiß-Modelle, dem Unterdrücken von Information und dem Aufbauen von Feindbildern. Kein Wunder, dass die staatlich verordnete Tibet-Propaganda auf dem Tableau der Welt-Öffentlichkeit grandios scheitern mußte, denn was dort präsentiert wurde, war keine PR-Aktion, sondern pure Propaganda! Und sie mußte scheitern, denn Diktaturen jedweder Couleur sind auf eine Monokultur der öffentlichen Meinung angewiesen sind und produzieren die (Macht-) Bedingungen dafür immer wieder neu. Eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich in den Diskurs einer pluralen Gesellschaft begibt, um diesen zu lenken versucht oder selber von diesem beeinflusst wird, wäre für totaltäre Regime systemgefährdend.

Der fatale Umkehrschluß wäre nun aber, zu glauben, das demokratisch-legitimierte plurale Zivilgesellschaften des OECD-Raums vor Propaganda gefeit sind. Das Beispiel, wie die aktuelle US-Administration sowohl im Vorfeld, als auch während des Irak-Kriegs, die eigene, als auch die Weltöffentlichkeit manipuliert beweist leider das Gegenteil - und das ist ein echter PR-Gau!

Erst vor kurzem wurde ein weiters Detail dieser Strategie von der New York Times aufgedeckt: Ein Reporterteam hat jahrelang im Auftrag des Pentagon regierungsfreundliche Beiträge produziert, um die US-Politik in kritischen Punkten wie Irak-Krieg oder Guantanomo positiv darzustellen. (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,548503,00.html). Diese professionell gemachten Filme wurden auf CNN gesendet, von anderen Sendern übernommen und so in die mediale Verwertungs-und Wertschöpfungskette eingeschleust. Dieses wohl nicht letzte Beispiel zeigt, dass auch demokratische Gesellschaften nicht vor einer einseitigen und manipulativen Indoktrinierung geschützt sind.

Der entscheidende, qualitative Unterschied zur Diktatur ist, das propagandistische Anstrengungen in einer Demokratie wesentlich schwieriger umzusetzen sind, weil sie strukturell weit tiefgreifender ansetzen müssen, um nicht als solche erkannt zu werden – bei der Nachrichtengenerierung. Das Tröstliche ist, das im Zeitverlauf bislang jede Deformation der öffentlichen Meinung durch Desinformation oder Faktenkonstruktion früher oder später ans Licht der medialen Öffentlichkeit gezerrt worden ist. Bleibt die spannende Frage, wer übernimmt die Verantwortung für nicht zurücknehmbare politische und gesellschaftliche Prozesse, die auf der Basis von Propaganda entstehen? Was die begleitende Berichterstattung zu den Olympischen Spielen in Peking angeht, so bleibt zu hoffen, dass die Medien PR von Propaganda unterscheiden.

Wie erfolgreiche PR-Kampagnen aussehen und wirken – davon mehr in der nächsten Kolumne.

(Holger Wettingfeld)


 


 

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