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BERLINALE 2009 - KOLUMNE

Berlinalegeflüster VII von Caroline Elias

Die Sache ist hochnotpeinlich: Im Rampenlicht zu stehen neben berühmten Menschen, von allen gesehen zu werden und als einzige zu sprechen. Und dann sage ich auch noch, was längst gesagt worden ist! Ich plappere nach! Das Wortwiederkäuen in Sprechpausen hinein heißt 'konsekutives Dolmetschen'. Auf der Berlinale gehört dies zur aussterbenden Dolmetschart ...

Nach der Vorführung ein Publikumsgespräch - das ist und bleibt Tradition nach vielen Vorführungen, zum Beispiel im Internationalen Forum des Jungen Films oder im Panorama. Bislang wurde nur im Panorama alles ins Englische gedolmetscht oder direkt auf Englisch diskutiert. Seit diesem Jahr gilt das auch fürs Forum; ich souffliere maximal noch zwei, drei Fragen ins Englische, die von Zuschauern auf Deutsch oder Französisch gestellt werden.

Gestern Abend stehe ich dann doch wieder vor einem Publikum und dolmetsche Deutsch-Französisch, neben mir der Regisseur, als Moderator der Journalist Peter B. Schumann, der viele Jahre die Dolmetscher des Forums koordiniert hat. Gemeinsam mit dem Verband AG DOK bereichert er das Berlinaleangebot durch eine Extravorstellung, und so kritzle ich meine Symbole und Abkürzungen auf den Stenoblock, schwitze, hechte hinterher, versuche, mir fremde Eigen- und Ortsnamen lautschriftlich zu notieren ... um am Ende alles stimmig und möglichst flüssig wiederzugeben.

Nach dem Abend bin ich nur halbwegs zufrieden, denn das kleine "Berlinale-Plus-Special" findet in einem Café in Mitte statt, die Bedingungen der Vorführung waren gut, der Veranstaltungsort wird von Filmleuten betrieben. Aber an der Decke rotieren zwei riesengroße Propeller und machen heiße Luft, die meine Kontaktlinsen reizt. Hinten klappert der Barmann bemüht leise (der zuvor mit Humor hinnahm, dass ich ihn bat, mir statt des Hausgetränks Mojito aus (fast) den gleichen Zutaten eine "heiße Zitrone" zu bauen). Wir stehen an der Bar, das Mikrophon fängt Lautsprecherton ein, Rückkopplungen! Das nette Bargeplauder strengt an, auch, weil mir eine feste Unterlage zum Schreiben fehlt.

Das Publikum scheint von meinen Müdigkeitsanfällen und Wortfindungsstörungen nur wenig mitzubekommen. Auch, wenn mal was untergeht - die Gäste fragen zum Teil mit sehr leiser Stimme - so hilft die Erfahrung weiter. Am Ende hagelt es Komplimente. Aber ich bin mir bewusst, hier unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein. Und ich spüre einmal mehr, wie groß der Anteil der Routine ist, der auf den gewohnt ruhigen, klaren Arbeitsbedingungen beruht.

Mich durch die mäandernden Gedankengänge des Vorredners hindurchzufinden, denen ich situationsbedingt folge, erleichtert mir mein Notizenblock. Ich notiere Symbole und Kürzel, meist in der Zielsprache. Wobei wir Dolmetscher Sie, geneigtes Publikum gelegentlich warten lassen: Wenn der frankophone Gast fertig gesprochen hat, notiert die Dolmetscherin kurz noch den letzten Gedanken. Denn auf eines wollen wir nicht verzichten, die Pointe.

Und hier ist sie: Was ist der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen? Sie werden das nie wieder verwechseln: Übersetzer übertragen Texte, sie schreiben also. Kurz: Übersetzen ist Handwerk, Dolmetschen ist Mundwerk.

(Caroline Elias)


 


 

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