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Web 2.0, Ulrich Schulte am Hülse

Bewertungsportale in der Kritik. Zu Recht?

Wer heute das Internet als „Web 2.0“ bezeichnet, möchte auf ein verändertes Nutzverhalten hinweisen, bei dem Inhalte im Internet in einem quantitativ und qualitativ größeren Maß von Einzelpersonen selbst erstellt und nicht mehr von reinen Medienunternehmen verbreitet werden. Was die einen als „Demokratisierung des Internet“ feiern, sehen Kritiker schlichtweg als „Plebejisierung“ und „Verflachung des Niveaus“.

Der Befund ist dennoch eindeutig: Ein Ausdruck dieser Veränderung ist die Existenz zahlreicher Internetseiten, die eine öffentlich abrufbare oder eine nur dem Mitgliederbereich zugängliche Bewertungsfunktion bereithalten. So bietet die spickmich GmbH aus Köln Schülern die Möglichkeit, ihre Lehrer zu benoten (spickmich.de); während sich Bewertungen von Angehörigen der Gesundheitsberufe eher auf der von der DocInsider GmbH aus Merseburg bereitgehaltenen Internetseite finden (docinsider.de). Diese Portale erfreuen sich ebensolcher Beliebtheit, wie die von der studiVZ Ltd . aus Berlin betriebenen Portale (studivz.net bzw. schuelervz.net).

Lehrveranstaltungen von Universitätsprofessoren werden gerne auf der von dem Berliner Verein MeinProf e.V. bereitgehaltenen Internetseite kritisiert (meinprof.de), während schon so mancher Unternehmer, die Bewertung seiner Waren oder Dienstleistungen in positiver oder negativer Hinsicht auf der von der Münchner Firma Ciao GmbH betriebenen und offen abrufbaren Internetseite unter ciao.de wiederfand. Dieses Unternehmen wirbt mit dem Satz: „Mehr als 38 Millionen Besucher vertrauen jeden Monat auf die Meinungen und Erfahrungen der Ciao Community“, eine beeindruckende Marktstellung, soweit sie denn zutrifft.

Die Kritik der Datenschützer

Die Obersten Aufsichtsbehörden für den Datenschutz in der Wirtschaft haben bei einer Sitzung am 17./ 18.04.2008 Leitlinien für die Betreiber von sozialen Netzwerken und Bewertungsportalen im Internet formuliert. Zunächst weisen die Datenschutzaufsichtsbehörden darauf hin, dass es sich bei Beurteilungen von Lehrern sowie vergleichbaren Einzelpersonen in Internet-Portalen vielfach um sensible Informationen und subjektive Werturteile über Betroffene handelt. Anbieter dieser Portale haben die Vorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes über die geschäftsmäßige Verarbeitung personenbezogener Daten zu beachten. Bei der Abwägung ist außerdem den schutzwürdigen Interessen der bewerteten Personen Rechnung zu tragen. Jedenfalls rechtfertige es das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht, das Recht der Bewerteten auf informationelle Selbstbestimmung generell als nachrangig einzuordnen.
Die Rechtsmeinung des Berliner Beauftragten für den Datenschutz


Der Berliner Beauftragte für den Datenschutz verlangte in einem konkreten Fall sogar ein „berechtigtes Interesse“ des Nutzers an der zu bewertenden Person als generelle Voraussetzung eines Bewertungsportals. In Berlin hatte die Aufsichtsbehörde gegen die Betreiber der Bewertungs-Plattform meinprof.de ein Bußgeld verhängt. Begründet wurde dies damit, dass Professoren in zwei Fällen nicht darüber unterrichtet worden waren, dass sie im Internet von Studenten bewertet wurden und zudem nicht sichergestellt sei, dass nur Studenten auf die Bewertungen Zugriff haben, denen ein „berechtigtes Interesse“ an dem Abruf der Bewertung zugebilligt werden müsse; etwa weil sie Lehrveranstaltungen der Professoren besuchten.

Die aktuellen Probleme mit Bewertungsportalen

Richtig ist in diesem Zusammenhang der Befund, dass es nicht zu verleugnende Probleme mit Bewertungsportalen gibt. Besonders übel wird in Bewertungsportalen der Berufsgruppe der Lehrer mitgespielt. Sie werden übel beschimpft und schlecht benotet und heimlich von ihnen aufgenommene Filme werden ungefragt ins Internet gestellt. Liegt eine Einwilligung zur Verbreitung von Abbildungen nicht vor, kann dies aber bereits nach gegenwärtiger Rechtslage verhindert werden. Kritik ist zwar möglich, jedoch darf sie nicht ehrverletzend sein.

Unternehmen, die in Bewertungsportalen schlecht wegkommen, beklagen vor allem die mangelnde Transparenz der Bewertungen. Da die Bewertenden häufig anonym bleiben, verstecken sich nicht selten Mitbewerber dahinter, die sich als „Besessene“ generieren und unter mehreren „Logins“ Mitbewerber in großer Zahl schlecht machen. In besonders hartnäckigen Fällen wird dem betroffenen Unternehmen zugemutet, dem Rechtsverletzenden faktisch nur hinterherzulaufen. Aber auch in solchen Fällen ist eine Inanspruchnahme des Anbieters des Bewertungsportals möglich, der ab Kenntniserlangung von den Rechtsverletzungen auch für eine zumutbare Verhinderung Verantwortung trägt. Auch wenn es beispielsweise im Impressum von schuelervz.net heißt, „Die studiVZ Ltd. haftet nicht für den Inhalt der Veröffentlichungen der Nutzer“, gilt diese Einschränkung nicht ab dem Zeitpunkt, indem der Betroffene den Betreiber eines Bewertungsportales dezidiert auf eine Rechtsverletzung hinweist und zur Entfernung auffordert.

Haftungsausschluss: Der Inhalt dieses Artikels dient nur der allgemeinen Information und stellt keine juristische Beratung im Falle eines individuellen rechtlichen Anliegens dar. Ich übernehme keine Haftung für Handlungen, die auf Grundlage der in diesem Artikel enthaltenen Informationen unternommen werden.

(Ulrich Schulte am Hülse)


 


 

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2 Kommentare

von medium-berlin
14.08.08 23:01 Uhr
für und wider

leider habe ich mehr inhalt zum thema erwartet, denn um die verflachung des internet ging es nicht wirklich. für mich ist web 2.0 in erster linie kommerzialisierung des internet durch welche die "urdemokratie" des internet zerschlagen wurde. der autonome, teils rechtsfreie raum wurde ersetzt durch content der entweder zu reinen vermarktungszwecken erzeugt wird und dem user mitsprache vorgaukelt und zum anderen erzeugen user den content an dem die betreiber verdienen. genau hier entsteht wohl das problem. um die beschriebenen probleme zu lösen müßte es eine art zertifizierung geben als mehraufwand der betreiber. so müßte es möglich sein, daß nicht nur jeder frei nach schnauze bewertet sondern auch "geprüfte" oder "vertrauenswürdige" tester. natürlich darf jeder seine meinung frei zum besten geben und die wird immer subjektiv doch warum sollte dann der bewertende nicht zu seiner meinung zählen indem er aus der anonymität heraustritt? es muß ja nicht gleich seine komplette anschrift dargestellt werden aber z.b. eine mailadresse würde es dem beurteilten erlauben nachzufragen wie der bewertende zu seinem urteil kommt.

fakt ist das internet braucht die user und die user brauchen die betreiber des internet. wenn schon nur noch alles gewinninteressen folgt und das internet mittlerweile mehr geworden ist als die spielwiese von freaks, dann müssen die angebote auch seriös und nachvollziehbar sein. diesbezüglich ist kritik erlaubt.

wer jedoch eine plebejisierung des internet anmahnt der sollte sich wieder vor seinen fernseher kutzen. internet ist interaktiv, internet ist wissen, internet ist freiheit, internet ist selbstbestimmung und internet ist in erster linie das hervorragendste rückkopplungsmedium welches wir haben. es hilft eben auch den "dummen" (wer auch immer das konkret sein soll - subjektiv betracht) sich zu interessieren, zu informieren, zu bilden und aus der selbstverschuldeten unfreiheit heraus zu lösen. über sich, andere und die welt etwas zu lernen im wechselspiel. aus disem grund kann es garnicht genug "plebs" (scheußlich wertend) im netz geben, denn das internet kann sie nur klüger, toleranter und interAKTIVer werden lassen. haben davor die ein oder anderen leute angst weil es sie ihre elitäre stellung kosten könnte und das nicht nur in der virtualität?

von RA Schulte am Hülse
20.10.08 14:48 Uhr
Die Theorie und die Realität

Die Meinungsfreiheit und die Möglichkeiten, die das Internet als Medium bietet, sind unbestritten. Mit "Plebejisierung des internets" im Zusammenhang mit Bewertungsportalen war jedoch etwas anderes gemeint: wenn die Leistung eines Unternehmens auf einem Bewertungsportal weitgehend frei und beliebig bewertet werden kann und die Bewertenden dabei sogar weitgehend anonym agieren, dann haben nicht nur die "User" ein Interesse an der Bewertung, sondern zum Beispiel auch die Mitbewerber. Die spannende Frage ist also, woher will man eigentlich wissen, ob der vermeintliche "User", der einen anderen eine schlechte Bewertung "reingedrückt" hat, auch wirklich ein echter "User" ist oder sich dahinter nicht eine ganze Abteilung eines anderen Unternehmens verbirgt, die nur daran interessiert ist, sämtliche Mitbewerber auf anonyme Art schlecht zu machen?

> internet ist interaktiv, internet ist Wissen, internet ist Freiheit (...)

Ich freue mich über den Enthusiamus des Kommentars. Allerdings haben wir tagtäglich mit der Praxis und nicht bloß mit der Theorie zu tun. Wenn der bewertende "User" zu seiner Identifikation nur eine e-Mail-Adresse angeben muss, ist seine Identifikation nicht möglich, weil man bei "[email protected]", "[email protected]" nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Wenn sich hinter dem "User" der Mitbewerber verbirgt, ist auch eine Nachfrage eher Zeitverschwendung.

 

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