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Interview mit Ralph Anderl, ic! berlin

Deutschland – Ein Arbeitnehmerland und gründungsfeindlich?

Ralph Anderl ist Berliner Unternehmer und Repräsentant der diesjährigen DeGUT. Der passionierte Entrepreneur möchte damit alle inspirieren, die mit dem Gedanken einer Gründung spielen. Sein eigenes Unternehmen ic! berlin fertigt schraubenlose Modebrillen aus Edelstahl – Madonna nennt bereits vier Exemplare ihr eigen –, deren Stecksystem bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Business-on.de sprach mit dem „Blechbrillenverkäufer“ aus Leidenschaft.


Business-on.de: Welche Bedingungen bietet die Stadt Berlin für Gründer ?

Ralph Anderl: Berlin bietet Gründern optimale Bedingungen. Die Stadt hat Raum in allen Dimensionen. Berlin inspiriert und befruchtet. Weil sich in Berlin alles bewegt, fühlt man sich als ‚Beweger’ automatisch heimisch. Hinzu kommt, dass hier nicht alles ‚about money’ ist. Die Menschen hier sind nicht so geldfixiert wie in anderen Metropolen, einfach, weil alles günstiger ist und Status eine kleinere Rolle spielt bzw. sich nicht vom Geld ableitet.

Business-on.de: Wie wichtig ist die Standortwahl für eine Unternehmensgründung?

Ralph Anderl: Die Stadt ist unser Name: ic! berlin = I see Berlin = Ich sehe Berlin. Da muss man fast nichts mehr sagen. Wohin sollten wir gehen? Wo könnte es uns besser gehen? I see Kassel? Unsere Kunden weltweit kommen immer wieder gerne in die Stadt, wegen der Stadt und um unsere Firma und Produktion in deren Herzen, im Prenzlauer Berg, zu besuchen.

Business-on.de: Die DeGUT beginnt morgen. Welchen Beitrag kann die Messe für Gründer und Wirtschaft leisten?

Ralph Anderl: Das Thema Firmengründung könnte entkrampft werden. Den vielen besorgten, ängstlichen Blicken auf das ‚Selbst-Losstarten’ sollten positive Visionen und Beispiele gegenüber gestellt werden. Deutschland ist ein Arbeitnehmerland und gründungsfeindlich. Nicht weil es an Förderung, Krediten oder Hilfen mangelt, sondern weil die grundsätzliche Einstellung gegen Bewegung und Neuerungen ist und eine Affinität zum passiven Angestelltendasein im Sinne einer Untertanenmentalität wahrscheinlicher ist. Äußert man den wagemutigen Gedanken, sich selbstständig machen zu wollen, bekommt man vielfach einen grauen Fächer aller möglichen, eventuell damit in Zusammenhang stehenden Gefahren, Risiken und Fallen vorgehalten.

Business-on.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Brillen ohne Schrauben herzustellen?

Ralph Anderl: Ich bin zufällig in dieses Schwimmbecken gefallen. Ein innerer Trieb, selbst etwas zu unternehmen und wirtschaftlich aktiv zu werden, schlummerte indes schon immer in mir.

Business-on.de: Welches Marketinginstrument ist für Sie besonders wichtig, um die Marke von ic! berlin bekannter zu machen?

Ralph Anderl: Ein amerikanischer Kunde bemerkte einst: „You are so real.“ Das wichtigste Marketinginstrument ist in gewisser Weise ein Antimarketinginstrument: Es ist Authentizität bzw. Echtheit. So wie das Gelenk ist, einfach und ohne Schnörkel, so ist unser Marketing. Aus klassischer Sicht eigentlich nicht vorhanden und damit in Differenz zur Konvention besonders grell – ohne zu blenden. Oder noch ein Beispiel: Auf dem Etui aller ic! berlin-Brillen steht meine persönliche ‚private Mobilnummer’: questions, call ralph: +49 (0)177 240 9 150.

Business-on.de: Die erste Finanzierung bei Gründern ist oft schwierig: Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?

Ralph Anderl: Unser Konzept basierte darauf, wenig Geld zu benötigen und Kosten von Anfang an zu vermeiden. Das erste Geld kam von uns. Das zweite Geld von Kunden, die bedruckte Zettel kauften, mit dem Versprechen auf eine Brille, die es (noch) nicht gab. Das dritte Geld liehen uns die Schauspieler Corinna Harfouch und Peter Lohmeyer durch ihre Unterstützung an der Produktplacementfront. Das vierte Geld kam von den Kunden, die in größerem Maßstab unsere Brillen kauften und schnell bezahlten. Und erst das fünfte oder sechste Geld kam von der ‚lieben’ Deutschen Bank. Ich bin gegen Förderung und für mehr Freiheit und Einfachheit beim Gründen. Kreativität in allen Bereichen!

Business-on.de: Ein Blick zurück: Welchen Fehler aus Ihrer Gründerzeit würden Sie heute nicht mehr begehen?

Ralph Anderl: Diese Frage ist so schwer, dass ich einen Experten anrufen müsste... Spontan fällt mir nichts ein, weil in allen ‚Fehlern’ immer auch der Keim für eine wichtige neue Lösung und Erkenntnis begraben liegt.

Business-on.de: Welche Eigenschaft als Unternehmer hat Ihnen am meisten während der Gründungsphase geholfen?

Ralph Anderl: Der unbedingte Glaube an den Erfolg der Mission und dabei die Arbeit nie als Arbeit wahrzunehmen, sondern als Bestandteil der Mission. Aus der Gründerperspektive ist der Begriff ‚Arbeit’ sowieso völlig inkompatibel mit dem Arbeitnehmerbegriff von ‚Arbeit’. Das führt häufig zu Missverständnissen, was im industriellen Bild der Arbeit begründet liegt: Das Vor- und Nachindustrielle wird immer unternehmerisch konnotiert sein. Die Industriegesellschaft konventioneller Prägung geht damit jetzt langsam ihrem Ende entgegen und da wäre es doch genial, wenn Tausende Mitarbeiter aus ‚systemwichtigen Staatsbetrieben’ ihre Chance bekämen, das Abenteuer der Selbstständigkeit erleben zu dürfen, ohne vorher einen Staatsbankrott miterleben zu müssen. In Deutschland wohl eine Utopie. Indes die DDR ist ja wider Erwarten auch zusammengebrochen.

Herr Anderl, Business-on.de dankt Ihnen für das Interview.

(Niels Petersen)


 


 

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