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  • 15.06.2018, 10:55 Uhr
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  • Berlin
INTERVIEWS / WIRTSCHAFT

Dr. Matthias Wallisch: "Es gibt einige gute Gründe, ein Unternehmen in Deutschland aufzubauen."

Business On Berlin hat mit Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer und Dr. Matthias Wallisch über die Ergebnisse des aktuellen GEM gesprochen. Als Projektleiter des RKW Kompetenzzentrums sind sie direkt an der Erhebung und Veröffentlichung der Daten in Deutschland beteiligt:

Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) zeigt jährlich die Gründerquote in über 50 Ländern der Welt auf. Deutschland schneidet bei dem aktuell veröffentlichten GEM vergleichsweise schlecht ab, obwohl sich hierzulande 2017 mehr Menschen selbstständig gemacht haben als im Vorjahr.

Business-on.de: Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) zeigt seit Jahren den Anteil von Gründern in verschiedenen Ländern an. Warum ist es überhaupt so wichtig, dass es in einem Land viele Gründer gibt?

Dr. Matthias Wallisch:  Es gibt die weit verbreitete Ansicht, dass Gründungen einen wichtigen Beitrag zur Beschäftigung leisten und die Innovationsfähigkeit eines Landes stärken können. Jedoch können aus wissenschaftlicher Sicht keine konkreten Aussagen dazu gemacht werden, wie viele Gründungen für die Wirtschaft eines Landes tatsächlich sinnvoll sind. Problematisch ist es auf jeden Fall dann, wenn mehr Unternehmen schließen, als gegründet werden, und somit der Unternehmensbestand insgesamt zurückgeht. Das trifft in den letzten Jahren auf Deutschland zu. Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland tatsächlich zu wenig gegründet.

Wichtig ist jedoch nicht nur die Zahl der Gründungen sondern auch deren Qualität. Technologie- und innovationsorientierte Gründungen besitzen ein großes Wachstumspotenzial. Die Wahrscheinlichkeit, am Markt erfolgreich zu sein und schnell zu wachsen, ist deutlich höher als bei Gründungen ohne Innovationsanspruch. Der Beitrag zur Beschäftigung und zur Technologieentwicklung ist somit als sehr wertvoll einzuschätzen. Und diesen Effekt kann man sehr gut mit wissenschaftlichen Analysen, wie dem GEM, nachzeichnen. Wichtig ist an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass es sich bei den innovativen, wachstums- und technologieorientierten jungen Unternehmen um eine recht kleine Gruppe im Verhältnis zu allen Gründungen handelt. Je nach Definition liegt dieser Anteil etwa zwischen fünf und zehn Prozent.

Business-on.de: 2017 haben sich wieder mehr Deutsche selbstständig gemacht. Lässt sich daraus bereits ein Positivtrend ableiten?

Dr. Matthias Wallisch: Die Besonderheit des Global Entrepreneurship Monitor ist die Erfassung sowohl vorbereitender Aktivitäten für eine Gründung als auch die tatsächliche Gründung neuer Unternehmen. Hieraus berechnet sich dann die Quote der gesamten Gründungsaktivitäten und diese Quote ist um 0,7 Prozentpunkte angestiegen. In vergleichbaren Ländern wie Irland oder den Niederlanden ist die Quote im betrachteten Zeitraum gesunken. Dies spricht erst einmal für Deutschland, lässt jedoch keinen Rückschluss auf die weitere Entwicklung zu. Vor dem Hintergrund eines boomenden Arbeitsmarktes mit vielen lukrativen Angeboten ist ein weiterer Anstieg eher unwahrscheinlich. Allerdings deuten die erhobenen Daten darauf hin, dass die Qualität der Gründungen, also der Anteil von Chancengründungen, das gute Niveau halten können.

Business-on.de: In Deutschland gibt es insgesamt dennoch vergleichsweise wenige Gründer. In Kanada wird beispielsweise mehr als dreimal so viel gegründet. Was sind die Gründe dafür?

Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer: In Kanada gibt es ein Einwanderungssystem nach Punkten, das qualifizierte Zuwanderer anzieht. Die Zuwanderungspolitik rekrutiert über ein Punktesystem Einwanderungswillige nach Ausbildung, Sprachfähigkeiten und dem Alter und zielt damit klar auf hochqualifizierte Fachkräfte ab, die am Arbeitsmarkt gefragt sind. Weiterhin bietet das Land den Zugewanderten Integrationshilfe an, von denen gerade auch die zweite Generation der Migranten profitiert. Mit Kursen im Heimatland werden die Zuwanderer bereits auf das Leben in Kanada vorbereitet. Auch die Rahmenbedingungen für Gründer sind in Kanada besser. So ist zum Beispiel der bürokratische Aufwand bei einer Firmengründung in Kanada geringer. Während die Gründung einer GmbH in Deutschland im Schnitt zehn Tage dauert, dauert es in Kanada nur drei Tage.

Business-on.de: Aus der Studie geht hervor, dass die Gründungsquote unter Migranten mit 6,0 Prozent deutlich höher ist als der bundesweite Durchschnitt. Warum gründen Einwanderer besonders häufig? Wie kann Migranten die Gründung eines Unternehmens weiter erleichtert werden?

Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer: Aus dem GEM–Bericht geht hervor, dass Migranten im Vergleich zu Nicht-Migranten einen höheren Anteil an Gründungen aus Mangel an Erwerbsalternativen aufweisen. Das könnte  an ihren schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt liegen - nicht zuletzt wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder nicht anerkannter Abschlüsse aus der Heimat. Allerdings ist dieser Teil der Gründungen im Vergleich zu den Chancengründungen längst nicht so ausgeprägt, wie häufig angenommen wird. Nach den GEM-Ergebnissen gründen drei Viertel der Migranten nämlich, weil sie Marktchancen ausnutzen möchten. Darüber hinaus kann der Import von Ideen aus dem Heimatland zu einem Wissenstransfer beitragen. Migranten tragen also nicht nur durch ihre überdurchschnittliche Gründungshäufigkeit, sondern auch durch die Qualität ihrer Gründungen zur deutschen Wirtschaft bei.

Die Expertenbefragung des GEM zeigt, dass die im Ausland geborenen Gründer durch Regeln und Gesetze zu Unternehmensgründungen kaum benachteiligt werden. Zudem existieren in Deutschland Beratungskonzepte und Instrumente, die speziell auf die Unternehmensgründung von Migranten eingehen. Diese öffentlichen Beratungseinrichtungen werden von den Migranten aber oft nicht zur Kenntnis genommen. Viele Migranten informieren sich ausschließlich bei Freunden und Bekannten über das Thema Existenzgründung. Daher wäre eine stärkere Verbreitung der Informationsquellen, vor allem in solchen Bereichen wie Finanzierung, Förderung sowie gesetzliche Regelungen, speziell unter Migranten wünschenswert.

Besondere Schwierigkeiten zeigen sich bei der Gründungsfinanzierung. Oft besitzen Migranten noch keine langjährige Beziehung zu einer Hausbank. Fehlende Sicherheiten können ebenfalls ein Grund dafür sein, dass die Finanzinstitute die Bereitstellung von Kapital für eine Unternehmensgründung ablehnen. Zudem kann ein beschränkter Kreditzugang an unzureichendem Finanzwissen oder auch Sprachdefiziten liegen. Finanzierungsangebote für Migranten müssen sich daher ein Stück weit von konventionellen Kriterien zur Beurteilung der Finanzierungswürdigkeit von Gründungsvorhaben lösen. Weiterhin muss die Gründerdynamik der Zuwanderer durch Förder- bzw. Bildungsmaßnahmen verstärkt werden.

Business-on.de: Unter Frauen in Deutschland liegt die Gründungsquote lediglich bei 3,9 Prozent, unter Männern wiederum bei 6,6 Prozent. Welche Methoden können dabei helfen, Frauen die Selbstständigkeit attraktiver zu gestalten?

Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer: Lediglich 45 Prozent der GEM-Experten sind der Meinung, dass die soziale Infrastruktur mit Betreuungsmöglichkeiten für Kinder in Deutschland gut ausgebaut ist. So fehlt es vielen Familien noch immer an guten Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, was bei vielen Frauen zu einer Doppelbelastung von Beruf und Familie führen kann. Daher ist der systematische Ausbau von Infrastrukturleistungen wie Ganztagsschulen aus Sicht der befragten Experten wünschenswert. So könnten Frauen von ihren familiären Verpflichtungen entlastet werden. Zudem sollte das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur auf die Rolle der Frau begrenzt werden. Auch das stärkere Engagement von Seiten der Männer ist hier von Bedeutung.

Bei den weiblichen Rollenvorbildern sehen die befragten Experten ebenfalls noch Nachholbedarf. Hier können weitere wirksame Instrumente die Vermittlung und die mediale Präsenz von weiblichen Vorbildern fördern. Die Einschätzung der Gründungschancen für Frauen in männerdominierten Branchen fallen ähnlich schlecht aus. Hier müssen spezifische Maßnahmen an Schulen und Hochschulen ansetzen, um Frauen für entsprechende Bildungsbereiche zu gewinnen und dort zu unterstützen. Die durch das BMWi durchgeführten und geplanten Maßnahmen und Aktivitäten zur Förderung in den MINT-Bereichen gehen nach Einschätzung der befragten Experten in die richtige Richtung. Das Ziel sollte sein, den Frauenanteil bei technischen und ingenieurwissenschaftlichen Berufen zu erhöhen.

Business-on.de: Das größte Gründungshemmnis in Deutschland ist die Angst vor dem unternehmerischen Scheitern, was 42 Prozent der Deutschen von einer Selbstständigkeit abhält. Mit welchen Argumenten würden sie einen potenziellen Gründer davon überzeugen, dass sich das Gründen eines Unternehmens in Deutschland lohnt?

Dr. Matthias Wallisch: Dafür gibt es zahlreiche Gründe: Die Stärke der deutschen Wirtschaft, das unternehmerische Potenzial und die technologische Basis sind nur einige gute Gründe, ein Unternehmen in Deutschland aufzubauen. Beispielsweise verfügt Deutschland auch über eine hohe Anzahl öffentlicher Förderprogramme, die neue und wachsende Unternehmen unterstützen. Durch das positive wirtschaftliche Klima der letzten Jahre konnten in Deutschland mehr Gründer aus Überzeugung eine konkrete Geschäftsidee verwirklichen. Solche Gründer werden als Chancengründer bezeichnet, da sie eine Chance auf dem Markt sehen, die ein hohes Wachstumspotenzial verspricht.

Business-on.de: Estland führt den internationalen Vergleich mit einer Gründerquote von fast 20 Prozent an, wobei dort jedoch häufig aus Mangel an Erwerbsalternativen gegründet wird. Welches Land können wir uns ihrer Meinung nach als Vorbild nehmen und was muss in Deutschland geschehen, damit sich hier langfristig mehr Menschen selbstständig machen?

Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer: Aufgrund ihrer stark ausgeprägten Gründerkultur können wir uns Israel und die USA als Vorbild nehmen. Der Zugang zu Risikokapital ist in den USA anders organisiert. Dort ist es üblich, dass bereits erfolgreiche Innovatoren Kapital an junge Innovatoren weitergeben. Innerhalb Europas kann man sich wohl die Niederlande zum Vorbild nehmen. In den Niederlanden gibt es einen vergleichsweise hohen Anteil an Unternehmensgründern. Das liegt nicht zuletzt an den überdurchschnittlich guten Rahmenbedingungen für Gründer vor Ort.

Was Deutschland daraus lernen kann, ist, dass Entrepreneurship  Education insbesondere an Schulen gefördert werden muss. Denn im Vergleich zu den 23 anderen innovationsbasierten GEM-Ländern nimmt Deutschland den vorletzten Platz ein. Nach Ansicht der GEM-Experten ist es für den langfristigen Bestand der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland von sehr hoher Relevanz, eine Kultur der Selbstständigkeit in der Gesellschaft zu verankern und das Interesse für Unternehmensgründung und -übernahme zu stärken. Sowohl die Entwicklung der Kultur der zweiten Chance als auch die Weiterentwicklung der Kultur von Business Angels sind überaus wichtig. Nicht zuletzt sollte neuen Gründern, insbesondere in der Wachstumsphase, mehr Risikokapital von börsennotierten Konzernen oder aus dem Mittelstand zur Verfügung gestellt werden.

Mehr Informationen hier: https://www.rkw-kompetenzzentrum.de/

(Redaktion)


 

 

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