Sie sind hier: Startseite Berlin Aktuell
Weitere Artikel
  • 09.06.2016, 16:58 Uhr
  • |
  • Berlin
NOAH KONFERENZ / DIGITALE WIRTSCHAFT

Noah-Konferenz vor der Kreuzberger Grundschule: Old School und New School jagen das Einhorn

Business On mischte sich mit MaWa unter das digitale Volk auf der Noah Konferenz: sie ergatterte einen Kugelschreiber, einen Block und sie bekam Einsicht in jede Menge Ideen und digitales Kapital - für die Jagd auf das Einhorn.

Ist das Boot schon voll? Ein Überangebot von Vorträgen und Präsentationen auf der Noah Berlin geben den Anschein, als wären Start Ups die Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Von Daimler bis RWE – die Internet-Konferenz Noah lädt  jede Menge Chefs aus der alten Wirtschaft (alle nicht aus der Hauptstadt) nach Berlin.

Und so sind die Straßen und Gehwege vor dem Veranstaltungsort Tempodrom zugeparkt von schicken schwarzglänzenden Karossen und CarSharing Autos. Und die sind in kürzester Zeit vorne mit Pappschildern versehen von den Grundschülern der Kreuzberger Grundschule, die sich davor befindet. Die haben noch keine Apps und smarte Handys – aber Malstifte und eine Botschaft: "Wir finden das sehr unhöflich. Lasst die Gehwege vor unserer Schule frei und parkt sie nicht zu – wir brauchen Platz zum Wachsen und Spielen!" Die Kids wissen noch, was sie brauchen und sie kämpfen dafür.

Und genau dies möchte man den vielen jungen Menschen, die gerade gründen oder ein Start Up aufgebaut haben, wünschen: nicht von der old economy vereinnahmt zu werden. Denn so läuft das Spiel – wer die dicke Brieftasche hat, darf überall parken  - auf Kosten der anderen. Und der Raum wird dadurch nicht mehr, sondern weniger. Also müsste man prinzipiell was ändern. Aber offensichtlich hat sich seit der Internetblase 2000 nichts geändert. Nur die Start Up Szene damals sah bunter und individueller aus. Und man merkt - im Vergleich zur re:publica: hier wird tatsächlich Geld verdient oder zumindest eingesammelt und verschoben. 

Der erste optische Eindruck: nicht bunt, sondern seltsam uniformiert und spießig wie auf einem IHK-Treffen.  Dafür ist das Programm bunt und fast unüberschaubar. Über eine Seite von Firmen – aufgeteilt in Champions, Challengers, Capital Providers, Service Providers und die Zahl der Referenten ebenfalls Hunderte. Die Welcome Note natürlich von Axel Springer CEO, Dr. Jens Müffelmann. Dann kommen Home Atomation, B2B, Fintech, Venture Capital, Retail, Top Picks, die McKinseys haben mal wieder einen Extrawurst / Panel bekommen, Mobility und Music. Viele Namen sind bekannt – die anderen nicht und wollen es mal werden.

Das Imperium Axel Springer versammelte im Berliner Tempodrom rund 3.000 Digital-Köpfe, Gründer, DAX-CEOs und andere Influencer. Das führte dazu, dass es eine endlose und fast unübersichtliche Abfolge kurzer Firmen- und Projekt-Vorstellungen gab, die meist vor einem dürftig gefülltem Auditorium stattfanden. Aber immerhin versteht sich as Berliner Springer-Event, das bereits seit sieben Jahren erfolgreich in London läuft, als „Business meets Business“-Kongress und nicht als Lifestyle-Treffen. 

Neben Daimler-Boss Zetsche sind dann auch noch andere deutsche Konzernchefs auf der Noah vertreten. Im letzten Jahr fand das Format erstmals in Deutschland statt. In diesem Jahr konnte Noah-Veranstalter Marco Rodzynek (er hat bei den Lehman Brothers „erfahren“, wie man das Geld seiner Anlieger verbrennt) neben Gründern und Investoren eine Reihe Besucher aus der sogenannten alten Wirtschaft gewinnen: RWE-Chef Peter Terium kommt (diejenigen, die so starr über den Atomausstieg und damit über unsere Zukunft verhandeln), genauso wie Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender der Metro-Gruppe (mit den umstrittenen Chips, die kontrollieren und trekken sollen, was wir einkaufen). Dabei sind natürlich auch Springer-Chef Matthias Döpfner (der gerade das letzt Springer-Print-Erbe verschacherte), der als Mitveranstalter fungiert und ProSiebenSat1-Chef Thomas Ebeling: sie diskutieren über die Zukunft des Content (Journalismus wurde als Vokabular abgeschafft) und ärgern sich über die bösen Adblocker. Stattdessen überbrückt man alte Feindschaften: z.B. Daimler-Chef Zetsche mit Uber-Chef Travis Kalanick  - auf der Noah-Konferenz behandelt man sie wie Stars, denn auf dem Papier sind beide mittlerweile fast genauso wertvoll. Dass Uber-Chef mit den Saudis dealt, die ähnliche Vorstellungen von Demokratie haben wie Erdogan, steht auf einem anderen Blatt und wird nicht diskutiert. Schließlich ist Daimler auch nicht besser.

Nur einige Frauen, die dort präsentieren, wagen mit der Idee von Dienstleistung und careship etwas Anderes - jenseits von Pizzalieferservices und Versicherungen: einen Blick in die Zukunft mit alten und älteren Menschen und ein Miteinander!  Bei den Sessions ist Antonia Albert von Careship nicht gut besucht – aber sie ist sich sicher, ihre Idee ist ausbaufähig in Deutschland. Erstaunlich auch, dass das Carethema immer noch nicht fruchtet. Ebenso wie die Parkraumlösungen vor der Tür. Viele der Anwesenden ließen sich jedoch anmerken, dass dieses Thema nicht so sexy ist. Ganz anders bei Themen wie Auto, Handys, Lieferservices und Finanzen. Das ist die Welt der digitalen und männlichen Erfolgsmenschen. Visionen? Nein, es geht auch hier meist um Geld und Zahlen. Investment und Business. Agenda, VCs, Unicorns, IPO, Venture Capital, advertising, network. White Collar Business. Die Kids in der Kreuzberger Grundschule da draußen vor der Tür werden niemals dazugehören...

Am Nachmittag zog die Dramaturgie und das Publikumsinteresse merklich an. Denn dann hatte Oliver Samwer seinen großen Auftritt. „Dieses Jahr haben wir schon in 25 Unternehmen investiert“, sagte der Rocket-Internet-Chef auf der Internet-Konferenz. Es gehe um Beträge von 100.000 bis eine Million Euro. Europa habe mehrere „Mini-Disney-Silicon-Valleys“, sagte der 43-Jährige. Und vielleicht ist gerade das das Problem, dass alle über den Teich schauen und sich wie starre Comicfiguren auf einem Finanzschachbrett verhalten. „Das Ökosystem hat sich verändert, und es gibt viele Chancen außerhalb von Rocket“, erklärte dazu Samwer und plauderte locker über seine Investitionsstrategie. Er gab sich dabei Mühe, eben nicht für Hire an Fire zu stehen, sondern dafür, dass er an der Seite seiner Gründerteams und Unternehmen steht. Und trotzdem sind viele auf der Jagd nach dem Unicorn. Die Springer-Medienlandschaft ist dabei nicht relevant, denn so Samwer: „Ich lese keine Artikel über Rocket oder mich und ich schaue meistens nicht auf den Aktienkurs. Ich lebe also ein glückliches Leben.“ Wenn dies alle tun würden, wäre das alles entspannter und vielleicht bleiben dann mal auch die Gehwege vor der Grundschule frei.

Die drohende digitale Flut fürchten die alten Kapitäne ebenso wie die Finanzkrise oder die weltweite Konkurrenz. Schließlich ist man sich bei solchen Kongressen einig, dass man an Wachstum, Einhörnern und digitalen Apps für Autos und Vielflieger nicht vorbeikommt: Und das obwohl viele Zukunftstechnologien ablehnen und es drängendere Probleme und auch Lösungen jenseits des Computers gibt! Aber Bits & Bytes sind das neue Manna, das vom Himmel fällt. Obwohl die wenigsten wirklich Ahnung davon haben - und schon genug zu beißen. Dennoch ist in Berlin, wie auch in der Kreuzberger Grundschule, jedes 4. Kind auf Harz 4. Wenn man nur allen (auch denen anderswo) das notwendige Geld und Bildung zur Verfügung stellt, dann und nur dann würde das funktionieren. Eine App etwa, die alles etwas gerechter verteilt. Starthilfe statt Start ups. Und bei Noah gäbe es zudem Platz für genauso viele Männer wie Frauen. Das muss sich auch noch ändern, sonst klappt es nicht mit der fortwährenden Vermehrung – es sei denn, man glaubt an Einhörner ...

MaWa (Mediakitty)

(Redaktion)


 

 

Geld
Botschaft
Handys
Diskussionen
Business
Gehweg
Gründer
Grundschule
Kreuzberger Grundschule
Noah Konferenz
NOAH
Konferenz
digital
Springer

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Geld" - jetzt Suche starten:

Entdecken Sie business-on.de: