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PR-Kolumne von Holger Wettingfeld

Strahlende PR

Steigende Akzeptanz für die Ökoenergie Atomkraft? Noch bis vor kurzem hätte eine solche These protestreiches Kopfschütteln ausgelöst. Doch mittlerweile erlebt diese «Hochrisiko-Technologie» sowohl in der Agenda der Tagespolitik, als auch in der Akzeptanz der Bevölkerung eine scheinbare Renaissance. Die Gründe dafür sind ein gutes Beispiel für eine gelungene Kommunikationpolitik und erfolgreiche PR, denn Öffentlichkeitsarbeit hat ja auch die langfristige Veränderung der Meinung der Bevölkerung zum Ziel - mittels überzeugender Argumente!

Während Atom-Cheflobbyist Walter Hohlefeld, Präsident des Deutschen Atomforums nicht müde wird auf die «äußeren Umstände» hinzuweisen, denen sich die Atomwirtschaft lediglich anpasse (ZDF-Talkshow «Maybrit Illner»), fragen sich mittlerweile PR-Profis, wer ist -knapp ein Jahr vor Beginn des nächsten Wahlkampf- für den spin verantwortlich, den Atomausstieg bis zur nächsten Bundestagswahl zu unterminieren, die Atomkraft als CO2-freie Übergangsenergieform neu zu etablieren und konsensfähig zu machen?

Trotz eines bestehenden Atomausstiegsprogramms, trotz potentieller GAU-Gefahr und AKW-Havarien, ungelöster Strahlenmüll Endlager-Problematik (aktuell Asse II) ist es den Verantwortlichen der Atomkonzernen gelungen, das Image dieser risikoreichen Stromgewinnung fast neu zu positionieren. Atomkraft, so die Argumente der AKW-Betreiber, sei CO2-frei und schütze das Klima. Diese Botschaft erhielt bislang angesichts steigender Energiepreise und beginnendem Klimawandel zunehmend Akzeptanz. Dazu beigetragen hat auch das dazu passende PR-Portal der Atomlobby (www.klimaschuetzer.de ), das die Jahresleistung von AKWs mit leichter Ironie abwechselnd unter «ungeliebter Klimaschützer der Woche» vorstellt.

Eingeläutet wurde diese neue energiepolitische Debatte (unfreiwillig?) von Wolfgang Clement. Der ehemalige SPD-Superminister warf sich vor der Hessenwahl für die Atomlobby in die Bresche. Seine Warnung vor einer Wahl Andrea Ypsilantis im Frühjahr begründete er ausschließlich mit «energiepolitischen» Bedenken. Denn als Energieminister im Schattenkabinett Ypsilanti ist kein Geringerer vorgesehen als Hermann Scheer. Der Atomkraftgegner und Solarexperte erhielt für sein Engagement für die diese alternative Energieform 1999 den alternativen Nobelpreis. Das Energieprogramm Scheers würde einen energiepolitischen Paradigmenwechsel einläuten. Um dies zu verhindern, riskierte der RWE-Lobbyisten Clement selbst einen Parteiausschuß.

Ein scheinbar plausibles Argument, das zu einem erfolgreichem Agenda-Setting führte, war die Forderung die Restlaufzeiten der AKWs zu verlängern. Begründet wurde dies von Politik und Stromwirtschaft, Deutschland drohe sonst eine «Stromlücke», da die produzierten Strommengen aus erneuerbaren Energien noch nicht ausreichten.

Die Hypothese des Agenda-Settings folgt der fast schon banalen Erkenntnis, dass die Medienberichterstattung die Themen der öffentlichen Diskussion vorgibt. Die Beeinflussung dieser Themenvorgabe strukturiert gleichzeitig die öffentliche Meinung. Eine effektive Kommunikationspolitik wird also immer zum Ziel haben, Themen zu besetzen. Die Macht, Themen auf die Agenda zu setzen sind von entscheidender Bedeutung bei der Gestaltung des öffentliches Diskurses. Nur, wer hat z.B. die Macht die Meinung einer Bevölkerung zu solch einem kontroversen Thema in solch kurzer Zeit zu verändern? Und hier kommt die Kommunikationspolitik ins Spiel.
Klarheit darüber, welche Kommunikationswege diese Veränderung der Meinung gegangen werden, schafft die sogenannte «Laswell»-Formel: Die 1940 vom US-Politikwissenschaftler Harold D. Laswell entwickelte Formel: «Who says what, in which channel, to whom, with what effect?» strukturierte jahrzehntelang die Kommunikationswissenschaft und ist auch in diesem aktuellen Fall aufschlußreich. Denn die AKW-Betreiber haben sich nicht direkt an ihre Zielgruppe, dem Endverbraucher gerichtet, um ihre Botschaft zu platzieren, sondern indirekt über ihre Bezugsgruppen geleitet. Dort wurden sie je nach inhaltlicher Positionierung zur Atomkraft abgelehnt (Umweltverbände, Grüne, Umweltministerium) oder unterstützt (BDI, Bundeswirtschaftsministerium). Massenmediale Multiplikatoren haben diese neue Debatte dann auf die Agenda gesetzt. Der SPIEGEL widmete sich der neuen Sichtweise auf den Atomstrom mit einer Titelgeschichte. Vor allem aber für meinungsbildende TV-Medien, Polit-Talkshows in ARD und ZDF war dieser emotional hoch besetzte Atomstreit ein ideales Quoten-Thema. Flankiert wurden diese neuen Argumente der Atomkraft mit positiven Testimonials ihrer Produkte, in dem Fall Testergebnisse. Sowohl Vattenfall als auch die RWE- Ökostrommarke «Naturstrom» wurden plötzlich vom «Deutschen Institut für Service Qualität» in ganzseitigen Anzeigen bundesweit für «gut» befunden.
Die Arbeitsteilung in der Kommunikationspolitik zwischen Atomwirtschaft und Bundeswirtschaftsministerium wird deutlich am Argument der «Stromlücke».
Die dem Bundeswirtschaftsministerium nahestehende  «Deutsche Energie Agentur» (dena) kam in einer Studie zu eben solchen Ergebnis:  Der vereinbarte Atomausstieg führe in Deutschland mittelfristig zu einer Versorgungslücke. Würden die 17 deutschen Meiler wie im Atomkonsens vereinbart, schrittweise abgeschaltet, drohten Deutschland gravierende Versorgungsengpässe. Alternative Energieträger könnten den Gesamtstrombedarf langfristig nicht decken. Deshalb sei eine Verlängerung der Restlaufzeiten notwendig.
Diese Botschaft wird seitdem unisono von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und seinem Ministerium als auch von Vertretern der Stromwirtschaft, wie Eon-Chef Wulf Bernotat, massenmedial verkündet.

Am 9. August zitierte die Berliner Zeitung jedoch eine Studie der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (www.ag-energiebilanzen.de ), die die Aussage der dena-Studie in einem zentralen Punkt diametral widerlegt: Eine Stromlücke wird es nicht geben, vielmehr fände ein Exportboom deutschen Stroms statt! Im ersten Halbjahr 2008 wurde ein Exportüberschuß von 14,4 Terrawattstunden produziert (2007:10,8Twh), was einer Jahresleistung vom zwei Atomkraftwerken entspricht. (www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0809/politik/0050/index.html ). Und das obwohl 2007 und 2008 bis zu vier AKWs wegen technischer Probleme abgeschaltet sind bzw. waren.
Doch wer jetzt vom Wirtschaftsministerium eine ähnlich Medienoffensive für diese an sich positive Nachricht erhofft hatte, wurde bald darauf eines Besseren belehrt: Am 12.9. hielt Wirtschaftsminister Glos via BILD die Gefahr einer «Stromlücke» ohne Verlängerung der Restlaufzeiten der AKWs weiterhin aufrecht.
Danach wurde das Thema von der Agenda verdrängt – von Olympia und dem Georgien-Konflikt. Aber Atompolitik ist wie ein Korken - spätestens zum Bundestagswahlkampf wird  das Thema wieder hochkommen.

Abschließend sei noch auf eine kleines Zahlenverhältnis zur alternativen und fossilen Energiepolitik hingewiesen: Die Sonne strahlt in nur 60 Minuten die Energiemenge (kostenlos!) auf die Erde, die die Menschheit pro Jahr(!) an größtenteils fossilen Energien verbraucht. Der Energievorrat der Sonne scheint (ohne Entsorgungsproblem!) noch 5 bis 10 Milliarden Jahre! Die Vorräte fossiler Energieträger reichen bei gleichbleibender (umweltbelastender) Förderung maximal noch 200 Jahre.
Die Zahlen sprechen für sich – die Schlußfolgerungen für Politik, Lenkung von Forschungsgelder, Wirtschaft und PR auch.

(Holger Wettingfeld)


 


 

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