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Interview

Trompetenkünstler Daniel Schmahl: “Zwei Seelen wohnen in meiner Brust …”

Der musikalische Grenzgänger Daniel Schmahl steht zwischen den Tönen der Klassik und den Wurzeln des Jazz. Im Interview gesteht der gebürtige Potsdamer seine Liebe zu Bach und Miles Davis, und warum er sich nicht zwischen den beiden entscheiden könnte.

Schma(h)l ist sein Erfolg schon lange nicht mehr. Seit einigen Jahrzehnten verzaubert der Berliner Daniel Schmahl das Publikum mit seinen unvergleichlichen Trompetenklängen. Der musikalische Grenzgänger steht zwischen den Tönen der Klassik und den Wurzeln des Jazz. Im Interview gesteht der gebürtige Potsdamer seine Liebe zu Bach und Miles Davis, und warum er sich nicht zwischen den beiden entscheiden könnte.

KH: Ihr Vater war ein bedeutender Geiger der Nachkriegszeit. Sie spielen Trompete. Wie kommt dieser Wandel?

Schmahl: Mein Vater meinte eigentlich immer, ich dürfe alles spielen, nur nicht das gleiche Instrument. Mit knapp vier Jahren habe ich dann aber doch angefangen und das auch nur, weil ich so genervt habe. Aber wie das mit Kindern so ist, war das Spielzeug mit sechs Jahren nicht mehr schick genug für mich und ich wollte etwas anderes lernen. Ich habe dann Klavier und Fagott gespielt und gesungen. Dennoch hatte ich bereits zu diesem Zeitpunkt den Wunsch Trompete zu lernen. Ein Konzert in der Thomaskirche in Leipzig, bei dem ich den großen Ludwig Güttler hörte, brachte mich dann letztendlich auf diesen Weg. Ich war ungefähr 15 oder 16 Jahre, aber wusste genau: „Hey, das ist mein Instrument.“

KH: Sie haben Ihr Repertoire danach noch um das Piccolo- und das Flügelhorn erweitert.

Schmahl: Genau, das Piccolo-Horn ist ein kleines Horn. Man kann es mit der Piccolo-Trompete vergleichen. Es ist ein hohes Horn, ein Horn in der Diskant-Lage. Im Jazz spiele ich auch wahnsinnig gern Flügelhorn.

KH: Ihr Album Back to Bach ist im Jahr 2005 erschienen. Was ist darauf zu hören?

Schmahl: Die Platte besteht zu neunzig Prozent aus klassischen Stücken. Das war sozusagen unser erster Versuch eine Verbindung zwischen Klassik, sprich Johann Sebastian Bach, und Jazz aufzuzeigen. Wir empfanden das damals als eine Art Zeitreise zwischen Romantik, Klassik, Frühklassik und anderen Epochen.

KH: Sie sprechen vom wir, werden aber oft als Solokünstler ausgeschrieben. Wen meinen Sie damit genau?

Schmahl: Das wir beinhaltet auf jeden Fall immer meinen Kollegen Johannes Gebhardt an der Orgel, der auch die meisten Arrangements und Stücke zu den Programmen schreibt. Und dann holen wir uns, je nachdem wie groß die Besetzung sein soll, andere Musiker mit ins Boot. Es gibt zwar immer einen Frontmann, aber die anderen sind genauso wichtig. Ich sehe mich da eigentlich nicht so sehr als der große Solist, sondern eher als Teil vom Ganzen. Wir harmonieren eher alle zusammen.

KH: Sie beschreiben sich selbst als Grenzgänger – ein Grenzgänger in der Musik und im Leben?

Schmahl: In der Tat, alles ist ein Wechsel. Überhaupt möchte ich mich in meinem Leben nicht immer nur mit einer Sache beschäftigen, sondern eher mit unterschiedlichen Perspektiven. Wen man dann noch eine Verbindung dazu hat und es miteinander verknüpfen kann, umso besser.

KH: Sie haben mit Johannes Gebhardt ein neues Album kreiert. Was für neue Stilelemente sind darauf zu hören?

Schmahl: Eigentlich haben wir seit Back to Bach an diesem neuen Album gearbeitet. Wir mussten uns natürlich erst einmal orientieren, wo die Reise hingehen soll. Wir haben viele Dinge ausprobiert bis wir dann im letzten Jahr produziert haben. Die Toccata in 7, ein Stück auf der Platte, ist zum Beispiel an die dorische Toccata von Johann Sebastian Bach angelegt. Johannes Gebhardt hat seine ganz eigene Variante daraus gemacht, indem er jeden achten Ton weggelassen hat. Daraus entsteht ein viel schnelleres Tempo und das Stück bekommt einen unglaublichen Drive und wahnsinnig viel Energie.

KH: Das scheint ein großer Klassik-Einfluss zu sein, aber wo bleibt der Jazz?

Schmahl: Es sind richtig große Stücke in einer sehr jazzigen Tonsprache entstanden. Eigentlich ist es ja nichts ganz neues. Der große Vorreiter war Jacques Loussier. Er hat klassische Stücke genommen und diese dann jazzig gespielt. Wir sind ein kleines Stückchen in eine andere Richtung gegangen, indem wir keine kompletten Stücke spielen, sondern eben nur ein Motiv oder ein Thema entnehmen und daraus unser eigenes Stück erwachsen lassen.

KH: Gibt es auf der neuen Platte auch ein Motiv, das sich durch alle Stücke zieht?

Schmahl: Definitiv Bach.

KH: Was hat Bach, was andere Musiker nicht haben oder hatten?

Schmahl: Wenn ich die Musik von Bach höre, rührt mich das jedes Mal auf’s Neue. Es ist, als ob ich zwar etwas Vertrautes höre, aber auch immer wieder etwas Neues entdecke. Das ist einfach eine unglaubliche Faszination, die Bach’s Musik in mir auslöst.

KH: Wenn Sie Johann Sebastian Bach eine sms schicken könnten, was würden Sie schreiben?

Schmahl: Ich würde es mit ABBA’s Worten halten: Thank you for the music. Mehr kann man da glaub ich gar nicht sagen.

KH: Lassen Sie sich auch von Jazz-Musikern inspirieren?

Schmahl: Wenn ich mir die Chorusse von Miles Davis anhöre, bekomme ich fast Tränen in den Augen oder auch bei Chet Baker. Unglaublich, diese Linien, diese Tiefe, diese Zerrissenheit. Das ist großartig.

KH: Wenn Sie sich einen Künstler (tot oder lebendig) aussuchen könnten mit dem Sie einmal zusammen spielen dürften, wer wäre das und warum?

Schmahl: Nur einen? Das geht kaum, weil „zwei Seelen wohnen in meiner Brust“. Da wüsste ich wirklich nicht, wem ich den Vorzug geben sollte, ob Bach oder Davis.

Die neue CD "Chattin with Bach" erscheint am 01. Mai 2012 beim Label "Querstand".

(Katrin Hartmann)


 

 

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