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BERLINALE 2009 - KOLUMNE

Berlinalegeflüster VI von Caroline Elias

Die meisten sprechen auf der Berlinale von Filmen. Die anderen reden über Empfänge. Die ganz Harten sehen auf der Berlinale keine Filme, sie "kontakten" nur, finden Geld für neue Ideen und fertige Filme, stets auf der Suche nach dem richtigen Gesprächspartner. So ist es nicht nur wichtig, zu wissen, wo Empfänge und Parties steigen, sondern auch auf der Gästeliste zu stehen. Hier beginnt mein Problem. Denn die Einsamkeit der Dolmetscherkabine lastet auf meiner Stimmung - und ich brauche ja auch die restlichen 11,5 Monate im Jahr Aufträge.

Die letzten Jahre saß ich für die Berlinale oft in einem Ding mit dem Volumen von zwei Kleiderschränken mit Glasscheibe vorne. Dort wurden mir Bilder zugespielt, und ich redete die ganze Zeit vor mich hin. Was von außen aussieht wie eine Apparatur zur Beschäftigung von (sagen wir mal) geistig nicht ganz rund laufenden Menschen, ist der Arbeitsort von Dolmetschern. Dass ich dort bin, kommt noch immer vor, doch sitze ich wieder öfter an Seiten der Stars oder im Sender.

Wer den ganzen Tag spricht, muss seine Stimme hüten - Dolmetscher besonders. Damit Stimme und ich wegen totaler Heiserkeit infolge Tabakluft nicht gleich auch noch das Bett hüten mussten, habe ich mir in dem Maße, wie die Aufträge mehr wurden, die Teilnahme an Parties versagt. Seit einem Jahr soll die Luft rein sein - so langsam werde ich auch wieder eingeladen; Betonung liegt auf 'langsam'. Dort erkennt man mich wieder, aber mit Worten wie Heinz von Interfilm beim Frühstück des Goethe-Instituts: "Wo hast du denn die ganzen Jahre gesteckt?

Gestern Arte-Empfang in der Akademie der Künste, ich kam mit Jörg von Kickfilm. Zwischendurch musste ich mal. "WC auf Ebene -1 ", stand an der Wand zum Fahrstuhl. Als ich auf dem gleichen Weg in den 3. Stock zurückwollte, tat sich nichts, der Fahrstuhl wurde seinem Namen nicht gerecht. Ich fürchtete nun, wieder ein Mini-Gehäuse für den längeren Verbleib erwischt zu haben, dieses Mal aus Metall und fensterlos, und rechnete: Würde es reichen, bis man mich hier befreite, schaffte ich es noch zum nächsten Einsatz? Das Handtäschchen mit dem Handy hütete Josie von Arte. Da öffnete sich die Tür, eine zweite Frau kam herein. Ehe ich reagieren konnte, war die Tür hinter ihr zu, dann wieder nichts. Wir nutzten die Ruhe zum Kennenlernen, bis jemand oben auf den Knopf drückte. Oben war in diesem Fall das Erdgeschoss, weiter hoch fuhr er nicht. Ohne Einladung gingen wir am Zerberus vor der Location vorbei mit den Worten: "Wir kommen vom Klo!" Und lachten los - was für ein Codewort! Und wir überlegten, wie man sich elegant Zutritt zu Empfängen verschafft, zu denen man nicht eingeladen ist: Aufgetakelt mit dem Taxi ohne Mantel vorfahren (denn der Mantel hängt in der Garderobe hinter der Einlasskontrolle!) Ein arrogantes Gesicht aufsetzen und fremdländisch schwätzend hineinwehen. Sich bei einem Promi unterhaken, ein gemeinsames Foto ernötigen und angetäut bleiben. Die beste Story: Ein ganzer Kerl im Blaumann bringt ein Blumenarrangement, sagt, es sei vergessen worden. Unter dem Blaumann ist der gute Anzug.

Übrigens, das hier sind keine Tipps. Ich gebe nur Gespräche wieder. Berlinalegeflüster halt.

(Caroline Elias)


 


 

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