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Ken Jebsen im Berlin-Interview

„Back to the roots“ – Die Musikindustrie sollte die Ärmel hochkrempeln

In seiner Radioshow „KenFM“ beim RBB-Sender Fritz traten Bands wie „Wir sind Helden“ und „Mia“ auf, bevor man sie kannte. Auch als Manager ist er immer wieder auf der Suche nach neuen Bands und neuen Talenten. Für Ken Jebsen ist die kriselnde Musikindustrie eine Folge der Mentalität, denn Künstler müssen erst aufgebaut werden, wofür sich in Deutschland niemand mehr die Zeit nimmt. Ken Jebsen im Interview mit Berlin.Business-on.de.

Berlin.Business-on.de: Die Musikindustrie steckt trotz zahlreicher Bemühungen weiterhin in der Krise. Bertelsmann hat sich jetzt ganz aus dem Geschäft zurückgezogen und EMI entlässt bis zu 2000 Mitarbeiter. Macht es noch Sinn weiterhin in das Musikgeschäft zu investieren?

Ken Jebsen: Das hängt immer davon ab, wem man diese Frage stellt. Ich glaube, wenn man morgen Madonna fragt, würde sie sagen: „Du das lohnt sich! Ich mache einfach weiter!“. Wenn man dagegen eine deutsche Plattenfirma mit einem noch vollkommen unbekannten Artist fragt, wird diese Plattenfirma wohl sagen, dass es sich eher nicht mehr lohnt. Fakt ist, die Musikindustrie steckt derzeit in einer Krise. Die Musik selber steckt allerdings überhaupt nicht in der Krise. Es wurde noch nie soviel Musik veröffentlicht, es wurde noch nie soviel Musik gehört oder auf irgendwelche Mobiltelefone heruntergeladen. Der deutschen Musikindustrie gelingt es nur nicht so daran zu partizipieren, dass sie von sich behaupten könnte, es lohnt sich für sie. Stars wachsen nicht auf Bäumen. Einen Artist muss man aufbauen. Nur wenn ich nicht bereit bin dies zu tun, sondern einmalig investieren möchte und dann soll sich das sofort für alle Zeiten gelohnt haben, dann war ich noch nie im richtigen Geschäft! Es gibt überhaupt keine Band bei der das geklappt hat. In Deutschland will kaum einer Aufbauarbeit leisten. Stattdessen wird versucht das Risiko wegzurechnen, indem man erfolgreiche Künstler aus dem Ausland lizenziert. George Michael hat sich in Deutschland gut verkauft, nur leider wurde George Michael in Deutschland nicht gemacht.

Berlin.Business-on.de: Die Musikindustrie gibt die Schuld dafür jedoch dem illegalem Downloaden aus dem Internet? Kann das Internet jetzt nicht auch gleichzeitig der Weg aus der Krise sein?

Ken Jebsen: Auch hier hängt es wieder davon ab, wen man fragt. Komischerweise ist es oft so, dass diejenigen, die bereits Cash gemacht haben, sagen (Lars Ulrich): „Downloads for free?? Ohne mich!“. Diejenigen, die noch kein Geld verdient haben und darauf angewiesen sind erst einmal Bekanntheitsgrad zu erlangen, sind gegenüber Tauschbörsen progressiver.
Eine Band, die Schrott auf ihre Homepage stellt und das for free, schießt sich mit dem Internet selbst ins Knie. Wenn jemand dagegen sehr gut ist, kann das Internet besser jedes andere Medium davor behilflich sein, erfolgreich zu werden. Das Netz hilft dir kostengünstig Werbung für dich zu machen! Das Problem heutzutage ist: Alle machen Alles und stellen das ins Netz! Selbst meine Putzfrau hat eine Seite bei „myspace“, mein Gemüsehändler einen Blog und die Frau an der Kasse komponiert und bietet ihre Tracks for free im WWW an. Was ich sagen will ist: Es wird für Fans guter Musik immer schwerer, diese im Netz tatsächlich zu finden. Scouts könnten hier eine Art Mülltrennung übernehmen, als Serviceleistung sozusagen. Nennen wir diese Scouts A&Rs.

Berlin.Business-on.de: Hat man zu spät auf bestimmte Entwicklungen reagiert?

Ken Jebsen: Es ist schon verrückt. Das Fraunhofer-Institut erfindet vor 20 Jahren die MP3 und dann muss erst Steve Jobs kommen und für Apple das Ganze zu vermarkten. Wie kann das sein? Das ist bei uns in Deutschland ganz oft so. Eine Erfindung wird gemacht, die Vermarktung aber verschlafen wir.
Was gern vergessen wird: Mit der Digitalisierung der Musik haben die Majors seinerzeit viel Geld verdient. Sie haben einfach ihren Backkatalog veröffentlicht. Stones, Beatleas und Co gab es plötzlich auf CD und wurden ein weiteres Mal an dieselben Kunden verkauft. Das dabei verdiente Geld – Millionen – wurde nur zu Bruchteilen in Nachwuchsförderung investiert. Nachwuchsförderung kann auch heißen, nicht jeden der jugendlich aussieht zum A&R (Artist & Repertoire; Anmerk. d. Red.) zu machen, sondern kompetentes Personal auszubilden. Das ist fast nie geschehen! Die Musikindustrie hat viel zu spät erkannt, dass die Digitalisierung vergleichbar ist mit einer Waffe, die über Nacht auch dem Feind zur Verfügung steht. Als man das erkannte hatte sich die Technologie verselbstständigt. Wie bei allen großen Firmen tritt früher oder später eine Art Starre auf. Die Plattenfirmen sind heute ähnlich flexibel wie die amerikanische Automobilindustrie: Die Benzinpreise steigen seit Jahren, trotzdem baut man weiterhin Kleinlastwagen für die Hausfrau. Wer so arbeitet ist dem Untergang geweiht. Wenn die Musikindustrie überleben will, muss sie erkennen, dass der Fehler bei ihr liegt. Firmen kommen und gehen, der Wunsch nach Rock’n’roll bleibt. Menschen machen und kaufen Musik, weil man mit Musik Emotionen ausdrücken kann.

Berlin.Business-on.de: Worauf muss sich eine Band einstellen, wenn sie heute ins Musikgeschäft einsteigen will?

Ken Jebsen: Wer im Musikgeschäft überleben will, muss Geld verdienen, aber vor allem muss er verrückt sein. Gut sowieso. Besessenheit war schon immer das A und O in der Branche. Natürlich gab es auch immer Popstars, die gemacht wurden, aber die verschwinden schnell, wenn die Macher dahinter verschwinden. Die Musikindustrie möchte bis Heute vor allem Tonträger herstellen (relativ kostengünstig) und diese dann ganz viel verkaufen und über die Stückzahlen Geld verdienen. Das hat mit dem eigentlichen Rock’n’roll-Gedanken nichts zu tun. Man muss den Leuten mehr geben als einen Tonträger. Der Kunde will Soul. Mir fehlt da seit Jahren einfach das Herzblut. Selbst Autoingenieure verkaufen ihre Produkte mit mehr Emotionen. Wenn es der einzige Anreiz für eine Plattenfirma ist, dass sich der Artist möglichst schnell rechnet, kann man als Plattenboss nur enttäuscht werden. A&Rs die so arbeiten, sind in der falschen Branche. Man braucht einen langen Atem.

Berlin.Business-on.de: Welche Bedeutung kommt dem Live-Geschäft zu?

Ken Jebsen: Live-Musik zu machen, z.B. Straßenmusik, wird immer wichtiger. Das Live-Geschäft funktioniert leider folgendermaßen: Die großen Bands kassieren 98 Prozent des Ticketkuchens und die restlichen Bands teilen sich den schmalen Rest. Das liegt natürlich an den Fans. Nimmt man als lokale Band sechs Euro an der Abendkasse, wollen ganz viele Fans auf die Gästeliste oder sie wollen nur drei Euro bezahlen. Genau die gleichen Fans sieht man dann bei „Rock am Ring“ wieder. Und da du den Fan nicht ändern kannst, musst du so gut sein, um eine Band zu werden, die bei „Rock am Ring“ spielen kann. Dafür reicht es nicht gute Musik zu machen, man braucht Partner, die sich um den ganzen Rest kümmern. Marketing im weitesten Sinne machen mindestens 50% des Erfolgs aus. Was nützt es wenn du gut bist und keiner bekommt es mit.

Berlin.Business-on.de: Wie sieht es mit der Berliner Musikszene aus? Welche Entwicklungen können Sie hier sehen?

Ken Jebsen: Diese Stadt ist extrem musikalisch. Das hat vor allem mit der ausländischen Konkurrenz zu tun, die hierher kommt. Berlin ist so kreativ, weil die Mieten so tief sind. Ich glaube der Druck durch Zuzug tut der Berliner Szene ganz gut: sie wächst, das Niveau wird höher. In der Berliner Szene gibt es unglaublich viele Clubs, in denen unglaublich viele Bands spielen. Da gibt es jede Menge Müll aber auch jede Menge Perlen. Wer die Perlen finden will, muss sich schon die Mühe machen durch den Müll zu warten. Klassische A&R-Tätigkeit! Und diese findet am Wochenende statt. Da hat der Angestellte der Plattenfirma aber leider frei und erholt sich vom Bürojob unter der Woche. Wie gern würde ich übertreiben, muss ich nicht!

Berlin.Business-on.de: Wovon hängt die Zukunft der Musikbranche ab?

Ken Jebsen: Die Zukunft der Musikbranche liegt vor allem in extremer Bescheidenheit. Zurück zu den „Roots“ heißt es. Das bedeutet, dass man wieder Leute bei Plattenfirmen einstellt, die tatsächlich Musiker sind, tatsächlich Musik hören, die es gerne tun und kein Problem damit haben, soviel wie möglich durch die Clubs zu tingeln, um neue Talente zu entdecken. Berlin ist voll davon. Finde den Artist von morgen und beginne heute noch mit der Aufbauarbeit. So simpel ist das! Wenn eingesehen wird, dass es das schnelle Geld nicht mehr so einfach gibt, sondern wirklich gearbeitet werden muss, hat die Plattenindustrie nach wie vor eine Chance zu überleben.
Es wird nach wie vor gute Musik und gute Künstler geben. Die Künstler sind darauf angewiesen, dass das der Welt da draußen mitgeteilt wird, dass ein neuer Stern am Himmel auftaucht. Die Aufbauarbeit erfordert sehr viel Know-how. Marketing ist die Aufgabe, die die Plattenfirma und die Musikindustrie wieder übernehmen sollten. Den künstlerischen Reifeprozess sollte sie Leuten überlassen, die sich damit auskennen. Zum Beispiel Produzenten, denen es Spaß macht, junge Bands im Proberaum schon beim Songwriting zu unterstützen. In Berlin gibt es verdammt viele Proberäume. In meiner gesamten Berlin-Zeit habe ich nie einen A&R in einem Proberaum getroffen, auch bei „Ken Fm“ sind mir A&Rs in knapp 400 Live-Sendungen nie über den Weg gelaufen. Ich gebe zu das Rock’n’roll-Geschäft ist anstrengend, aber es gibt auch nichts Spannenderes als dabei zu sein, wenn eine junge Band wächst und national – vielleicht sogar international – erfolgreich wird. Z.B. mit Musik, die man als Angestellter einer Plattenfirma sogar selber mag! Test it!

(Redaktion)


 


 

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1 Kommentar

von sternumdreher
06.09.08 20:12 Uhr
fundgrube www oder club?

ich finde es nur allzu wahr, welche fehler der industrie geschildert werden. ich selbst mag lieber die härteren klänge, welche nach wie vor von medien und industrie ignoriert werden. das ist für mich unverständlich. viele bands (auch deutsche) haben extrem hohes potential und niemand merkt es. dass a&r's ihren job nicht lieben und falsch machen ist dabei nur ein argument von vielen. wie oft wird doch schon das airplay in den medien verweigert, weil es vorurteile oder ganz schlimmes desinteresse gibt. wie viele kennen denn schon bands die völlig ohne gitarren einen fetten und harten sound fabrizieren? auch wenn das jetzt nicht unbedingt ein trend ist, so ist doch alleine schon das kreative potential dieser musiker zu belohnen. und hier in berlin gibt es so einige davon! aber auch andere musikstile werden genauso kreativ und doch erfolglos erschaffen. und warum? weil die a&r's ihren job nicht richtig machen!

und die illegalen kopien, downloads usw. sind bestimmt nicht an den problemen der musikindustrie schuld. wer kopiert würde sowieso nie kaufen! das war zu zeiten der kassetten auch schon so. was ist jetzt also anders? na was wohl?! die bosse wollen schnell geld verdienen und veröffentlichen dann zu den aktuellen trends reichlich nachahmer, die allerdings nur allzu oft mehr als schlecht sind.
da liebe ich doch immer noch die guten und kleinen indie-labels, die nicht nur das geld sehen, sondern durchaus gute bands dem rest der welt vorstellen. aber ohne ein großes werbebudget bleibt das leider auch nur ein kampf gegen die windmühlen der großen majorfirmen.

wer die etwas andere musik liebt und geduldig durch den müll im www watet, findet immer wieder eine perle, die es zu bewundern gilt!

 

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