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Interview mit Bernward Siebert

Demographischer Wandel – Wie können sich Betriebe darauf einstellen?

Der demographische Wandel ist in aller Munde. In Zukunft, so heißt es, müssen deutsche Arbeitnehmer länger arbeiten. Auf der anderen Seite besteht nach wie vor ein Trend zur Frühverrentung. Pepp, eine Dienstleistung, angeboten von Arbeitsmedizinern der TÜV Rheinland Holding AG, berät Unternehmen mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter bis in das Rentenalter zu erhalten.

Bernward Siebert, leitender Arbeitsmediziner des AMD der TÜV Rheinland Holding AG, im Gespräch mit Berlin.Business-on.de über die Konsequenzen des demographischen Wandels und den richtigen Umgang mit älteren Arbeitnehmern in Betrieben.


Berlin.Business-on.de: Was machen Unternehmen häufig falsch im Umgang mit älteren Arbeitnehmern?

Bernward Siebert: Aus der heutigen Sicht verhalten sich die Unternehmen nicht unbedingt falsch - mittel- oder langfristig allerdings schon. Die vorhandene Praxis ältere Arbeitnehmer (AN) nicht weiterzubilden, nicht zu fördern, ihre Leistungsfähigkeit auch gesundheitlich nicht zu erhalten und sie möglichst frühzeitig in die Rente zu entlassen, wird bereits in den nächsten 2 Jahren in vielen Branchen, Probleme beim Erhalt der der Produktionsleistungen ergeben. Der AN-Markt wird deutlich ausdünnen. Preiswerte junge Akademiker und ausgebildete Fachkräfte werden nicht mehr in ausreichender Zahl zur Auswahl zur Verfügung stehen. Das wird den freien Arbeitsmarkt deutlich verändern. Unternehmen , die nicht rechtzeitig die Leistungsfähigkeit durch gezielte Maßnahmen bei ihren AN erhalten, werden Schwierigkeiten haben den Nachwuchs zu generieren.

Berlin.Business-on.de: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Bernward Siebert: Nicht ausgewogene Personalpolitik mit einem guten Altersmix der Belegschaft, wird einzelne Betriebe vor große Herausforderungen stellen. Nehmen wir einen Betrieb, dessen heutiger Altersdurschnitt zwischen 40 – 45 Jahren liegt, der wird in 10- 15 Jahren in schneller Folge viele Wissensträger in die Rente verlieren. Während der Arbeitsmarkt den Fachkräftenachwuchs nicht ausreichend ausbilden kann.
Oder: Erhöhte Arbeitsbelastungen können zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen in allen Altersgruppen (30, 40, 50 plus) bei Beschäftigten führen, die Arbeitsfähigkeit Einzelner einschränken und so die frühzeitige Berentung notwendig machen. Hohe Beanspruchungen führen oft zu längeren krankheitsbedingten Ausfällen, wodurch dem Betrieb höhere Bereitstellungskosten entstehen, Arbeitsplätze langfristig blockiert sind und die Produktionskosten deutlich steigen.

Berlin.Business-on.de: Und was können Arbeitgeber dagegen unternehmen?

Bernward Siebert: Eine detaillierte Belastungs- und Beanspruchungsanalyse ( PEPP, Demographieberatung für Betriebe der AMD TÜV)) der betrieblichen Struktur, der Arbeitsabläufe, der Arbeitsbedingungen und weiterer betrieblichen Rahmenbedingungen gibt Hinweise und zeigt Handlungsfelder auf, die dann in Maßnahmenplänen bearbeitet werden können. Es ist wichtig, alle betrieblichen Einflüsse zu analysieren und nicht nur an einzelnen Problemen oder Symptomen zu arbeiten. Es reicht eben nicht aus eine Rückenschule für Mitarbeiter durchzuführen, wenn sich die belastenden Arbeitsbedingungen nicht ändern. Wir die AMD TÜV haben mit PEPP (Potentiale Erhalten, Problemorientiert, Praxisnah) ein detailliertes Analyseverfahren entwickelt, um betrieblich spezifische Handlungspläne aufzustellen, um die Leistungsfähigkeit der AN, der älteren Arbeitnehmer, langfristig zu erhalten.

Berlin.Business-on.de: Welche Vorteile haben ältere Arbeitnehmer gegenüber den Jüngeren und andersherum?

Bernward Siebert: Das ist einfach darzustellen, aber führt erstmal auch zu der Frage der Definition: Wann ist man ein älterer AN (red.: älterer Arbeitnehmer)? Alle, die sich mit dem demographischen Wandel beschäftigen, reden vom AN ab 30, 40, 50 Plus. Also auch der anscheinend jüngere AN unter 40 Jahre, ist bei spezieller Betrachtung bereits als älterer AN zu betrachten. Jüngere AN sind lernfähiger, haben eine größere Lernbereitschaft und sind körperlich besser belastbar. Ältere haben dagegen ein größeres Erfahrungswissen, eine bessere Arbeitsmoral und –disziplin , ein größeres Qualitätsbewusstsein und eine höhere Loyalität. Teamfähigkeit, theoretisches Wissen und psychische Belastbarkeit sind im Vergleich der Altergruppen ähnlich.

Berlin.Business-on.de: Welche Fehler hat Ihrer Meinung nach die Regierung im Umgang mit dem demographischen Wandel gemacht? Welche positiven Signale wurden wiederum gesetzt?

Bernward Siebert: Ich beschäftige mich seit 1994 bereits mit dem Thema des demographischen Wandels. Darauf gestoßen bin ich durch einen Artikel in einer Tageszeitung, über eine parlamentarische Initiative der damaligen Bundesregierung, zur Demographie. Vor 14 Jahren war diese kommende Entwicklung noch kein allgemein verstandenes Problem und nicht in der Wirtschaft akzeptiert. Auch heute wird dieses Thema noch in vielen Branchen verdrängt. Erst im Jahr 2000 wurde von der Regierung die Initiative „INQA“ (Initiative Neue Qualität für Arbeit) gegründet, in der der Arbeitskreis „Demographie“ einen großen Raum einnimmt. Von staatlicher Seite wurde frühzeitig auf die Entwicklung, beginnend mit wirtschaftlichen Auswirkungen ab dem Jahr 2010, hingewiesen. Jedoch die Interessen und der Einfluss der Wirtschaft veranlassten die Regierungen sich nicht demographiegerecht zu verhalten. Die Möglichkeit ältere AN frühzeitig zu berenten, war und ist noch immer ein entgegenkommen der Regierung, die der demographischen Entwicklung des Arbeitsmarktes entgegen läuft. Firmen, die sich mit dem demographischen Wandel auseinandersetzen wollen, können sich umfassend über die Internetseite der INQA oder der Fachberatung der AMD TÜV zu PEPP beraten lassen.
Berlin.Business-on.de bedankt sich für dieses Interview.
Bei Fragen können Sie sich an [email protected] wenden.

(Redaktion)


 


 

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