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KPM-Retter Jörg Woltmann im Interview

Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin könnte von der Wirtschaftskrise sogar profitieren

„Welcher Unternehmer bekommt schon die Chance ein Kulturgut zu retten?“ Jörg Woltmann hat die Königliche Porzellan-Manufaktur im Februar 2006 vor der Insolvenz bewahrt und damit eine der letzten Luxusmarken der Welt übernommen. Er ist Berliner mit Herzblut und wollte der Stadt Berlin etwas zurückgeben. Seitdem betreibt Woltmann einen Spagat: einen halben Tag arbeitet er in seiner Bank, der Allgemeinen Beamtenkasse, und die andere Hälfte in der KPM. Berlin.Business-on.de traf den KPM-Inhaber zum persönlichen Gespräch.

Business-on.de: Herr Woltmann, vor knapp drei Jahren haben Sie die KPM als Inhaber übernommen. Was hat Sie besonders an dieser Aufgabe gereizt?

Jörg Woltmann: Das hatte in erster Linie etwas mit Patriotismus zu tun, weil ich nicht wollte, dass dieses deutsche bzw. Berliner Kulturgut untergeht. Das es auch etwas mit Mäzenatentum zu tun hat, das war mir durchaus bewusst. Mir war klar, dass ich eine der letzten Luxusmarken erwerbe, die weltweit verfügbar sind. Und welcher Unternehmer bekommt schon die Chance, ein Kulturgut zu retten!? Die Entscheidung ist dann innerhalb einer Woche gefallen.

Business-on.de: Wie und wann ist Ihr Kontakt zu KPM entstanden?

Jörg Woltmann: Das Unternehmen ist im Dezember 2004 privatisiert worden. Den Zuschlag hatte Franz Wilhelm Prinz von Preußen bekommen. Mein Hauptgeschäft ist das Bankgewerbe und mein Geldhaus hat damals die Privatisierung finanziert. So war ich nahe an der Geschichte dran.

Business-on.de: Dann gab es aber Probleme beim ersten Privatisierungsversuch…

Jörg Woltmann: Der Prinz von Preußen hatte die Aufgabe unterschätzt, aber er war nicht allein. Es steckte eine Investorengruppe dahinter, die sich dann sehr schnell untereinander zerstritten hat. Der Prinz suche daraufhin neue Teilhaber , die er aber nicht fand. So ging es im ersten Halbjahr 2005 rasant bergab mit der Manufaktur. Das Unternehmen stand im September des gleichen Jahres kurz vor der Insolvenz. Das war der Augenblick in dem ich gesagt habe, dass will ich nicht zulassen.

Business-on.de: Sie waren ja bereits mit einem Bein im Geschäft…

Jörg Woltmann: Nein, bei einer Insolvenz hätte ich überhaupt kein Geld verloren, meine Sicherheiten waren stabil. Doch dafür bin ich nicht angetreten. Ich wollte das Unternehmen hier in Berlin halten. Das war der Grund, warum ich der Finanzierung für den Prinzen zugestimmt habe, weil dieser sich verpflichtet hatte, weiterhin in Berlin zu produzieren. Hätte er es nicht bekommen, wäre die KPM wahrscheinlich an ein chinesisches Konsortium gegangen. Aber ich wollte dieses Kulturgut für Berlin erhalten und nicht Insolvent gehen lassen – so habe ich das Unternehmen mit allem positiven und negativen übernommen.

Business-on.de: Ihr Ziel beim Amtsantritt war, das KPM in drei Jahren wieder schwarze Zahlen schreibt. Wie entwickelt sich die Manufaktur?

Jörg Woltmann: Im nächsten Jahr streben wir ein ausgeglichenes Ergebnis an. Wir müssen natürlich sehen, wie sich die Wirtschaftslage durch die Finanzmarktkrise verändert. Und wir wissen nicht, wie sich der Luxusgütermarkt in den nächsten ein bis zwei Jahren entwickeln wird. Aber ich sehe das für die Manufaktur nicht so tragisch, denn von einer Flucht in die Sachwerte würde die KPM profitieren. Die Krise kann deshalb für uns durchaus einen positiven Effekt haben.

Business-on.de: Was hat sich unter Ihrer Führung verändert? Mussten Sie hart sanieren?

Jörg Woltmann: Nein, wir haben keine Mitarbeiter entlassen müssen. Wir sind eine Manufaktur, wir müssen gesund wachsen und nicht gesund schrumpfen – über 80% der Tätigkeiten sind Handarbeit. Mehr als 170 Mitarbeiter arbeiten inzwischen für die KPM und wir haben einige neue Lehrlinge eingestellt, die Manufakturmalerei erlernen.

Business-on.de: Was haben Sie unternommen, um die Manufaktur als Luxusmarke auszubauen?

Jörg Woltmann: Die Region Berlin, wo die Ursprünge der Manufaktur liegen, haben wir sehr gestärkt: Wir haben die Verkaufsgalerie in der Ofenhalle und die KPM-Welt als Dauerausstellung eröffnet. Außerdem haben wir in Potsdam und im Kempinski-Hotel eine Galerie eröffnet, zwei weitere sind in Köln und Hamburg. Wir haben zudem national mit Fachhändlern Verträge geschlossen. Im Export wachsen wir stark: Wir haben eine Galerie in Shanghai und in Taiwan macht bald eine weitere auf. 

Business-on.de: Exportieren Sie viel Porzellan ins Ausland? Wo befindet sich Ihr Hauptabsatzmarkt?

Jörg Woltmann: Als ich die Manufaktur übernahm, hatten wir einen Exportanteil von 7%. In diesem Jahr wird er auf 20% steigen und in drei Jahren erwarten wir einen Anteil von 40%. Unsere Hauptabnehmer sind die USA, Russland, Asien, aber auch Indien.

Business-on.de: Friedrich der Große nannte sich als Eigentümer auch seinen besten Kunden. Sind Sie ebenfalls Porzellan-Liebhaber und Sammler?

Jörg Woltmann: Ich bin Porzellan-Liebhaber. Bis zur Übernahme war ich reiner Nutzer von KPM-Porzellan, aber noch kein Sammler. Inzwischen bin ich beides.

Business-on.de: Gibt es bei der KPM persönliche Lieblingsmotive von Ihnen?

Jörg Woltmann: Jedes Stück ist ein Lieblingsstück − und ein Unikat. Die ‚Prinzessinnengruppe von Schadow’ ist z.B. eine Sammlung, die ich sehr liebe . Die besaß ich bereits vor der Übernahme der KPM.

Business-on.de: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt mit KPM-Porzellan?

Jörg Woltmann: Als kleines Kind gab es das bei uns zu Hause. Sonntags wurde vom guten KPM-Geschirr gegessen. Da musste man nicht Tischdecken und vor allem nicht abräumen oder abwaschen.

Business-on.de: Sie sind gebürtiger Berliner und Berliner Unternehmer des Jahres 2007, ein von den Familienunternehmern ASU vergebener Preis. Was schätzen Sie an der Stadt – sowohl persönlich als auch als Unternehmer?

Jörg Woltmann: Ich liebe diese Stadt. Ich bin Berliner mit Herzblut. Die Kultur, der Wandel, es ist überhaupt die Stadt für mich. Ich habe auch nie daran gedacht, sie als Unternehmer zu verlassen.

Business-on.de: Und wie war es in der geteilten Stadt?

Jörg Woltmann: Wenn man Berliner ist und mit der Teilung aufwächst, gewöhnt man sich daran, z.B. an die Schlangen am Grenzübergang. Ich habe die Stadt zu jeder Zeit geliebt. Und jetzt ist sie noch wesentlich interessanter geworden, weil permanent Veränderungen stattfinden. Berlin wandelt sich immer. Um Ihnen nur ein Beispiel zu nennen: Die Zentrale meiner Bank steht in der Invalidenstraße, ich komme jeden Tag am Berliner Hauptbahnhof vorbei. Eine Zeit lang gab es, jeden Morgen eine andere Verkehrsführung, Lücken und überall wurde etwas gebaut − das finde ich extrem spannend.

Herr Jörg Woltmann, Business-on.de dankt Ihnen für dieses Gespräch.

(Redaktion)


 


 

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