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  • 01.12.2017, 10:53 Uhr
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  • Berlin
WELT-AIDS-TAG / INTERVIEW

Dr. Christian Setz: "Es ist ein bedeutender Fortschritt, diese Kombinationstherapie so erfolgreich einzuführen und damit Menschen auf der ganzen Welt zu helfen. "

Heute ist Welt-AIDS-Tag: das Berliner BioTech-Unternehmen ImmunoLogik entwickelt einen neuen Wirkstoff

Business-on sprach mit dem Geschäftsführer der ImmunoLogik GmbH, Dr. Christian Setz, über unterschätzte Risiken, die Arbeitsteilung in der Pharma-Branche, den Standort Berlin und die Schwarmfinanzierung des Unternehmens.

Business-on.de: Dr. Setz, Sie haben mit Ihrer Firma ImmunoLogik einen neuen Wirkstoff identifiziert, der HIV/AIDS-Patienten helfen soll, die Resistenzen entwickelt haben gegen vorhandene antiretrovirale Medikamente und ohne neuartige Ansätze versterben werden. Wie unterscheidet sich jener Wirkstoff IML-106 von den vorhandenen Therapien, was machen Sie ander

Dr. Christian Setz: Unser Wirkstoff IML-106 attackiert im Gegensatz zur Standardtherapie nicht Bausteine des Virus, sondern gezielt Bausteine der Wirtszelle, welche für die Vermehrung von HIV essenziell sind. Dadurch soll die Entstehung resistenter Virusvarianten erheblich reduziert werden. Aufgrund der hohen Mutationsrate – es ist sogar die höchste bekannte Mutationsrate der Welt – verändert sich das Virus ständig. Viele Patienten benötigen daher ein Leben lang immer wieder neue Medikamente mit neuen Wirkmechanismen und einem geeigneten Toxizitätsprofil. Hier könnte IML-106 eine echte Alternative sein.

Business-on.de: Immer noch sterben 22.000 HIV-infizierte Menschen allein in West-und Mitteleuropa sowie Nordamerika an der Immunschwächekrankheit wegen erwähnter Resistenzen, aber das sind weit weniger als zu Hochzeiten.

Dr. Christian Setz: In erster Linie ist es natürlich ein sehr bedeutender Fortschritt gewesen, diese Kombinationstherapie so erfolgreich einzuführen und damit Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu helfen. Das Thema HIV/AIDS ist dadurch aber auch in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund gerückt. Aber HIV ist immer noch eine Infektion, die unbehandelt tödlich verläuft. Deshalb ist es auch mir persönlich ein großes Anliegen, dass diese Thematik und v.a. die immer noch vorhandenen Gefahren, einer HIV Infektion aufzuzeigen und das Bewusstsein der Menschen dafür wieder zu schärfen.      

Business-on.de: Sie haben sich für ein Crowdinvesting entschieden, um Mittel für die präklinische Erforschung des von Ihnen identifizierten neuen Wirkstoffs IML-106 einzuwerben und auch um auf sich aufmerksam zu machen. Wie viel Geld benötigen Sie, um Ihre Ziele zu verwirklichen?

Dr. Christian Setz: Wir wollen mit der aktuell bei aescuvest.de laufenden Crowdfunding-Kampagne bis zu 500.000 € einnehmen und damit auch Kleinanlegern die Chance bieten, früh bei dieser Entwicklung mit dabei zu sein und von allen Wertsteigerungen zu profitieren. Mit dem eingenommen Geld wollen wir die nächsten Schritte in der Entwicklung von IML-106 finanzieren. Hierzu zählt auch umfangreiche und belastbare vorklinische Erkenntnisse über den Wirkstoff IML-106 zu gewinnen. Damit soll bewiesen werden, dass sich IML-106 in den Bereichen Herstellung, Stabilität und Leistungsfähigkeit für die weitere Entwicklung eignet. Im gleichen Zeithorizont sollen mögliche strategische Partner oder Investoren für die weitere klinische Entwicklung ab Ende 2019 identifiziert und Kontakte ausgebaut werden. Zusätzlich dazu wollen  wir weitere Fördermittel durch öffentliche Wirtschaftsförderung sowie von großen Investoren einsammeln. Zusammengenommen soll dann mit diesen Geldern auch die Herstellung eines „technical batches“ von IML-106 als wichtiger Schritt zur Herstellung im Großmaßstab finanziert werden.

Business-on.de: Sie haben bereits Patente in 42 Ländern angemeldet, Besprechungen des Wirkstoffs in einer Fachzeitschrift sind euphorisch ausgefallen.Wann könnten Patienten im günstigsten Fall mit einem Medikament rechnen?

Dr. Christian Setz: Wir planen erste klinische Studien ab dem Jahre 2021. Hier soll eine Phase-I-Studie erfolgen, gefolgt von einer Phase-II-Studie Mitte 2022 und schließlich einer Phase-III-Studie Anfang 2024. Eine Zulassung wäre also frühestens Ende 2025 zu erwarten. Natürlich bestehen auch für IML-106 die bei einer Medikamentenentwicklung üblichen Risiken, allerdings sind die präklinischen Ergebnisse sehr vielversprechend. Eine verlässliche Vorhersage über eine Zulassung lässt sich allerdings nicht treffen, da diese von den erreichten Ergebnissen der einzelnen Meilensteine abhängig ist.

Business-on.de: Sie stehen noch ganz am Anfang mit Ihrem Unternehmen ImmunoLogik, haben allerdings etwa die Firma Athenion an Ihrer Seite und auch einen prominent besetzten Beirat. Wo soll die Reise mal hingehen? Werden Sie Lizenzgeber?

Dr. Christian Setz: Biotech-Unternehmen wie ImmunoLogik tendieren heutzutage dazu, die Wirkstoffe bis zu einer bestimmten Phase/Entwicklungsstufe zu entwickeln und sich dann einen Partner aus der Pharmaindustrie zu suchen, der die notwendigen Kapazitäten und Vertriebsmöglichkeiten hat, das Medikament nach der Zulassung zu vermarkten. Die Partnerschaft bringt für beide Seiten Vorteile. Die Biotech-Unternehmen erhalten externes Kapital, um die eigene riskante Forschung zu finanzieren und eine globale Vertriebs- und Marketingstruktur, die sie selbst nicht haben und nur schwer aufbauen könnten. Dadurch können sie innerhalb kürzester Zeit einen hohen Umsatz generieren. Für die Pharmaindustrie bedeutet es eine Streuung des Risikos, ohne dabei die Größer ihrer eigenen Forschungs- und Entwicklungseinheiten ausbauen zu müssen. Denn die Kosten der Wirkstoffentwicklung wachsen stetig.

Auch ImmunoLogik plant diesen Weg zu gehen und früh einen Lizensierungspartner zu finden. Gemäß unserer Ertragsentwicklung gehen wir konservativ davon aus, dass ein potenzieller Lizenzpartner in den ersten zehn Jahren bereit ist, Lizenzzahlungen in Höhe von 55 Millionen Euro zu leisten, um sich Rechte am Wirkstoff IML-106 und dessen Vermarktung in einem Milliarden-Markt zu sichern. Unsere konservativen Annahmen werden dabei gestützt durch vorangegangene Beispiele, bei denen vergleichbare Firmen mit Lizenzierungs- bzw. Verkaufsvereinbarungen von HIV-Medikamentenentwicklungen Erlöse zwischen 286 € Millionen und 620 € Millionen pro Projekt erzielt haben.

Business-on.de: Die ImmunoLogik GmbH ist aus einer Forschungsgruppe der Uni Erlangen entstanden. Was bewog Sie zum Umzug nach Berlin?

Dr. Christian Setz:  Als frisch gegründetes  Biotech-Unternehmen war es damals nicht entscheidend, wo der Firmensitz liegt. Mit dem damaligen niedrigen Bedarf an Unterstützungsleistungen von der in Berlin ansässigen Athenion-Gruppe war die Distanz zu Berlin nicht entscheidend. Jetzt allerdings wo die Firma reift und zunehmend mehr Ressourcen von der Athenion-Gruppe nutzt, macht es vieles leichter, ebenfalls in Berlin ansässig zu sein. Dadurch kann sich die ImmunoLogik weiterhin voll und ganz auf die Wirkstoffentwicklung konzentrieren.

(Redaktion)


 

 

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