Sie sind hier: Startseite Berlin Finanzen Kapital
Weitere Artikel
Interview mit Prof. Dullien, FHTW Berlin

„Man darf die Frage Pro und Contra Verstaatlichung nicht ideologisch verbissen verfolgen“

Fast jeden Tag erreichen uns neue Hiobsbotschaften aus der Bankenlandschaft: HSH Nordbank, Commerzbank und Hypo Real Estate (HRE) benötigten Staatshilfen in Form von Kapital und Bürgschaften in Millionenhöhe. Seit einigen Wochen geistert auch der Begriff Bankenverstaatlichung quer durch politische Lager und Medien. Warum das durchaus die günstigste Lösung für Staat und Steuerzahler sein kann, veranschaulicht Sebastian Dullien, Professor an der FHTW Berlin, im Interview bei berlin.business-on.de.

Business-on.de: Herr Dullien, die Unionspolitiker der Bundesregierung lehnen eine Verstaatlichung der HRE bis dato ab. Kann die Position Ihrer Meinung nach noch gehalten werden, wenn der Immobilienfinanzierer ihren Jahresverlust für das Jahr 2008 bis zum 31. März 2009 vorlegt hat?

Sebastian Dullien: Grundsätzlich lässt sich die Verstaatlichung der HRE beliebig lange aufschieben. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten als die Verstaatlichung, um eine stark angeschlagene Bank wie die HRE zu retten. Der Staat könnte etwa einfach weiter Kapital einschießen. Das Problem hierbei ist allerdings, dass die Regierung damit die Altaktionäre der HRE auf Kosten der Steuerzahler aufpäppelt. Wie lange die Union also an ihrer Position festhält, kommt darauf an, wie viel Steuergelder diese Partei bereit ist für ihre ideologische Ablehnung von Verstaatlichungen zu opfern.

Business-on.de: Was bedeutet eine Verstaatlichung für die politische Ideologie in Deutschland?

Sebastian Dullien: In Deutschland tendieren die Politiker dazu, alle Entscheidungen ins ideologische zu schieben. Man darf aber die Frage Pro und Contra Verstaatlichung nicht ideologisch verbissen verfolgen. Stattdessen sollte man pragmatisch entscheiden, welche Lösung zur Stabilisierung die effizienteste und die für den Steuerzahler langfristig günstigste ist. Wenn man dabei die Option der Verstaatlichung von vorne herein ausschließt, verschwendet man möglicherweise Steuergelder in Milliardenhöhe und verhindert eine schnelle Lösung der Krise.

Business-on.de: Sie vertreten die These, dass eine Bad Bank den Steuerzahlern am günstigsten kommen würde. Erklären Sie uns das bitte.

Sebastian Dullien: Eine Kombination aus Bad Bank und Verstaatlichung scheint mir tatsächlich die sinnvollste Lösung. Wir haben das Problem, dass die Banken noch Milliarden so genannter ‚Toxic Assets’ in ihren Bilanzen haben. Da sich diese Anlagen derzeit nicht bewerten lassen, ist nicht klar, welche Banken solvent sind und welche nicht. Deshalb trauen sich Banken derzeit kaum, sich gegenseitig Kredit zu geben. Gleichzeitig fahren die Banken die Kreditvergabe zurück, um ihre Eigenkapitalposition zu stärken und damit für weitere Abschreibungen gerüstet zu sein. Eine zentrale Aufgabe ist nun, diese ‚Toxic Assets’ aus den Bankbilanzen zu bekommen. Eine Lösung wäre die Gründung einer Bad Bank, die den Banken diese Anlagen abkauft. Das Problem ist, dass die Banken nur dann die Papiere abgeben werden, wenn man ihnen dafür mehr als den Preis zahlt, den die Banken am freien Markt für die Papiere bekommen würden. Tut man dies ohne Verstaatlichung, bekommen allerdings die bisherigen Eigentümer der Banken, also die Aktionäre, quasi eine Subvention aus der Staatskasse.

Die Lösung ist, die Banken zuerst zu verstaatlichen und dann die ‚Toxic Assets’ aus den Bilanzen in eine „Bad Bank“ zu verschieben. Da sowohl Bad Bank als auch die betroffenen Geschäftsbanken dann im Staatseigentum wären, spielt es nur eine untergeordnete Rolle, welchen Preis die Bad Bank an die Geschäftsbanken zahlt. Der Staat würde sich dann quasi selbst subventionieren.

Business-on.de: Werden dadurch nicht die entstandenen Verluste sozialisiert?

Sebastian Dullien: Nein, gerade nicht. Ohne eine Verstaatlichung muss der Staat bei systemwichtigen Banken immer mehr Kapital nachschießen, wenn es neue Verluste gibt. Erholen sich irgendwann die Preise für die Vermögenstitel, profitieren davon die Altaktionäre und erst in zweiter Linie die Bank. Wird die Bank ganz verstaatlicht, besteht zumindest die Chance, dass der Staat am Ende einen Teil seines Geldes wiederbekommt. Und die Aktionäre sind für die übermäßig riskanten Geschäfte ihrer Bank bestraft.

Business-on.de: Rein hypothetisch: Wie könnte ein möglicher 'Exit' des Staates bei HRE dann aussehen?

Sebastian Dullien: In ein paar Jahren, wenn die Wirtschaftskrise überwunden ist und die heute unverkäuflichen Wertpapiere wieder sinnvoll gehandelt und bewertet werden können, könnte der Staat die HRE dann wieder an die Börse bringen. Eine Verstaatlichung heute sollte auf jeden Fall mit einer solchen Perspektive durchgeführt werden. Wir brauchen sicher keine weiteren Banken, die sich auf Dauer im Staatseigentum befinden.

Business-on.de: Gibt es in der Praxis bereits Beispiele für eine erfolgreiche Verstaatlichung und Reprivatisierung?

Sebastian Dullien: Ja. In vielen Ländern, die eine Finanzkrisen hatten wie etwa in Schweden. Dort wurden Banken zunächst verstaatlicht und später wieder privatisiert.

Herr Dullien, berlin.business-on.de dankt Ihnen für das Interview.

(Niels Petersen)


 


 

Verstaatlichung
Bad Bank
Ideologie
toxic assets
Sebastian Dullien
FHTW
Berlin

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Verstaatlichung" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: