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Derya Ovali (TBB) im Interview

„Es geht nicht um die Integration der Frau, sondern um die Integration in den Arbeitsmarkt“

Integration ausländischer MitbürgerInnen- auch in Berlin ein Dauerthema. Dabei geht es nicht nur um das Erlangen von Sprachkompetenzen, sondern auch um das Nutzen beruflicher Qualifikationen. Derya Ovali, Vorstandsmitglied beim Türkischen Bund in Berlin- Brandenburg, sprach mit Berlin.Business-on.de über ein neues Weiterbildungsprojekt für türkische Frauen, schlechte Zuwanderungspolitik und Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt.

Berlin.Business-on.de: Frau Ovali, der TBB bildet ab September 22 türkische Frauen zur Integrationsmanagerin in Berlin aus. Welche Idee steckt dahinter?

Derya Ovali: Die Idee die dahinter steckt ist ganz einfach. Wir möchten Frauen, die durch Eheschließung aus der Türkei nach Berlin gekommen sind und einen akademischen Hintergrund haben, fördern und insbesondere für Bildungseinrichtungen gewinnen wollen. Also ihre Qualifikationen nutzen. Es geht uns nicht um die allgemeine Integration der Frauen, sondern um die Integration in den Arbeitsmarkt. Diese Frauen haben in der Regel ein Studium in der Türkei abgeschlossen oder aber mindestens 2-3 Semester studiert.

Berlin.Business-on.de: Die Frauen, die sich bisher beworben haben, haben alle in der Türkei bereits einen höheren Bildungsabschluss erworben. In Deutschland fehlt meist nach wie vor die Anerkennung dieser Abschlüsse. Besteht da, im Hinblick auf den Fachkräftemangel in Deutschland, nicht dringend Handlungsbedarf?

Derya Ovali: Sicherlich besteht hier ein großer Handlungsbedarf. Die Bundesregierung hat zum 01.Januar 2009 ein Aktionsprogramm für einen besseren Zugang von ausländischen Fachkräften beschlossen. Staatsministerin Maria Böhmer erklärte, dass rund 500.000 zugewanderte Akademiker in Deutschland leben und das deren Abschlüsse vielfach nicht anerkannt werden. Diese Personen gelten als ungelernte Arbeitskräfte. Nach dem neuen Aktionsprogramm sollen ausländische Abschlüsse formal anerkannt werden. AkademikerInnen aus Drittstaaten erhalten erst dann eine Arbeitserlaubnis, wenn es für den angebotenen Arbeitsplatz keine geeigneten inländischen BewerberInnen gibt. Die so genannte individuelle Vorrangprüfung ist bürokratisch, zeitaufwändig und in vielen Fällen kein effizientes Mittel zur Besetzung offener Stellen. Sie ist demnach untauglich, um einen positiven Beschäftigungsbeitrag zu leisten.
Ein Fachkräftemangel ist der Beweis einer unzureichenden Zuwanderungs- und Partizipationspolitik.

Berlin.Business-on.de: Die Frauen sollen nach der Ausbildung an Schulen und soziale Einrichtungen in Berlin vermittelt werden. Gibt es bereits Kooperationen mit derartigen Einrichtungen?

Derya Ovali: Der TBB bemüht sich zurzeit um Kooperationen. Wir werden unser weites Netzwerk ausschöpfen und hoffen auf eine Vermittlung von Arbeitsplätzen. Hier sind wir auch auf die Unterstützung der einzelnen Senatsverwaltungen in Berlin angewiesen.

Berlin.Business-on.de: Der TBB strebt eine Anerkennung des Berufsbildes der Integrationsmanagerin an. Wie und warum soll dieses Vorhaben umgesetzt werden?

Derya Ovali:
Die Anerkennung eines Berufsbildes ist ein langer Prozess, der über mehrere Jahre dauert. Wir erkundigen uns gerade beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) um eine Anerkennung zur Weiterbildung als Integrationsmanagerin.
Dieses Vorhaben soll umgesetzt werden, weil diese Frauen eine Bereicherung mit ihrem Wissen und ihrer Qualifikation sind. Einer Person mit einem ausländischen Abschluss zum/r LehrerIn keine Arbeitsmöglichkeit zu geben ist ein Verlust .

Berlin.Business-on.de: Wird es die Ausbildung auch in anderen deutschen Großstädten geben oder nur in Berlin?

Derya Ovali: Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg beschränkt seine Arbeiten und Interessen auf Berlin und Brandenburg. Es gibt ein ähnliches Projekt in Darmstadt, wo die TeilnehmerInnen zum/r „IntegrationsassitentIn“ ausgebildet werden. Aber natürlich bemühen wir uns um eine bundesweite Anerkennung.

Berlin.Business-on.de: Welche Maßnahmen würden Sie sich von Seiten der Politik wünschen, um die Integration türkischer Mitbürger in Berlin nachhaltig zu verbessern.

Derya Ovali: Ich wünsche mir eine Partizipationspolitik. Ich wünsche mir, dass nicht nur an der deutschen Sprache die Integration gemessen wird und der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit zum Ziel der Integration gemacht wird.
Das Bildungssystem muss der vielfältigen Gesellschaft angepasst werden, glücklicherweise bemüht sich Berlin um die Einrichtungen von Gesamt- und Ganztagsschulen. Auf dem Arbeitsmarkt müssen insbesondere mittelständische Unternehmen gefördert werden, denn in Berlin gibt es rund 6.800 Unternehmen von Berlinern türkischer Herkunft. Die meisten von ihnen sind aber keine Unternehmen die Ausbildungsplätze schaffen können. Der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit, insbesondere für Jugendliche, muss erleichtert werden. Wir müssen den starken Brain-Drain türkischer Studierender und Akademiker in Deutschland ernst nehmen und Perspektiven schaffen. Kinder und Jugendliche müssen in den Schulen zu einem politischen und sozialen Bewusstsein gefördert werden, sonst entwickeln wir uns weiter zu einer „Egal-Gesellschaft“. Die Bundespolitik muss den Menschen mit und ohne Qualifikation das Gefühl geben, dass sie dazu gehören.

Berlin.Business-on.de: Es gibt noch freie Plätze für die Ausbildung zur Integrationsmanagerin. Wenn sich eine Türkin angesprochen fühlt- wie und wo kann sie sich bewerben, welche Anforderungen muss sie erfüllen?

Derya Ovali:
Teilnahmebedingungen sind eine Hochschulzugangsberechtigung in der Türkei oder ein abgeschlossenes Studium mit pädagogischen/sozialen Anteilen in der Türkei oder ein mindestens 2-Semester-Studium in Deutschland. Bewerben können sich auch Frauen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung mit pädagogischen oder sozialen Anteilen. Außerdem muss jede Bewerberin einen Bezug von Arbeitslosengeld II nachweisen.
Ihre Bewerbungen richten sie an den TBB-Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg, Tempelhofer Ufer 21, 10963 Berlin (Mail: [email protected]).

(Redaktion)


 


 

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