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  • 05.09.2017, 12:55 Uhr
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INTERVIEW / BERLINER KÖPFE

Rüdger Rubbert: "Ja, wir glauben, dass sich künftig Innovationen auch in der Medizintechnik auch in Deutschland schneller durchsetzen."

Das Berliner Unternehmen NDI AG hat ein neuartiges Verfahren entwickelt, um verlorene Zähne zu ersetzen. Business-On sprach mit NDI-Mitgründer und -Vorstand Rüdger Rubbert in Berlin.

Per 3D-Röntgenaufnahme des verlorenen Zahnes samt Kiefer wird eine exakte 1-zu-1-Kopie von Zahn und Zahnwurzel erstellt, der Replicate Tooth besteht dabei aus einer Titanwurzel und einer Keramikkrone. Schmerzhaftes Bohren entfällt bei diesem Verfahren komplett, das Replikat wird einfach in das leere Zahnfach implementiert. Nach vier Jahren intensiver Testphase steht das Replicate System nun weltweit vor der Einführung in den Massenmarkt. Business-On sprach mit NDI-Mitgründer und -Vorstand Rüdger Rubbert über das mehrfach patentierte Verfahren, den Unterschied zwischen den USA und Deutschland in puncto Innovation, eine laufende Crowdinvesting-Runde und darüber, was es zum Gründer braucht.

Business-on: Als Diplomingenieur und Werkzeugmacher haben Sie ein weltweit neuartiges Verfahren für den Zahnersatz entwickelt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Rüdger Rubbert: Die Idee kam mir bei einer Behandlung beim Zahnarzt, als mir ein Schraubimplantat eingesetzt wurde. Die grobmotorische Art, ein Gewinde in den Kieferknochen zu bohren, erschien mir total überholt und ich dachte mir, dass sich das mit moderner Technologie viel einfacher und angenehmer für den Patienten gestalten lässt. Wieso muss denn der Patient an das Implantat angepasst werden, wenn es viel besser wäre, das Implantat an den Patienten anzupassen?

Business-on: Sie und Ihre Gründungspartnerin, Lea Ellermeier, haben gemeinsam NDI gegründet. Wie haben Sie beide zusammengefunden?

Rüdger Rubbert: Die erste Medizintechnik-Firma, die ich vor 20 Jahren in Berlin gegründet hatte, war so attraktiv, dass wir US-amerikanisches Venture-Capital einwerben konnten. Wir haben dann die Firmenzentrale nach Dallas in Texas verlegt. Die Firma hatte bis dahin zwar eine Technologieplattform mit herausragenden Alleinstellungsmerkmalen, konnte sich aber kommerziell nicht richtig entwickeln. Meine US-Kollegen haben daraufhin Frau Ellermeier als Vice President Marketing und Sales eingestellt, die den Vertrieb erfolgreich ankurbeln konnte. Nachdem die Firma fast vollständig von den Investoren übernommen wurde, haben Frau Ellermeier und ich die Lingualcare Inc. im Bereich der Kieferorthopädie gegründet, aufgebaut und wenige Jahre später erfolgreich an den Technologiekonzern 3M verkauft, ein Riese, der mit 50.000 Produkten im Portfolio – etwa Post-It – einen Jahresumsatz von 30 Milliarden Dollar macht. Mit dem dabei verdienten Geld haben wir NDI gegründet. Die Investoren von Lingualcare, die dabei gut verdient haben, u.a. Texas Business Angels und die deutsche VC-Firma GUB sind auch bei NDI wieder dabei.

Business-on: Welche Vorteile bietet ein Replicate Zahn gegenüber den herkömmlichen Methoden, wenn es um den Zahnersatz geht?

Rüdger Rubbert: Eine Behandlung mit dem Replicate Zahn ist im Gegensatz zu den herkömmlichen Methoden sofort nach der Zahnentfernung funktional und ästhetisch verfügbar, insgesamt in der Behandlung schneller und zudem minimal-invasiv. Bei einer traditionellen Zahnbrücke muss man gesunde Nachbarzähne auf Pfosten runterschleifen, um die Brücke zu befestigen, das grenzt an Körperverletzung. Bei einem traditionellen Schraubimplantat wird erst Knochen aufgebaut, um dann ein Schraubgewinde in den Kieferknochen des Patienten zu bohren und einen Standarddübel, der aussieht wie beim Bauhaus gekauft, einzuschrauben. Dabei wird das Zahnfleisch mehrfach aufgeschnitten und wieder zugenäht. All das ist bei unserem patentierten Replicate System nicht notwendig. Stattdessen erstellen wir durch modernste Technologien einen neuen Zahn aus Titan und hochfester Zirkon-Keramik, der die gleiche Wurzelform hat wie der defekte natürliche Zahn. Wenn der Patient zum Zahnarzt geht, um den alten Zahn zu entfernen, wird ihm im selben Termin der neue Replicate Zahn eingesetzt. Das ganze Unangenehme, wie z.B. das Abschleifen, Bohren oder Nähen, entfällt. Eine temporäre Klebebrücke schützt den Replicate Zahn während der Einheilungszeit und versteckt die Zahnlücke ästhetisch und angenehm für den Patienten. Patienten und Ärzte, die sich für das Replicate System interessieren, können sich gern auf unserer Website (www.replicatetooth.com) informieren.

Business-on: Wie viele Replicate Zähne wurden bereits hergestellt und wie viele Patienten haben sich für diese Behandlungsmethode entschieden? Und können Sie sagen, wie viele Zahnärzte dieses Verfahren bereits in Deutschland nutzen?

Rüdger Rubbert: Das Replicate System ist bereits seit über 4,5 Jahren zugelassen und wird erfolgreich in Deutschland und der EU angewendet. Zunächst haben wir mit einer Gruppe engagierter und technologieorientierter Zahnärzte und zahnmedizinischer Fachärzte zusammengearbeitet, um die Gebrauchstauglichkeit des Replicate Systems zu verbessern und das klinische Vorgehen zu optimieren. Zudem haben wir interne und externe Studien mit mehreren Hundert Patienten durchgeführt und nachgewiesen, dass das Produkt funktioniert wie geplant. Jetzt ist das Produkt robust, bewährt und validiert. Das heißt, dass das Replicate System hält, was es verspricht. Nach dieser „Anfangsphase“ wollen wir nun mit unserem inzwischen ausgereiften Produkt unsere Marktpräsenz deutlich erhöhen. Dabei hat sich wiederholt gezeigt, dass die Zahnärzte aus den USA deutlich innovationsaffiner sind. Dort verhandeln wir über einen Großauftrag in dreistelliger Millionenhöhe. In Deutschland applaudiert man lieber Google, Apple und Microsoft und lässt die eigenen Startups links liegen. Insofern haben wir neben der Vermarktung in Europa, auch schon aufgrund unserer guten Erfahrungen in den USA, einen starken US-amerikanischen Fokus.

Business-on: In Europa wurde das Replicate System bereits auf Herz und Nieren geprüft. Wie sieht es mit anderen Märkten aus? Was ist für die Zukunft geplant?

Rüdger Rubbert: Aktuell sind wir neben Europa bereits in Thailand und Hongkong aktiv. Wir planen den Start im US-amerikanischen Markt im Jahr 2018. Das ist der weltweit größte einheitliche Markt für die Zahnmedizin. Jährlich werden dort 5,5 Mio. Zahnlücken mit traditionellen Brücken oder Schraubimplantaten versorgt. Allein ein 2%iger Marktanteil kann einen Umsatz von 300 Mio. Euro pro Jahr generieren.

Business-on: Glauben Sie, dass sich die Zahnmedizin in Deutschland in den nächsten Jahren grundlegend ändern wird und sich Innovationen, wie Ihr Verfahren, schneller etablieren?

Rüdger Rubbert: In allen Bereichen der Medizintechnik geht der Trend hin zu minimal-invasiven Eingriffen und zu personalisierten Prothesen. Das macht ja auch Sinn, denn warum sollte man etwas Gesundes am Körper ohne Not verletzen oder zerstören? Kunden-orientierte Produkte setzen sich durch. “Der Patient weiß es ja nicht besser“ gilt nicht mehr. Ja, wir glauben, dass sich künftig Innovationen auch in der Medizintechnik auch in Deutschland schneller durchsetzen. Das gilt natürlich auch für das Replicate System. Der achtsame Arzt wird nicht mehr nur den „alten Stiefel“ anbieten wollen. Der moderne aufgeklärte Patient wird sich notfalls einen neuen aufgeklärten Arzt suchen. Das ist, was wir zunehmend beobachten. Die Anzahl der Zahnärzte wächst, die es kaum erwarten können, ihren Patienten neue Patienten-orientierte Trends zu präsentieren. Diese Zahnärzte haben die Erfahrung gemacht, dass ein zufriedener Patient der Praxis treu bleibt.

Business-on: Hatten Sie bei der Gründung mit speziellen Problemen zu kämpfen, da es sich um ein medizinisches Produkt handelt? Haben Sie einen Ratschlag für andere Gründer in dieser Branche?

Rüdger Rubbert: Als Gründer braucht man Nerven wie Stahl und viel Starrsinn. Man hört oft „Wenn Euer Vorhaben so gut wäre, dann hätten doch die Marktführer, die vor Geld und Ressourcen kaum laufen können, die Sache schon längst eingeführt“. Doch so funktioniert das nicht. Wer erfolgsverwöhnt ist, sieht alles durch seine rosarote Brille. Das führt zum Innovationsstau. Das ist die Gelegenheit für schlanke, talentierte und agile Ingenieure und Gründer, als Seiteneinsteiger einen Markt aufzurollen.

Ein Rechtsanwalt, ein Wirtschaftsprüfer und ein Unternehmensberater manchen noch keinen Unternehmer, geschweige denn einen Startup-Gründer. Es gilt, jeden Aspekt in einen Vorteil zu verwandeln. Wer sich nicht mit allen Facetten der Geschäftsentwicklung beschäftigen will, ist fehl am Platz. Der eigene Weg wird gegen alle Widrigkeiten geboren. Sei mutig. Think out of the box. Akzeptiere nicht das Eingefahrene. Lass dir nicht von den Investoren dein Projekt abnehmen. Vertrau deinem Instinkt. Such dir Freunde und Partner, die an dein Vorhaben glauben. Mach Fehler. Das Aufräumen hinterher ist einfacher als zu versuchen, Fehler zu vermeiden. Ach so, eins ist noch wichtig: Never run out of money.

Business-on: Berlin gilt als Startup-Metropole; die meisten Gründungen sind jedoch Digital-Unternehmen, von denen Investoren hoffen, dass sie schnell skalieren können. Hardware hat es in der Regel schwerer, in die NDI AG wurden dennoch bereits 14 Millionen Euro investiert, derzeit führen Sie auch ein Crowdinvesting durch, um Ihre Bekanntheit zu steigern. Was denken Sie, warum es Ihnen gelang, derart viel Kapital von namhaften Investoren einzuwerben?

Rüdger Rubbert: Es gibt im Silicon Valley den Trend, nur in Aussteiger aus US-Eliteuniversitäten zu investieren. Das ist ein Herdenverhalten. Heute wollen alle in Biotech investieren, morgen in WhatsApp-Clones. Darauf können Gründer sich nicht verlassen. Es gibt viel Geld auf der Welt. Investoren suchen immer Startups mit großem Potential. Viele davon haben sich auf „Digital-Unternehmen“ ausgerichtet, die schnell skaliert werden können und aus deutscher Sicht vermeintlich wenig Kapital benötigen. Aber Hardware-Startups stehen nach meiner Ansicht dem in nichts nach und sind nachhaltiger. Es gibt genug Geld, man muss es nur finden und einwerben. Friends and family sind super in der Seed-Phase.

Ein riesiger Markt und extrem gute Skalierbarkeit, das macht die NDI AG für Investoren so spannend. Die nächste App ist inflationär. Zähne aber hat jeder. Auf Companisto führen wir nun ein Crowdinvesting durch, bei dem sich Privatpersonen mit bereits 100 Euro an der NDI AG beteiligen können. Crowdinvesting ist ideal für uns, denn den Replicate Zahn braucht jeder, früher oder später. Zudem ist jeder Investor ein wichtiger Multiplikator für uns und kann unser Produkt seinem Zahnarzt vorstellen.

Business-on:Was sprach aus Ihrer Sicht für den Unternehmenssitz Berlin?

Rüdger Rubbert: Berlin rocks! Ich glaube, das sagt alles. Wer eine Begründung braucht: Ich bin ein Berliner und habe hier schon mehrere Unternehmen gegründet. Durch die steigende Anzahl an Startups kommen immer mehr Investoren nach Berlin und machen den Standort dadurch für beide Seiten sehr interessant. Die hohe Anzahl an Startups lockt wiederum viele Fachkräfte nach Berlin. Diese Kombination macht Berlin besonders attraktiv. Gleichwohl, wer in Wanne-Eickel zuhause ist und eine gute Idee hat, sollte sich nicht zurückhalten. 

Mehr Informationen zum Berliner Unternehmen NDI AG hier https://www.replicatetooth.com

(Redaktion)


 

 

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