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Kolumne von Alexandra Schwarz- Schilling

Innovation, Innovation, Innovation

Innovation schallt es von überall her. Die fortwährende Erschließung des Neuen gilt als Basis der Wettbewerbsfähigkeit. Sie soll die erlahmte Wirtschaft wieder in Schwung bringen und damit den künftigen Wohlstand garantieren. Doch dass man Neues ohne die Zerstörung des Alten haben könne, ist nur eines der Missverständnisse im allgemeinen Innovations- und Wachstumstaumel.

Die Wachstumsideologie stellt niemand in Frage. Wachstum scheint unsere ultimative Bestimmung zu sein. Wachstum lässt sich in Zahlen messen und vergleichen, wird von Politikern und Ökonomen beschworen und ist die Messlatte für das einzelne Unternehmen und damit für den einzelnen Mitarbeiter. An Wachstumszielen werden wir auch individuell gemessen. Sie definieren, was Erfolg ist.

Ungeachtet dieser durchaus fraglichen Grundannahme, dass Wachstum die einzig segenbringende Größe ist, haben sich die Wachstumsmotoren durchaus geändert. Was früher Fleiß und Arbeitsmoral waren, ist spätestens seit Ende des letzten Jahrtausends die fortwährende Erschließung des Neuen und seine Umsetzung in neue Produkte und Prozesse: Innovation eben. Es gibt Innovationswettbewerbe in unterschiedlichsten Disziplinen, es werden Listen der innovationsfreudigsten Unternehmen geführt, und wer immer noch nicht begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat, der wird von der EU, die 2009 zum "Jahr der Kreativität und Innovation" gekürt hat, eines Besseren belehrt. Innovation ist zu einem Schlüsselbegriff in unserer Gesellschaft geworden.

Wenn ein Begriff so strapaziert wird, kann man in der Regel davon ausgehen, dass irgendetwas faul ist. Meistens handelt es sich um mehr als einen blinden Fleck und es lohnt sich genauer hinzuschauen:

1.Blinder Fleck
Innovation wird selber bereits wieder als Ergebnis verstanden, als schöne, tolle, neue Produkte und effiziente Verfahren -, aber wenig bis gar nicht als Prozess. Wie wir zu mehr Innovationen kommen, wie wir Wissensarbeit besser und - wahrscheinlich - anders organisieren müssen, fragt kaum jemand. Der Output, das Ergebnis, möglichst in Zahlen gemessen ist, was zählt. Hinzu kommt, dass Innovation immer noch von einzelnen Genies erwarte wird. Individuelle Eigenschaften, wie natürliche Begabung, Scharfsinn und Erfindungsgeist sollen gefördert und unterstützt werden. Offensichtlich denken wir zu sehr auf das Individuum bezogen, warten auf die ingeniöse Idee Einzelner, statt in der Zusammenarbeit möglichst heterogener Teams die "Weisheit der Vielen" systematisch nutzbar zu machen.
Möglichkeit: mehr Open Space Verfahren einsetzen (selbst eine Innovation), besonders auch in Unternehmen, um das Wissen, das vorhanden ist, zum Wohle aller nutzen zu können.

2.Blinder Fleck
Innovation wird stillschweigend mit technischer oder wissenschaftlicher Innovation gleichgesetzt. Von solchen Innovationen wird auch das zukünftige Heil erwartet. In wie weit soziale und gesellschaftliche Innovationen unsere Entwicklung beeinflussen, vorantreiben oder verändern findet wenig Beachtung. Dabei sind die sozialen Innovationen der letzten Jahrzehnte beachtlich. Verglichen mit Laptops, Handys oder Airbags bleiben sie aber seltsam diffus und ungreifbar. Das bekannte Missverhältnis in der Wertung "harter" und "weicher" Faktoren spiegelt sich auch in der - insgesamt recht jungen - Geschichte der Innovation. Soziale Innovationen sind neue Organisationsformen, Arbeitsweisen, Prozessbegleitung, Mediationsverfahren, auch Coaching gehört hierher (und groß ist auch hier das Bedürfnis in Zahlen messbare Ergebnisse zu produzieren), Lebensstile, Bürgerinitiativen, Partnerschaftsmodelle und neue Problemlösungsstrategien. In der Realität gehen soziale und technische Innovationen Hand in Hand und beeinflussen sich wechselseitig.
Möglichkeit: Konsequent auf weiche Faktoren setzen, indem sie genau so viel (nicht mehr) Beachtung erfahren wie die guten alten Zahlen.

3.Blinder Fleck
Man will mehr Innovation, mehr vom schönen Neuen, aber sonst soll bitte schön möglichst alles beim Alten bleiben - keine Veränderung von Strukturen, Prozessen, Hierarchien, kein Abdanken des Alten. Die Einsicht, dass Innovation immer Zerstörung des Alten bedeutet, ist längst noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Innovationen sind Akte "schöpferischer Zerstörung", wie Joseph A. Schumpeter, der Erfinder des Innovationsbegriffs, definiert. Sie ist ihr Wesensmerkmal. Innovation definiert das Bestehende neu, schafft neue Verhältnisse und lässt manch Bewährtes ganz schön alt aussehen. Dabei ist es keineswegs so, dass Neues einfach nur Altes ersetzt. Innovation schafft ein Mehr an Möglichkeiten. Vorne wächst die Vielfalt, während hinten Altes abstirbt. Innovation gibt es also nicht umsonst. Sie verlangt eine Haltung, die das Neue begrüßt und es akzeptiert, wenn Altes vergeht.
Möglichkeit: die eigene Angst vor Veränderung konfrontieren und sich ernsthaft damit auseinandersetzen, z.B. im Coaching.

(Alexandra Schwarz- Schilling)


 


 

Alexandra Schwarz- Schilling
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