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  • 14.11.2015, 12:07 Uhr
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  • Berlin
BUNDESMEDIENBALL / PREISVERLEIHUNG

Bundesmedienball: arm, aber sexy und auch ein bisschen politisch

Am gestrigen Freitagabend fand zum zweiten Mal der Bundesmedienball satt: als alternative Veranstaltung zum Bundespressball. Nach der Verleihung des "Raif Badawi Award" brachten Culcha Candela und Helmut Zerlett die 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien zum Tanzen.

Das historische Ballhaus Berlin an der Chauseestraße in Mitte bot mit seinem alten, roten Plüsch und seiner Nähe zum „Arbeiterbezirk“ Wedding das passende Ambiente zur Berliner Realität „arm  aber sexy“. Und so durfte man auch rauchen, privat telefonieren, simsen  und zwischenrufen während der Preisverleihung. Diese Berliner Medienleute sind offensichtlich abgehärtet und alternativ bis proletarisch gesinnt. An der Bar wurden dann auch Cocktails namens "Gauck" angeboten, statt Austern gab es Gemüsedöner, statt Champagner Crémant gereicht und die Tickets kosteten rund 100 Euro – und damit nur einen Bruchteil der Karten für den Bundespresseball. Dies war auch einer der guten und berechtigten Gründe für diese erfolgreiche Ausweichveranstaltung zum Bundespresseball, der Ende November stattfindet.  

Der Bundesmedienball unterstützt zudem mit einer Tombola junge Journalisten, die für Pressefreiheit und Menschenrechte kämpfen. Das Projekt wurde von der international media alliance (ima) organisiert. ima ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der die Vernetzung und den Austausch von Journalisten zu global relevanten Themen fördert und sich für die Förderung von Meinungsfreiheit und kritischer Berichterstattung im In- und Ausland einsetzt.

Vor der Eröffnung des zweiten Bundesmedienballs wurde erstmals der "Raif Badawi Award for courageous journalists" verliehen. Moderator des Abends war Constantin Scheiber, der junge deutsche Journalist, Politik-Berater und Buchautor ist in Ägypten bereits ein Medienstar – er moderiert als erster Deutscher für Al Jazeera. An diesem Freitagabend moderierte er smart und ein bisschen politisch durch den Abend. 

Ali Anouzla wurde hier von der International Media Alliance der erste Raif-Badawi-Preis für seinen "mutigen Journalismus" verliehen. Die Auszeichnung wurde nach dem saudi-arabischen Blogger benannt, der wegen angeblicher "Beleidigung des Islams" zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt wurde. Die Laudation für den Award hielt die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. "Raif ist der einzige, der diesen Preis wirklich verdient hat", sagte Anouzla. Überreicht wurde die Trophäe von Badawis Ehefrau Ensaf Haidar. "Heute habe ich das Gefühl, er ist bei mir", sagte sie.  

Business-on.de sprach mit dem Preisträger Ali Anouzla.

Ihre Internetzeitung lakome.com wurde geschlossen. Sie machen mit lakome2.com weiter. Freuen Sie sich über den Preis hier in Berlin?

Anouzla: "Ich war Chefredakteur von arabischsprachigen Zeitungen, die wegen Kritik an der Monarchie verboten wurden. 2010 gründete ich die Onlinezeitung lakome.com, die zum Sprachrohr des Arabischen Frühlings wurde, Ich wurde verhaftet und nach internationalen Protesten, darunter von Reporter ohne Grenzen und Amnesty International, kam ich wieder frei. Für die engagierten Journalisten in unserem Land und auch in anderen arabische Länder ist jeder Preis für die Pressefreiheit eine Ehre und hilft uns sehr bei der Arbeit. Nun bin ich zum ersten Mal in Berlin und freue mich sehr darüber."

Wie ist die Presse-Situation in Marokko? Marokko ist für uns mehr ein Tourismus / Urlaubsziel…

Anouzla: "Die Fernsehnachrichten und Printmedien in arabischer Sprache, also die, die ein breites Publikum und somit das Volk erreichen, dürfen einige Grenzen nicht überschreiten, ohne den Zorn der Regierung auf sich zu ziehen: die Legitimität des Königshauses, Marokkos Souveränität, Gott und die Religion – all diese Themen sind tabu. Das musste ich bereits mehrmals selbst erfahren, wie gesagt. Man muss wissen, was man sagt und schreibt, und was besser nicht.Glücklicherweise ist die Region stabil und als Journalisten geht es uns besser als in den umliegenden Ländern – aber im  Vergleich zu Europa ist das auch bei uns sehr eingeschränkt. Wir haben keine Demokratie und keine Presserechte, und deshalb ist es bei unserer Arbeit immer risikoreich und gefährlich. Als Urlaubsland hingegen sind wir natürlich zu Recht sehr beliebt."

Was wünschen Sie sich und für Ihr Land?

Anouzla: "Wir hoffen, dass die Freiheit der Bevölkerung sich verstärkt und wir auch im Medienbereich eines Tages die demokratischen Rechte durchsetzen werden. Das kann realisiert werden. Ich glaube fest daran  – wie alle engagierten Journalisten auf der Welt. Ich bin Optimist: diese Hoffnung stirbt nicht."

Martina Wagner  

(Redaktion)


 

 

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