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  • 03.12.2018, 10:45 Uhr
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  • Berlin
BIZZTIPP BUCH / INTERNET

Wild Wild Web: Wollen wir wirklich im digitalen Wilden Westen leben?

BizzTipp Buch: Internet-Urgestein Tim Cole erklärt in seinem neuesten Buch „Wild Wild Web“ ausführlich, wie die wilden Räuberbarone der Gegenwart ihre Quasi-Monopol-Gewinne gegen die Interessen der Allgemeinheit realisieren.

Was hat der Wilde Westen mit dem World Wide Web zu tun? Eine ganze Menge: Damals wie heute brachen die Menschen in eine neue, unbekannte Welt auf, in der es zwar kein Recht und Gesetz gab, aber dafür ungeahnte Möglichkeiten. Und damals wie heute begleiten Auswüchse und Missstände den Weg: Revolverhelden und Postkutschenräuber damals, geldgeile Datenmonopole heute. GAFA – Google, Amazon, Facebook und Apple – besitzen eine Macht, von der die „Räuberbarone“ von Standard Oil, AT&T oder den großen Eisenbahnkonzernen am Ausgang des 19. Jahrhunderts nur träumen konnten. Aber es war auch die Zeit der „Trust Busters“, der Antimonopol- und Arbeitsschutzgesetze, denn auf das „Blattgold-Zeitalter“ der Räuberbarone folgte in Amerika die „Progressive Era“ – ein halbes Jahrhundert, das von sozialem Fortschritt geprägt war.

 „Indem er Parallelen zieht zwischen der Zeit des amerikanischen Aufbruchs und der nicht weniger aufregenden Zeit des digitalen Umbruchs, leistet Tim Cole einen wichtigen Dienst. Er warnt uns nämlich davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, und fordert uns stattdessen auf, Lehren zu ziehen aus der Zeit des Wilden Westens für die Zukunft der digitalen Gesellschaft.“, schreibt  Dr. Winfried Felser, NetSkill Solutions GmbH in seiner Rezension.

Was wir heute brauchen, ist eine neue, eine digitale Progressive Ära. Wir müssen für alle verbindliche Spielregeln aufstellen und dafür sorgen, dass sie auch eingehalten werden – und dazu gehören gerade die großen Internet-Konzerne. Wir brauchen neue soziale Umgangsformen und einen neuen Sozialkontrakt, die auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse des Digitalzeitalters angepasst sind. Und wir brauchen eine „Digitale Ethik“ – einen neuen moralischen Kompass, der unser Handeln und Denken über das, was machbar und wünschenswert ist, bestimmt.

Das Buch zieht tatsächlich eine gelungene Parallele  zwischen der Geschichte des Wilde Westens und dem Aufstieg der Räuberbarone des 21. Jahrhunderts - Leuten wie Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Larry Page, Bill Gates und vor allem Steve Jobs. Das Buch soll den Lesern die Augen dafür öffnen, wie und in welchem Maß sie heute schon ausgebeutet werden, was erst noch passieren wird, wenn wir die Dinge einfach laufen lassen, und vor allem: Was können wir selbst, Konsumenten, Bürger und Staat, dagegen tun?

Tim Cole schreibt dazu: "Es ist gerade keine gute Zeit, um im Silicon Valley zu arbeiten. Ob bei Facebook oder Google oder bei einem der unzähligen kleineren Start-ups: Mitarbeiter dort spüren am eigenen Leib den aufgestauten Druck von außen. In der öffentlichen Diskussion werden die Tech-Riesen mit Big Tobacco verglichen, der US-Kongress zitiert ihre CEOs vor Untersuchungsausschüsse, wo man ihnen vorwirft, die Demokratie zu unterminieren, die Gehirne ihrer User zu vergiften und Inhalte zu zensieren. Solche Diskussionen werden natürlich auch zu Hause oder im Freundeskreis fortgeführt. Nein, es ist nicht gerade angenehm, sein Geld im Tal der Internet-Giganten zu verdienen – auch wenn die Bezahlung natürlich sehr gut ist. Tech-Arbeiter sind oft recht empfindliche Pflänzchen und die Kritik geht ihnen an die Substanz. Das ist auch der Grund, weshalb es die GAFA-Belegschaften selbst sind, die inzwischen die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Firmen einfordern", so heisst es im 4. Kapitel und trifft damigt die aktuelle gegen-Stimmung auf den Punkt: Mitarbeiter unter anderem von Google, Facebook, Intel und Cisco trafen sich im Hauptquartier von Palantir, das sich auf Analysesysteme für Big Data spezialisiert hat, um dagegen zu protestieren, dass die Firma wie angekündigt Überwachungssysteme für die amerikanische Einwanderungsbehörde liefern will. Ein paar Wochen später unterschrieben mehr als 3.000 Google-Angestellte einen Protestbrief an die Firmenleitung, weil das Unternehmen angekündigt hatte, dem Pentagon bei der Entwicklung von KI-Systemen zur Verbesserung der Treffergenauigkeit von Kampfdronen helfen zu wollen."

Grund genug, sich mit diesem gut recherchierten und anschaulich geschriebenen Buch und dem Thema World WideWeb auseinanderzusetzen, denn es bestimmt immer mehr unser aller Leben. Der Autor Tim Cole weiß genau, wovon er spricht: Technik für Menschen verständlich machen ist seine Mission. Der amerikanische Journalist und Moderator beschäftigt sich schon lange schwerpunktmäßig mit der Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Technik („BizTech“) und war einer der ersten, die sich Anfang der 90er Jahre mit dem Internet vertraut machten. In seinen Vorträgen und Keynotes stellt Tim Cole die rasanten Entwicklungen im Bereich von Internet und Industrie 4.0 in einen umfassenden Kontext. Er gibt Führungskräften und Mitarbeitern konkrete Tipps, damit sie all die neuen Dinge, die das Internet gebracht hat und noch bringen wird, sinnvoll in Geschäftsstrategien umsetzen können.  Tim Cole wurde 1950 in Amerika geboren und zog 1961 nach Deutschland. Inzwischen lebt er in der Nähe von Salzburg.

Sein alter Freund und Mit-Pionier des deutschen Internets, Harald Summa vom eco Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V., hat ihn am 30. November für sein „Lebenswerk“ ausgezeichnet. Ein bisschen früh, findet er   – denn er denkt,  sein Lebenswerk sei noch längst nicht abgeschlossen. Aber es hat halt gerade so schön gepasst, weil ohnehin die eco awards 2018 vergeben wurden. Ein paar ernste Worte hat er dabei auch gesagt: "Ich habe das Web von Anfang an erlebt, und ich bin heute sehr besorgt über die Richtung, die es genommen hat. Und deshalb habe ich mein neues Buch geschrieben, „Wild Wild Web – Was uns die Geschichte des Wilden Westens über die Zukunft der Digitalen Gesellschaft lehrt. Es gibt, wenn man genau hinschaut, viele Parallelen zwischen zwischen dem Wilden Westen und dem World Wide Web, das heute ja zumindest historischen noch in den Kinderschuhen steckt. George Santayana, ein Spanier, der nach Amerika auswanderte – das ging damals noch – und dort zu einem der wichtigsten Philosophen des 20sten Jahrhunderts wurde, sagte bekanntlich: „Wer nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“"

In seinem Buch "Wild Wild Web" , erschienen im Ch. Beck-Verlag (auch online zu bestellen), schlägt Tim Cole  vier Wege vor, um das Web zu reparieren: Regulierung, Technologie, Solidarität und Ethik. Wünschenswert, dass dies auch alle Verantwortlichen lesen und umsetzen - und zwar möglichst bald, bevor es zu spät und die Geshichte micht mehr umkehrbar ist.

2019. Buch. 226 S.: mit Abbildungen. Hardcover,Vahlen ISBN 978-3-8006-5788-9

(Redaktion)


 

 

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