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  • 29.09.2016, 14:48 Uhr
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INTERVIEW / BRAINJOIN

Stressoren im Arbeitsleben – warum wir viel mehr Know-How brauchen um gesund zu bleiben

Business On im Interview mit Horst Kraemer, Pionier der Stressforschung und –Prävention, Leiter der Brainjoin Gruppe

Business On: Wer wie Sie seit 1982 zu den Folgen von Stress und Trauma forscht, hat bestimmt viele Hinweise zum Kommunikationsverhalten unter Stress. Welche wären diese?

Horst Kraemer: Vereinfacht gesagt: Stress wirkt sich immer auf die Wahrnehmung, also auf die Grundlage jeder Kommunikation aus. Dabei kann man folgendes beobachten: Die Wahrnehmung wird schlechter, das was gehört und gesagt wird, weicht in dem Maße von der Realität ab, in dem das Stresslevel steigt. Emotionale Auffälligkeiten steigen bei gleichzeitiger Abnahme der Konzentrationsfähigkeit bis zum Ausnahmezustand.

Business On: Wie lange dauert es, bis ein Mensch im Arbeitsalltag auffällt?

Horst Kraemer: Bis ein Mensch durch Stressfolgen im Betrieb auffällt, dauert es durchschnittlich 2,5 Jahre. Folgende Symptome bei betroffenen Personen sind dann zu erkennen:

1.           Sie benötigen immer mehr Zeit für ihre Leistung.

2.           Ihre Kommunikation wird schlechter.

3.           Sie geraten häufiger in Konflikte, die Stimmung um sie herum verschlechtert sich.

4.           Die Fehler häufen sich – die Ursachen dafür sind unklar.

5.           Die Unfallhäufigkeit steigt, krankheitsbedingte Ausfalltage nehmen zu.

6.           Ihre Ziele werden nicht erreicht.

7.           Die Stimmung der externen Personen rund um den Betroffenen wird immer schlechter.

Business On: Die Digitalisierung wird uns allen zu viel?

Horst Kraemer: Das wäre schwarz-weiss geredet, aber natürlich verändern digitale Lebensgewohnheiten, Digi-Konsum und der Arbeitstakt ganz stark unsere Reaktionen. Wir sprechen hier vom Einfluss auf das Psychoneuroendokrinologische System. . Wir haben es ja mit einer enormen Zunahme der Informationsflut zu tun ebenso mit der Geschwindigkeit, mit der das alles verarbeitet werden muss. Das wird zur zunehmenden Belastung. Die wirkliche produktive Leistung und subjektive Empfindung kann zum Teil heftig auseinander klaffen und gibt uns manchmal ein unrealistisches Bild. Was total verkannt wird: die Dauer-Bildschirmarbeit verändert und reduziert unsere Stressresistenz (Thema Synapsen und Verschaltungen). Digitale Aktivität, digitale Informationsverarbeitung passiert zunehmend nur auf der gedanklichen Ebene. Das kann gefährlich werden, wenn wir keinen Ausgleich schaffen. Insofern müssen wir dringend immer wieder darüber reden und jeder muss für sich geeignete Massnahmen umsetzen, damit er gesund bleiben kann.

Business On: Immer mehr Stimmen werden laut, wenn es um die Verantwortung bezüglich der Leistungsfähigkeit der  Mitarbeiter eines Unternehmens geht.

Horst Kraemer: Es geht doch nicht darum, erschöpfte Mitarbeiter gesund zu machen, wenn gar nichts mehr geht. Im  Gegenteil: die Kunst liegt darin, vorab  Sicherungsmechanismen einzuführen und die Stresskompetenz zu schulen. Das ist eine klare Verantwortung der Unternehmen und gerade Unternehmenslenker sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen. Das setzt allerdings voraus, dass wir begreifen, was sich bei chronischer Stressbelastung tatsächlich abspielt.

Business On: Zum Thema BGM sagen Sie auch: „Wir sind bemüht.“Es reicht also nicht aus, Gesundheitsprogramme zu erstellen?

Horst Kraemer: Wenn diese nur vereinzelt aufgesetzt werden, hat das keinen nachhaltigen Effekt. Am Begriff Derailment  als typische Stressfolge kann man das ganz gut erläutern. *Derailment als Phänomen wird im Artikel „Derailment als Stressfolge erkennen und bewältigen“ im Springer Verlag erschienen, definiert und mit Fallbeispielen und dem darauf aufbauenden neurosystemischen Konzept veranschaulicht. Die Möglichkeiten die die Erkenntnisse von Neurowissenschaften, Stressforschung und Verhaltensimmunbiologie im Zusammenspiel für praktische Konzepte bieten, werden dabei erläutert. Es geht aber auch darum, dass wir definitiv mehr Wissen benötigen, wie wir im Alltag funktionieren, welche Stressoren uns antreiben, im positiven und negativen. Das kann niemand wegdelegieren.

Business On: Immer mehr Experten verlangen auch zusammenhängende Prozesse wie Retention Health Management.

Horst Kraemer: Wir können es uns gar nicht mehr leisten, wie bei der Infrastruktur immer nur an den kaputten Stellen herumzuflicken. Nur die Unternehmen, die HR, BGM und Führungssysteme gleichermassen im Blick haben sind auf Dauer erfolgreich. Die Gesetzgebungen gibt zudem  verschiedene Massnahmen vom klassischen Arbeitsschutz bis hin zur psychischen Gefährdungsanalyse vor, das ist auch in Ordnung, aber a) ersetzt dies keine Strategie b) entbindet dies nicht von der Eigenverantwortung. Und unkoordinierte Weiterbildung zu dem Thema erst recht nicht.

Infos: www.brainjoin.com

Weiterführende Infos: Brainjoin und Horst Kraemer auf der Zukunft Personal. Halle 2.2. Stand O.15

Über Horst Kraemer: Sen. Coach DBVC, Gründer und Leiter der Coaching Akademie Brainjoin und Entwickler der neurosystemischen Methode Neuroimagination. Er gründete 1996 das interdisziplinäre Forschungsinstitut IPAS in der Schweiz und 2004 die Brainjoin-Gruppe mit Sitz in Zürich und Hamburg. 2010 wurde IPAS zur Brainjoin Akademie. 2004 startete die erste neurosystemische Coaching-Ausbildung, in der bis heute konsequent die Forschungsergebnisse umgesetzt werden. Horst Kraemer prägte von 2007 bis 2014 als Vorsitzender des Sachverständigenrats Coaching im DBVC die Coaching-Richtlinien.

(Redaktion)


 

 

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