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Integration

Integration durch Fahrradkurse

Integration soll nun auch im Straßenverkehr erfolgen. In Berlin Neukölln werden Fahrradkurse für Migranten angeboten.

Der Lenker wankt nach links und rechts. Das Fahrrad fährt in Schlangenlinien. "Es ist ganz schön anstrengend. Man muss sich konzentrieren", sagt Azad (Name geändert) und bremst. In der Jugendverkehrsschule Neukölln lernt der 38-Jährige das Fahrradfahren. Zum zweiten Mal sitzt er heute auf dem Rad. Wer donnerstags regelmäßig zur Verkehrsschule kommt, dem könnte Azad auffallen. Nicht deshalb, weil er das Radfahren übt, sondern weil nachmittags eigentlich Frauen ihre Runden drehen.

So wie Hagar Levin. Die junge Frau aus Israel macht ihre ersten Erfahrungen mit dem für sie ungewohnten Fortbewegungsmittel. "Das ist etwas, was ich noch nie getan habe und wovon ich dachte, ich kann es auch nicht." In ihrer Heimat benutzten die meisten nur Busse und Autos, sagt sie. Auch, wenn sich der Erfolg in der ersten Stunde nicht gleich einstellt, vertraut sie darauf, es zu lernen.

Woche für Woche betreut Verkehrssicherheitsberater Burkhard Poschadel vom Polizeiabschnitt 55 in Neukölln den Radfahrkurs, der sich vor allem an Frauen nicht-deutscher Herkunft richtet. "Bei mir ist jeder willkommen. Die Teilnehmerinnen können auch deutsche Freundinnen aus anderen Stadtteilen mitbringen", erklärt Poschadel. "Und wenn ein Mann das Radfahren erlernen will, bringe ich es ihm natürlich bei."

Seit neun Jahren bietet die Polizei den Radfahrkurs mit dem Namen "Velomenal" kostenlos an. Die Idee zu dem Projekt stammt von Burkhard Poschadel und seinem Kollegen Peter Herzfeldt. Nach einer Stadtrallye mit Jugendlichen aus dem Rollbergkiez hatten einige Mütter sich nach einem Kurs für Erwachsene erkundigt. Laut Projektbeschreibung soll das Fahrradfahren die "soziale und interkulturelle Kompetenz" und auch die Integration der Teilnehmerinnen fördern. Über die sogenannten Stadtteilmütter und Mund-zu-Mund-Propaganda wurden die Kieze über das Projekt informiert.

240 Frauen lernen Radfahren

Etwa 240 Frauen hat Poschadel in den vergangenen Jahren schon das Radfahren beigebracht. Unterstützt wird er dabei von einer Mitarbeiterin des ADFC oder einer Stadtteilmutter. Die Unterrichtssprache ist Deutsch.

In Neukölln leben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 307.650 Einwohner. Knapp 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauftragter des Bezirks Neukölln, bewertet Projekte wie "Velomenal" positiv. Gerade für die ältere Generation sei es ein enormer Schritt, an solch einem Kurs teilzunehmen. "Insbesondere muslimische ältere Frauen scheuen das Radfahren, glauben mitunter, dass es für Frauen ungesund sei und der Koran es verbieten würde", erklärt er.

Durch den Kurs würden die Frauen vor allem unabhängiger und selbstbewusster, sagt Poschadel. "Für viele mag Fahrradfahren das Normalste von der Welt sein. Aber wenn eine Teilnehmerin das erste Mal fährt, ohne dass ich den Lenker festhalte - das ist einfach das Größte", erzählt er stolz.

Auch Azad macht Fortschritte. Mehrere Meter fährt er nun ohne die Hilfe des Polizisten. Azad stammt aus der Türkei. Vor fünf Jahren ist er nach Berlin gezogen. "Das Radfahren hat mich nie wirklich interessiert", erzählt er. Als Kind habe er Reiten gelernt und dann später den Führerschein gemacht. "Aber in Berlin fahren so viele mit dem Rad, das wollte ich auch gern können."

Den Kurs von Burkhard Poschadel hat er zufällig entdeckt, als er an der Verkehrsschule vorbeiging. Vom Fahrradunterricht hat er niemandem erzählt. "Das ist mein Geheimnis", sagt er.

Vor der Familie verheimlicht

Auch manche Teilnehmerinnen haben den Kurs schon vor der Familie verheimlicht. Eine Frau habe sich jeden Donnerstag aus dem ersten Stock ihrer Wohnung abgeseilt, um zum Kurs gehen zu können, erzählt Poschadel. Da habe er aber auch zusätzlich Kollegen informiert, da die Frau aus Spanien häufig eingesperrt worden sei.

Normalerweise fragt der Polizist jedoch nicht nach der Herkunft der Frauen oder nach ihren Vornamen. "Es spielt hier keine Rolle. Wir duzen uns alle untereinander. Das macht es unkompliziert", betont er. Eine Gruppe von etwa zehn Frauen erlernt derzeit, wie man richtig in die Pedale tritt. Manche von ihnen kommen fast jede Woche, manche unregelmäßig, weil sie arbeiten oder sich um ihre Kinder kümmern.

An diesem Donnerstag ist Azad der einzige, der die kleinen Straßen in der Verkehrsschule entlangfährt. Burkhard Poschadel kann sich so ganz auf seinen einzigen Schüler konzentrieren, neben dem Rad hergehen und zwischendurch Anweisungen geben. Eigentlich sei es aber schöner, wenn mehrere Teilnehmerinnen kämen. "Dann helfen sich alle gegenseitig. So entstehen auch Kontakte untereinander", erzählt er.

Azad findet es nicht schlimm, dass er der einzige Mann im Kurs ist. "Wenn man etwas neu lernt, sollte man es von Anfang an auch richtig lernen", sagt er. "Und das ist der beste Ort hier." Noch etwa zehn Wochen brauche Azad, bis er perfekt fahren kann, schätzt Poschadel. Für seinen "Schüler" steht jedenfalls jetzt schon fest, dass er sich dann sein erstes eigenes Fahrrad kauft.

(dapd/ Eva Zimmermann)


 


 

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