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Berlinale 2009 - Kolumne

Berlinalegeflüster IX von Caroline Elias

Die Augen springen im Text vor und zurück, ich suche das Stichwort, die Nebenniere schüttet eine Extraportion Adrenalin aus, der Puls klopft bis in die Nasenspitze. Irgendeine Replik hab ich falsch erkannt oder nicht gemerkt, dass mehrere Sätze in einem Untertitel zusammengefasst worden sind. Ich bin nicht mehr synchron, ich bin eine Idee zu früh! Wie immer in Schrecksituationen dehnt sich plötzlich die Zeit. Dann weiß ich wieder, wo ich bin, setze richtig ein: es gab eine kurze "Sendepause", die nur ich gehört habe. Einige Repliken später schlägt das Stresshormon erneut zu - das Post-Adrenalin-Tief produziert nun echte Fehler. Ich verspreche mich, erkenne einen einfachen Untertitel nicht. Ort der Handlung: Eine Dolmetscherkabine im Festivalpalast. Ich spreche einen Film simultan ein.

Während in den anderen Sektionen Deutsch oder Englisch dominiert, ist der Berlinale-Wettbewerb auch sprachlich international. Nehmen wir zum Beispiel einen deutschen Film, der mit englischen Untertiteln gezeigt wird. Damit auch französisch- und spanischsprachige Menschen mühelos folgen können, werden die Dialoge "eingesprochen" - so nennen wir das Filmdolmetschen vom Blatt. Manchmal geht das dann im Dreieck: Auf dem Tischchen liegen die englischen Untertitel, die auch in die 35mm-Kopie eingelasert sind, ich höre deutsch und spreche französisch. Die englischsprachige Fassung wird bei der Galavorstellung zusätzlich "eingelesen", was besonders visuell starken Filmen zugute kommt: die Zuschauer können dann die Untertitel einfach ignorieren.

Die Dolmetscherkabinen befinden sich ganz oben, fast unter der Decke des Berlinalepalasts. Anders als bei Konferenzen arbeiten wir nicht zu zweit je Sprache und lösen einander auch nicht alle 30 Minuten ab. Hier spricht jeweils ein Dolmetscher eine Sprache und zwar alle Rollen, Männlein, Weiblein, Greis und Kind. Die Vorbereitung ist bei wortlastigen Filmen zeitintensiv, das gesprochene Wort oft mehrdeutig. So schreibe ich mir im Vorfeld manchmal mehrere Übersetzungslösungen an den Rand. Allen Vorurteilen zum Trotz sind zum Beispiel französische Filme nicht grundsätzlich verquatschter als amerikanisches Kino. Nur wird im europäischen Kino Sprache oft abstrakter verwendet, Wort ersetzt mitunter Handlung, während in amerikanischen "talking movies" die Figuren sich im Allgemeinen mehr zur jeweiligen Situation äußern.

 Wir dolmetschen die Filme zwei Mal, zunächst für Medienvertreter, und abends dann die Galavorführung. Aber auf die Pressevorführung folgt sofort die Pressekonferenz, abgekürzt "PK". Im Luxushotel neben dem Festivalpalast stehen im rechten Winkel zur Rednertribüne die Kabinen, vorne sitzen Techniker, die dafür sorgen, dass die deutsche Fassung auch online sowie im Regionalsender rbb verfolgt werden kann.

Und wenn ich dann die PK dolmetsche, bin ich jedes Mal überrascht, wenn Schauspieler, die ich eben noch in Kostüm gesehen habe, hier nun in Alltagskleidung ganz reell auf dem Podium sitzen. Das komischste ist aber, dass sie plötzlich ihren eigenen Text sprechen, dass ich kein Skript mehr habe, aus dem ich ablesen kann, was gleich gesagt werden wird.

(Caroline Elias)


 


 

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