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Wenn die «schweigende» Mehrheit ihre Stimme abgibt

Im Kampf um Aufmerksamkeit in der politischen Arena erlebt ein Begriff seit der Landtagswahl in Hessen eine unverhoffte Konjunktur – die sogenannte «Schweigende Mehrheit»! In der politischen PR, gerade zu Wahlkampfzeiten, besitzt dieser etwas nebulöse Begriff Jokerqualitäten.Verantwortungsbewußt eingesetzt, kann er eine weitreichende, entscheidende Meinungsänderung herbeiführen. So geschehen, im Bundestagswahlkampf 2002, als die Regierung Schröder sich quasi «ohne Not» frühzeitig gegen einen Irak-Krieg aussprach und damit den Nerv der «schweigenden Mehrheit» traf. Am Ende lag Gerhard Schröder mit etwa 6.000 Wählerstimmen vor Edmiund Stoiber.

Wie trügerisch diese «Mehrheit der Schweigenden» aber auch sein kann, erlebte Angela Merkel eine Bundestagswahl später. Trotz aller repräsentativer demoskopischer Messungen des «Schweigens», die der Opposition eine Mehrheit dieser amorphen Gruppe prognostizierten, stellte sich dieser echte Wechselwille zum entscheidenen Zeitpunkt am Wahltag 2005 nicht ein.

Beispiele für populistische Mißbrauchsversuche der «schweigenden Mehrheit» bietet die (deutsche) Geschichte mehr als genug. Jüngstes prominentes Beispiel: Roland Koch. Der (damalige) hessische Ministerpräsident forderte als Reaktion auf den Überfall zweier ausländischer krimineller Jugendlicher auf einen deutschen Rentner in München kurz vor Weihnachten, drakonische Massnahmen und härtere Strafen für ausländische jugendliche Kriminelle. Seine polarisierenden Forderungen und Thesen ließ Koch am 28.12. 2007 via BILD-Zeitung in den bis dahin etwas müden hessischen Landtagswahlkampf hineintragen. Die Begründung für seine Position lieferte der CDU-Politiker dabei gleich mit - er, Roland Koch, sei der akzeptierte Sprecher einer schweigenden Mehrheit ! Die Kontroverse war nicht nur geboren, sondern auch mittels dem selbsternannten Zentralorgan dieser schweigenden Majorität bundesweit kommuniziert worden! (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,530740,00.html) Das Ergebnis dieser schon jetzt historischen Landtagswahl ist bekannt. Die Gründe für den desaströsen Wahlausgang Roland Kochs liegen auch in dieser wahltaktisch kurzsichtigen Anbiederung an die «schweigende Mehrheit» begründet.

Roland Kochs populisitsches Spiel mit dem Feuer ist angelehnt an Elisabeth Noelle-Neumanns Theoriemodell der Schweigespirale. Diese 1973 von der Sozialwissenschaftlerin entwickelte Theorie vertritt die These, das die in einer Mediengesellschaft veröffentlichte Meinung nicht a priori eine Mehrheitsmeinung sein muß. Sie kann auch eine Minderheitenmeinung sein, wenn die eigentliche Mehrheit, ohne sich Ihrer eigentlichen Majorität bewußt zu sein, schweigt – aus Angst vor vermeintlicher mangelnder Akzeptanz! In der Folge wird eine Minderheitenmeinung, da die veröffentlichte Meinung über die Medien, sehr viel «lauter» kundgetan wird, zur veröffentlichten «Mehrheits»-Meinung. Die eigentliche Mehrheitsmeinung findet keinen Weg sich zu artikulieren. Beide Prozesse verstärken sich gegenseitig negativ und setzen eine Schweigespirale sich in Gang – Die angenommene Mehrheitsmeinung wird offensiver vertreten, die angenommene, nicht öffentlich vertetene Minderheitenmeinung tritt allmählich in den Hintergrund und verschwindet allmählich. Davon profitiert die angenommene Mehrheitsmeinung, deren Vertreter sich in verstärktem Maße äußern. So wird aus der ursprünglich angenommenen Mehrheitsmeinung eine tatsächliche Mehrheits- bzw. öffentliche Meinung.

Nach Noelle-Neumann stehen am Ende einer Schweigespirale - je nach Tiefe des Kontextes - der «Tod» des Themas oder es wird wie z.B. bei ungelösten Wertekonflikten zum Tabu erklärt. Das Thema darf nicht mehr öffentlich diskutiert werden, es wird unter Schweigen begraben. Eine vor allem in den USA verbreitende Variante ein tabuisiertes Thema zu kanalisieren ist der sogenannte political correctness. Damit sollten tabuisierte Themen mit Hilfe von akzeptierten Sprachcodes kommunizierbar werden. Aber jeder gesellschaftliche Verdrängungsprozeß gebiert Gespenster, die immer wieder von Populisten wachgerufen werden können, siehe Roland Koch in Hessen! Allerdings zeigt der Ausgang der Hessenwahl, das der Wähler sich als wirksamer Exorzist für fadenscheinige Geisterbeschwörungen erweisen kann! Das beste Gegengift zum Mißbrauch einer schweigenden Mehrheit ist eine demokratische «Stimm»abgabe!

(Holger Wettingfeld)


 


 

Holger Wettingfeld
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