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Kolumne von Alexandra Schwarz-Schilling

Selbst und Ständig

Viele Menschen haben gute Ideen und träumen von einem Leben in Selbständigkeit. Herr oder Frau seiner Zeit zu sein, die Arbeit selber einteilen zu können das erscheint oft als attraktive Alternative zum Druck vom Vorgesetzen oder den ständigen strategischen Positionierungsbemühungen im Unternehmen.

In der Tat lohnt es sich diese Möglichkeit durchzuspielen, denn selbst wenn man sich nicht selbständig macht, führt die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu einem klareren Standpunkt, zu bewussterem Handeln und zu mutigeren Entscheidungen. Wenn ich für mich weiß, wenn ich wollte, könnte ich mich auch selbständig machen, bin ich ein wertvoller Mitarbeiter für meine Firma, denn Firmen brauchen engagierte, entscheidungsfreudige und ehrliche Mitarbeiter. Das Bewusstsein darüber wächst auf Firmenseite langsam, aber doch stetig. Jemand der sein Potential kennt und weiß wie sein Weg in die Selbständigkeit aussehen würde, erhöht simultan seinen Marktwert als Mitarbeiter, besonders auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt. Er macht sich interessant auch für künftige Arbeitgeber und muss weniger Kompromisse eingehen, da er eine echte Alternative hat: die Selbstständigkeit.

Einen sicheren Job zu haben, auch noch auf Lebenszeit, dieses Konzept gehört zunehmend der Vergangenheit an. Viele Firmen arbeiten inzwischen mit einem sehr kleinen Mitarbeiterstamm und vielen freien Mitarbeitern, um flexibel auf die jeweiligen Marktanforderungen reagieren zu können. Die Arbeitsmarktpolitik hat ihr übriges getan diese Entwicklung zu beschleunigen. Man kann darüber jammern und klagen, man kann aber auch die Chance sehen, die sich für jeden einzelnen daraus ergibt. Was bedeutet nun die Auseinandersetzung mit der Selbstständigkeit genau? Die Festanstellung ist in Deutschland immer noch heiß begehrt, die meisten unserer europäischen Nachbarländer haben wesentlich höhere Zahlen an Selbstständigen vorzuweisen. Den Deutschen fehlt es vor allem an Mut, denn von einem Mangel an Ideen kann man nicht ausgehen.

Im Coaching erleben wir täglich wie unzufrieden Mitarbeiter mit ihrer Arbeitssituation sind. Sie leiden unter den unflexiblen Strukturen ihres Arbeitsplatzes, dem Frust der wenigen Anerkennung für ihren Einsatz und vor allem unter der immer gleichen Routine. Oft wollen Menschen auch einfach mal etwas anderes machen, als das womit sie sich jetzt schon so viele Jahre beschäftigt haben. Sie möchten einen anderen Aspekt ihrer Persönlichkeit zur Entfaltung bringen und neue Herausforderungen angehen. Denn wer immer dasselbe macht, kann sich nicht weiterentwickeln. Henry Ford sagte dazu: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“ Er stagniert und wird dadurch frustriert. Ein neues Modewort macht entsprechend die Runde: der Boreout. Dieser führt dazu, dass Mitarbeiter ihre Zeit absitzen und wenig Motivation haben sich für das Unternehmen zu engagieren, einfach weil sie von ihrer Tätigkeit unendlich gelangweilt sind. Der erste Versuch, die Situation zu verändern, ist dann in der Regel sich wegzubewerben in eine andere Branche oder vielleicht auch in einen anderen Bereich. Dann macht man in Deutschland leider oft die Erfahrung, dass man nur eine Chance hat in dem Bereich, indem man nun eh schon die ganze Zeit gearbeitet hat und der nicht wirklich eine neue Herausforderung bietet. Denn ein Branchenfremder ist den Unternehmen wieder zu unsicher. Dass Menschen sich erfolgreich in neue Bereiche einarbeiten können und dass das Neue genau den Reiz ausmacht und deshalb auch die Einsatzbereitschaft höher ist, das haben viele Unternehmen leider noch nicht mitbekommen.

Nach weiterer Reflexion wie die Situation zu ändern sei, um mit mehr Interesse und Engagement arbeiten zu können - denn dass ist das, was Menschen eigentlich wollen - taucht dann immer wieder das Thema Selbständigkeit auf. Und mit ihm die Angst davor „unter der Brücke zu enden“. Diese Angst ist so verbreitet, dass viele gute Ideen und viel Kreativität wohl nie umgesetzt werden – leider. Diese Angst ist irrational. Es muss schon ziemlich viel schief gehen und auch noch über einen sehr langen Zeitraum, damit man in Deutschland tatsächlich unter der Brücke endet. Dennoch ist diese Angst weit verbreitet und hält die Menschen davon ab, den 1. Schritt zu tun.

Der 1. Schritt hieße sich klar werden darüber: Was kann ich, was will ich und wie würde ich es gerne umsetzen? Womit würde ich mich selbständig machen und wie sähe das genau aus? Was bräuchte ich? Was habe ich schon und wo kann ich das, was ich noch nicht habe herbekommen? Was ist es, was mich daran reizt? Was erhoffe ich mir davon und wieso? Wenn man sich auf diese Reise gedanklich erst einmal einlässt, indem man sich unvernünftigerweise auf den Standpunkt stellt, man könnte nicht scheitern, dann fängt der Ideenpool an zu sprudeln. Sofort kommen Ideen, Perspektiven und man kommt mit seinem Energiereservoir in Kontakt. Das lohnt sich immer und auf jeden Fall. Denn auch wenn man sich nicht selbstständig macht ist es gut zu wissen: dafür wäre ich bereit mich selbst und ständig einzusetzen, dafür wäre ich bereit loszugehen, raus aus meiner Komfortzone. Je klarer ich das formulieren kann, umso klarer kann ich kommunizieren worum es mir geht und vielleicht dadurch auch in meinem momentanen Umfeld etwas ändern.

(Alexandra Schwarz- Schilling)


 


 

Alexandra Schwatz- Schilling
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3 Kommentare

von DieAnna
09.05.08 11:43 Uhr
...ich habe es getan!

Hallo Frau Schwarz-Schilling,

Sie haben wunderbar beschrieben was ich in der letzten Zeit in die Tat umsetzte.

Nach über 22 Jahren im Angestelltenverhältnis trieb mich unentwegt der Gedanke etwas eigenes auf die Beine zu stellen. Aus der Arbeitslosigkeit heraus und mit vielen kleinen durchlaufenen Schritten, habe ich mich selbständig gemacht.

Dieser Weg war nicht einfach. Die Entscheidung zu treffen, etwas Eigenes zu machen birgt Schwierigkeiten - vor allem - wenn man nicht genau weiß was. Und ich wußte nicht was.

Ich hatte das Glück mithilfe eines Coaches eine Reise zu beginnen, die es mir erlaubte Ideen, Visionen und Träume zu Papier zu bringen. Klingt einfach - ist es aber nicht. Ich ertappte mich jedesmal dabei meine Visionen nicht aufzuschreiben, da ich mich immer wieder negativ denkend erwischte. "das geht doch gar nicht", "das schaffst Du nie", "wie soll das gehen". Vielleicht kennt der eine oder andere diese Gedanken ja auch. Probiert es mal aus :-)

Mit viel Kraft, Disziplin und Zeit habe ich ein Konzept meiner Idee entworfen und eine Reise begonnen. Das ist jetzt ungefähr über ein Jahr her.

Jetzt bin ich selbst und ständig! Anfang des Jahres habe ich ein Internetportal ins Leben gerufen, welches durchweg nach meinen Visionen programmiert worden ist.

Ich weiß nicht, wo der Weg mich noch hinführen wird. Aber ich kann sagen, der Weg in die Selbständigkeit ist kein einfacher Weg - aber er ist spannend und wenn es Menschen gibt, die an einem glauben und diesen Weg mitgehen, dann ist das schon eine ganze Menge Wert.

Ich wünsche allen, die Ideen und Visionen haben, dass sie die Möglichkeiten finden, das umzusetzen, was sie möchten. Nehmen Sie auch die Möglichkeit eines Coaches wahr, der Ihnen zumindest Wege ebnen und aufzeigen kann. Gehen, müssen Sie alleine.

liebe Grüße

von medium-berlin
09.05.08 17:53 Uhr
nach dem spiel ist vor dem spiel

Bevor man in Deutschland unter der Brücke landet bietet sich in jedem Fall die Möglichkeit des Aufstockenden ALGII auch für Selbständige.
Das wird nur Leute in der "Komfortzone" wenig beruhigen, die ihren Marktwert und vor allem ihre Einkommenserwartungen überm Existenzminimum ansetzen.

Für diese staatliche finanzielle Möglichkeit der Unterstützung bin ich unendlich dankbar, denn nach zwei Jahren aufstocken (Miete und Krankenversicherung) ist absehbar in nächster Zeit von der eigenen Unternehmung auch leben zu können und den Steuerfreibetrag zu verlassen. Dem sind zwei Jahre in Angst (wie bezahle ich die nächste Rechnung?) mit unmenschlichen Arbeitszeiten (16h x 7 Tage), ständige Ideenfindung (was biete ich, wie, an - was lohnt nicht?) zahlreiche Vorleistungen (Angebote, Vorarbeiten), Fehlschläge und Enttäuschungen sowie zeitliche Investitionen in die eigene Infratsruktur und ständige Kundenaquise vorausgegangen. Ist man ohne die entsprechende finanzielle Ausstattung doch Planer und Macher, Werbechef, Verkaufsleiter, Sekretärin, Buchhalter in einer Person.
Das ist kräftezehrend aber in jedem Fall ist es auch abwechslungsreich und spannend und macht Spaß wenn man sich selbst beim ständigen Erwachsen zusehen kann und über jeden Fortschritt freuen.

So lernt man jeden Tag aufs Neue was man gestern noch falsch gemacht hat und bekommt mit der Zeit die Ruhe sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und sich erfolgreich am Markt zu behaupten - der Rest kommt dann Stück für Stück von alleine. Mit Ausruhen hat Unternehmen jedenfalls nichts zu tun.

Das mit der Unterstützung kann ich nur dreimal dick unterstreichen. Es braucht Leute die an einen glauben. Anfangen muß man damit in jedem Fall bei sich selbst..

cu, Markus

von RyoBerlin
13.05.08 21:25 Uhr
Mut allein hilft auch nicht weiter

Ich beziehe mich mal auf
"Den Deutschen fehlt es vor allem an Mut, denn von einem Mangel an Ideen kann man nicht ausgehen."

Was bringt denn der Wunsch und Mut sich selbständig zu machen wenn man oftmals keine Kunden hat die kommen ja erst mit der Zeit.

Man kann zwar als ALGII empfänger schon mit Selbständigkeit anfangen aber die Behörden machen das einem wahrlich nicht leicht.. permanente auflagen dies und das erschweren das ganze....

Ohne Geld wird auch die Selbständigkeit nichts werden.. man braucht evtl. eine Anzahl von Waren oder zumindest angemessene Ausrüstung... ein Auto ist für einen Selbständigen meist auch ein absolutes Muss um flexibel agieren zu können.

Ohne Geld klappt das alles nicht.
Ich kenne auch jemanden der sich nach 9 Jahren Erwerbslosigkeit selbständig gemacht hat. Die Kontakte dafür hat er aber schon Monate zuvor geknüpft, gezeigt was er kann etc.

Unterstützung der Eltern für ein Auto und Führerschein erhalten etc.

Bekommt nun ALGII, Fördergeld und seinen Verdienst... natürlich muss er jetzt regelmäßig dem Amt alles vorlegen...

Die meisten schrecken meines erachtens aus 2 Gründen vor der Selbständigkeit ab

1. Behördliche Willkür bzw. zuviel Papierkrieg

2. Mangelndes Kapitalvermögen

Ansonsten bin ich auch der Meinung das was den Servicebereich angeht der Selbständigkeit die Zukunft gehört.. die Produktion wird sich DRAMATISCH Automatisieren... Die Einkaufszentren ebenfalls...

Service und gute Beratung gibt es dann bei Selbständigen bis mittleren Unternehmen. Bleibt aber zu hoffen das nicht die Reichen bei den Selbständigen einkaufen gehen wo es Luxusartikel und Service gibt und die Armen im Vollautomatischen Supermarkt billigware kaufen müssen mit 0 Service .... auch das ist eine Mögliche entwicklung wenn man die derzeitige Berücksichtigt...


Aber der Weg dahin dürfte noch einige Zeit dauern.

 

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