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Interview mit H. Hoffer von Ankershoffen

WeFind – Individuelle Suche jenseits von Google

Helmut Hoffer von Ankershoffen ist Entrepreneur durch und durch: Der Informatiker war Software-Architekt von Fireball, der vor zehn Jahren dominierenden Suchmaschine in Deutschland. 1998 gründete er die neofonie AG mit, die heute 160 Mitarbeiter hat. Seine neueste Gründung heißt WeFind. Die Suchmaschine ermöglicht eine persönliche Relevanzbewertung von Suchtreffern. Business-on.de traf den WeFind-Initiator zum persönlichen Gespräch.

Business-on.de: Herr Hoffer von Ankershoffen, wie entstand die Idee zu WeFind?

Hoffer von Ankershoffen: Es gibt drei wesentliche Kernideen in WeFind, die Ihren Ursprung in Unzulänglichkeiten existierender Suchmaschinen haben:

Seit einigen Jahren gibt es bei Google keine signifikanten Weiterentwicklungen in Bezug auf die zentrale Web-Suchmaschine. Andererseits gibt es zunehmend qualitativ hochwertige „vertikalen Suchmaschinen“ für nahezu jedes Spezialgebiet, die wesentlich bessere Ergebnisse liefern als die Google Web-Suche – sei es für die Suche nach Ärzten, Freizeitangeboten, Reisetipps, Stellenangeboten, Vereinen usw. Diese Suchmaschinen sind jedoch vielen Nutzern unbekannt und der ständige Wechsel von einer Suchmaschine zur nächsten mühselig. Eine der Ideen von WeFind ist daher, eine Suchmaschine zu schaffen, die abhängig von der thematischen Suchanfrage des Nutzers Treffer der optimal passenden vertikalen Suchmaschinen integriert und so den Nutzer schneller zur Beantwortung seiner Fragestellung führt.

Ein weiterer Grund für die Entwicklung von WeFind ist die Beobachtung, dass Menschen primär über Empfehlungen „suchen“ – meinen letzten Zahnarzt habe ich gefunden, weil ein Kollege mitbekommen hat, dass ich mit meinem vorigen unzufrieden war und aktiv eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat. Computer hingegen suchen primär „algorithmisch“, also – vereinfacht ausgedrückt – durch Vergleich von numerischen und textuellen Werten mit der Suchanfrage. Ferner ist auffällig, dass auf der einen Seite große Communities wie MySpace oder Xing existieren in denen ich mein Kontaktnetzwerk pflege und auf der anderen Seite Suchmaschinen wie Google, die nichts über mein Kontaktnetzwerk und damit implizit verbundene Präferenzen wissen. Die zweite Idee von WeFind ist daher, die Themen Suche und Community zusammenzuführen.

Der Dritte Grund für die Realisierung von WeFind war die persönliche Erfahrung, dass man eben nicht nur am heimischen PC oder am Arbeitsplatz sucht sondern auch unterwegs einen ständigen Informationsbedarf hat – der Mensch ist quasi ständig „auf der Suche“. Leider sind aktuelle Lösungen zur mobilen Suche noch völlig unausgereift. Die mobile Version von WeFind geht diese Herausforderung an.

Business-on.de: Kann WeFind die Informationsflut im Web 2.0 lösen?

Hoffer von Ankershoffen: Es kann einen Beitrag dazu leisten, da es die Suchergebnisse in mehrere Segmente unterteilt – die so genannten „Spezialgebiete“. Im Gegensatz dazu gibt es bei Google nur eine einzelne Liste, die für alle Nutzer gleich ist und jeder möchte in dieser Liste ganz oben stehen. Die Versuche der Anbieter die Reihenfolge der Treffer durch sogenannte „Suchmaschinenoptimierung“ (SEO) zu beeinflussen ist aus meiner Sicht der falsche Ansatz. Der bessere Weg besteht darin, eben nicht eine Ergebnisliste mit schwer nachvollziehbarer Sortierung anzubieten, sondern mehrere aus denen der Nutzer auswählen kann.
Darüberhinaus kann in einer Folgeversion bei WeFind die Community die Sortierung der Treffer beeinflussen. Der Suchende kann sich hierbei durch Wahl einer Gruppe der Community entscheiden, welche Sortierung für die aktuelle Suchanfrage verwendet werden soll. Z.B. werden ausgebildete Mediziner bei der Suche nach „Masern“ eine andere Sortierung der Treffer bevorzugen als betroffene Mütter.

Business-on.de: Sehen Sie die WeFind-Suchmaschine als ersten Schritt zum Web 3.0, dem semantischen Web?

Hoffer von Ankershoffen: Aus einer wissenschaftlichen Perspektive müsste ich mit einem Nein antworten. WeFind ist momentan rein statistisch. Wir arbeiten aber zurzeit bei der neofonie AG an zwei Projekten der semantischen Suche, die im Jahr 2009 die ersten produktiven Ergebnisse haben werden.
Im Projekt Onyx, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) gefördert wird, generieren wir aus Texten ein Wissensmodell der Medizin. Eine Software von uns lädt das komplette Internet, stellt fest, ob ein Text gesundheitsrelevant ist, und generiert vollautomatisch eine Ontologie mit Hilfe eines zuvor erstellten Lexikons. So werden automatisch Beziehungen zwischen einzelnen Wörtern hergestellt. Ein Beispiel: Aus dem Suchbegriff Masern wird der medizinische Fachbegriff hergeleitet, um dann die Behandlungsmethoden der Krankheit auszugeben. Bei der Suchmaschine DocInsider können wir dies in einigen Monaten integrieren. Das wäre aber auf alle anderen Gebiete genauso übertragbar.

Business-on.de: Wann kann der Rechner semantische Zusammenhänge erkennen?

Hoffer von Ankershoffen: Das ist alles keine Zukunftsmusik mehr: Wir haben schon die ersten Testergebnisse. Der automatisch erstellte Thesaurus und die Synonymbeziehungen sind besser als die manuellen Verknüpfungen. Der Konzeptgraf könnte Ende 2009 voll funktionsfähig sein.

Business-on.de: Stichwort Wettbewerb: Wen sehen sie als direkten Konkurrenten?

Hoffer von Ankershoffen: In Deutschland sehe ich momentan kein Unternehmen, das in der Lage wäre, so etwas herzustellen. Der weltweite ‚Überplayer’ ist natürlich Google. Wir versuchen mit WeFind eine Nische zu besetzen, aber wir sind der absolute Underdog und darum können wir nur gewinnen. Google besitzt über 90% Marktanteile bei der Web-Suche in Deutschland. Wenn wir einen Prozent erobern können, wäre das ein großer Erfolg für uns.

Business-on.de: Was ist dabei die größte Herausforderung?

Hoffer von Ankershoffen: Die technischen Gegebenheiten sind nicht unser schwierigstes Problem, sondern wir müssen die Gewöhnung der Internetnutzer an die Google-Suche durchbrechen. Und das wird ein langjähriger Prozess sein. Ich merke das bei mir selbst, wenn ich zu Google greife. Der Grund ist, dass der Nutzer das immer so gemacht hat. Hinzu kommt die perfekte Integration in die gängigen Browser. Die Qualität der Suche spielt da gar nicht die entscheidende Rolle, sondern die Gewohnheit. Wir müssen den Nutzer langfristig ‚umerziehen’.

Business-on.de: Im Dezember 2009 wollen Sie bereits 70 Mio. Seitenaufrufe im Monat verzeichnen. Wie lässt sich das erreichen?

Hoffer von Ankershoffen: Das wird nur über Kooperationen gehen, d.h. man arbeitet mit traffic-starken Portalen zusammen, die ihrerseits nicht mehr Google als Standardsuche nutzen, sondern WeFind. Viele Nutzer landen über Google auf einer Nachrichtenseite. Für die Verlagsbranche ist es ein Problem, wenn sie nach ein paar Sekunden wieder von der Seite gehen. Das lässt sich schwerer vermarkten. Schöner wäre es, wenn der Besucher Angebote zum weiterlesen oder Hintergrundinformationen zum Thema offeriert bekäme. Da kommt WeFind ins Spiel: Wir werden passend zum Inhalt der Suchnachfrage weitere Treffer anzeigen, die diese Infos liefern – um damit eine Art Content-Netzwerk zu etablieren.

Business-on.de: Drei weitere Projekte sollen im Januar 2009 gelaunched werden: Personensuche, Desktop und Community. Warum haben Sie WeFind in mehreren Etappen hintereinander gestartet?

Hoffer von Ankershoffen: Ich habe als iPhone-User den Launch des iPhone 2.0 ‚miterlitten’. Es wurden gleichzeitig das neue iPhone, die neue Software und ein Synchronisierungsservice freigeschaltet – das Ganze ist grandios fehlgeschlagen. Steve Jobs sagte hinterher, den Fehler begehe er im Leben nicht wieder; er würde in Zukunft immer schrittweise launchen. Wir haben die mobile Version früher gestartet, um die technischen Risiken zu verteilen und im Vorfeld mit einer kleineren Besucherzahl, die Suche zu optimieren. Der zweite Grund ist reine Marketingstrategie gewesen, um mit mehreren Meldungen eine höhere Publicity zu erreichen. Bei einem einzigen großen Launch, wäre dieser Effekt ausgeblieben. So können wir den Nutzer außerdem Schritt für Schritt an WeFind heranführen, ohne ihn zu überfordern.

Herr Helmut Hoffer von Ankershoffen, Business-on.de dankt Ihnen für dieses Gespräch.

(Redaktion)


 


 

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