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Der Kämpfer für den Mittelstand

Netzwerken und Erfahrungsaustausch sind wichtige Elemente für Unternehmer des Mittelstandes, der die Basis der deutschen Wirtschaft bildet. Damit der Mittelstand aber auch entsprechend Gehör in der Politik findet und seine Interessen wahren kann, schließen sich immer mehr Unternehmen dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) an.

Als Pressesprecher des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) gehört Ulrich Köppen wohl zu den besonders umtriebigen Lobbyisten, zumal der 65-jährige ehemalige Journalist zugleich auch noch Landesbeauftragter seines Verbandes in Baden-Württemberg ist. Rund 530.000 Mitglieder zählt der BVMW inzwischen und ist damit nicht nur der größte Mittelstandsverband, sondern zählt zu den größten Verbänden Deutschlands überhaupt. Business-on sprach mit Ulrich Köppen über seine Aufgaben und die Herausforderungen für den deutschen Mittelstand.

Was haben mittelständische Unternehmen davon, bei Ihnen im Verband Mitglied zu sein?

Da gibt es durchaus unterschiedliche Aspekte. Unser Verband ist ja ein riesiges Netzwerk, das sich vor allem durch persönliche statt virtuelle Treffen auszeichnet. Dafür bieten wir monatlich bis zu zwei Veranstaltungen an, bei denen neben dem inhaltlichen Angebot vor allem die Möglichkeit des Netzwerkens im Fokus steht.

Warum ist Ihnen Netzwerken so wichtig?

Da der BVMW kein Branchenverband mit eher konkurrierenden Firmen ist, drehen sich die Unterhaltungen nicht um Fachthemen, sondern vielmehr um die tagtäglichen Herausforderungen eines Unternehmens. Es geht dabei nicht um den Verkauf oder Vertragsabschluss, sondern um inhaltlichen Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Dazu gehören Fragen der Kommunikation, der Unternehmenskultur, des Fachkräftemangels oder der Strategie, über die sich die Unternehmer austauschen. Wir haben festgestellt, dass Unternehmer, die sich in unseren Netzwerken kennenlernen, sich nicht nur dieses eine Mal, sondern häufiger treffen, wodurch eine andere Vertrauensposition entsteht. Und wenn es nebenbei dadurch vielleicht doch zu irgendwelchen Geschäftsabschlüssen kommt, sind diese viel nachhaltiger und meist frei von unfeinen Geschäftspraktiken.  

Gibt es Branchen, die besonders stark in Ihrem Verband vertreten sind?

Prinzipiell haben wir eine sehr bunte Mischung. Unsere Mitglieder fangen an bei einzelnen Selbständigen bis hin zu Firmen mit mehreren hundert Mitarbeitern. Zu den größeren Mitglieds-Unternehmen zählt beispielsweise die Autoverleih-Firma Sixt. Im Großraum Stuttgart spielt bei den Branchen IT und Dienstleistung eine große Rolle, im Ruhrgebiet ist die Zusammensetzung gemischter, in Berlin sind wahrscheinlich ein paar mehr Startups dabei.

Was tun Sie als Verband konkret für Ihre Mitglieder, wovon profitieren diese besonders?

Die Arbeit des Verbandes können die Mitglieder vielschichtig nutzen. Neben den Informations- und Netzwerkveranstaltungen pflegen wir als Verband intensive Kontakte zur Bundesregierung in Berlin, um auch auf politischer Ebene die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten und für diese zu kämpfen. Ein Beispiel dafür ist der von der GroKo eingeführte Mindestlohn. Als Verband sind wir im Prinzip nicht dagegen, aber wir sind natürlich gegen die ausufernde Bürokratie der Dokumentationspflicht des Mindestlohns. Wir haben mit unseren Fachleuten zwei Nachmittage bei der betreffenden Ministerin verbracht, woraufhin etliche der Dokumentationspflichten wieder zurückgenommen wurden.

Helfen Sie Ihren Mitgliedern auch im Einzelfall oder arbeiten Sie nur an Aufgaben, die dem gesamten Verband nützlich sind?

Ja, wir helfen auch in konkreten Einzelfällen. Ein Beispiel dafür ist ein Maschinenbauer, der aus Russland einen seriösen Auftrag für den Bau von zwei Produktionsmaschinen im Gesamtwert von 850.000 Euro erhalten hatte. Doch dann wurden Wirtschaftssanktionen verhängt und das Unternehmen durfte die Maschinen nicht ausliefern, woran es fast pleitegegangen wäre, denn es hatte ja bereits das Material und die Mitarbeiter bezahlt. Wir haben dann unsere politischen Kanäle aktiviert, so dass die Maschinen doch ausgeliefert und bezahlt wurden.

Helfen konnten wir auch einem kleineren Weinerzeuger, der sein Geschäft in zwei historischen Gebäuden betrieb. Wir haben ihm eine Fördermöglichkeit zur energetischen Gebäudesanierung verschaffen können. Diese Unterstützung ist aus unserem Netzwerk heraus entstanden, wo wir eben die entsprechenden Unternehmen zusammengebracht haben.

Welche sind denn derzeit die drängendsten Herausforderungen für den deutschen Mittelstand?

Das drängendste Problem ist derzeit in der Tat die Überfrachtung mit Bürokratie. Ein weiteres großes Problem ist der Fachkräftemangel. Gerade in Baden-Württemberg werden achtzig Prozent aller Auszubildenden vom Mittelstand ausgebildet. Anschließend kommen die großen Konzerne mit einem dicken Scheck und werben die guten Leute ab. Um das zu verhindern, raten wir dem Mittelstand unter anderem zu CSR-Projekten, mit denen sich die Mitarbeiter identifizieren und sich somit dem Arbeitgeber enger verbunden fühlen. Speziell bei uns in Baden-Württemberg kommt auf die großen Automobilunternehmen die voranschreitende Entwicklung der Elektromobilität zu. Wenn man beobachtet, welche Investitionen die großen Unternehmen derzeit für diese Entwicklung machen, fürchte ich, dass wir künftig mit sehr viel weniger Arbeitnehmern auskommen werden.

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde. Was verstehen Sie unter Digitalisierung und sind Ihre Unternehmen in diesem Bereich gut aufgestellt?

Wir haben im letzten Jahr bundesweit eine Umfrage bei unseren Unternehmern durchgeführt und darauf dreitausend Antworten erhalten. Sechzig Prozent von ihnen waren der Meinung, dass Digitalisierung für sie nicht sonderlich wichtig ist. Das ist natürlich fatal und daran arbeiten wir jetzt. Wir betreiben nach dem Gewinn einer Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin ein für jedermann umsonst nutzbares Digitalisierungszentrum, wo man sich praktische Beispiele ansehen kann. Digitalisierung bedeutet vor allem eine höhere Geschwindigkeit des Informationsaustausches innerhalb der eigenen Firma, aber auch mit den die Arbeitsprozesse betreffenden anderen Unternehmen. Auf dem Weltmarkt ist nicht der Billigere oder Lautere erfolgreich, sondern der Schnellere. Da hat Deutschland leider die erste Halbzeit verschlafen und muss sich besser aufstellen. Das hat jedoch wahrscheinlich zur Folge, dass man die Arbeitszeitmodelle künftig neu stricken muss, um allen Digitalisierungsprozessen gerecht werden zu können. Darüber tausche ich mich bereits mit dem hiesigen DGB-Chef aus.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Social Media. Sind sie der Meinung, dass der Mittelstand sich in den Sozialen Medien engagieren sollte?

Aber selbstverständlich sollten sie das tun. Wir wissen, dass bis zu Dreifünftel der Stellenbesetzungen in Unternehmen entweder über deren Homepage oder deren Social Network-Aktivitäten zustande kommen, weil die jungen Leute heute darin suchen. Deshalb stellen sich Unternehmen, die beispielsweise Social Responsibility-Projekte betreiben, sehr stark über Facebook oder andere Kanäle dar, wobei die Wichtigkeit dieser Kanäle sich ständig verändert.

Ihr Verband betreibt über 30 Auslandsbüros – mit welchem Nutzen?

Die Betreiber der Auslandsbüros sind allesamt selbständige Unternehmer, mindestens je ein Einheimischer und ein Deutscher, die einen anderen Zugang zu Projekten haben als vielleicht ein hoher Regierungsbeamter des jeweiligen Landes. Sie sind gut vernetzt und helfen mit Kontakten, die sie bereits haben oder eigens für unsere Mitgliedsunternehmen bis hin zur Ministerebene knüpfen. Kommt es tatsächlich zu Geschäftsabschlüssen, verlangen diese Unternehmer allerdings auch einen Obolus, was wir in Deutschland als Verband nicht tun, weil unsere Arbeit durch jährliche Mitgliedsbeiträge abgedeckt ist.

Welche Länder oder Regionen sind besonders wichtig für die mittelständische Wirtschaft?

Wir sind in allen wichtigen Ländern vertreten. Einen großen Bedarf gibt es in Lateinamerika und Asien. In China haben wir sogar mindestens zwei Büros.

Welche Planungen haben Sie, Herr Dr. Köppen, für 2018 bereits auf Ihrer To-Do-Liste?

Da es EU-weit ganz neue Aspekte im IT- und Digitalisierungsrecht gibt, mit denen die Unternehmen sich noch wenig befasst haben, starten wir am 25. Januar mit einer Veranstaltung zur Digitalisierung. Bettina Backes, eine auf IT-Recht spezialisierte Anwältin der sehr renommierten Stuttgarter Kanzlei Haver und Mailänder, wird die Unternehmen über die wichtigen Neuerungen aufklären. Am 7. Februar folgt eine Veranstaltung zum Thema „Mobilität – was treibt uns in der Zukunft an“. Dann sind wir Teil des großen Netzwerk-Treffens ins Stuttgart, zu dem sich alle großen Netzwerke einfinden werden. Am 5. März findet unser großer Jahresauftakt statt, der von den Unternehmen immer zahlreich besucht wird. Die Themen dafür stehen noch nicht fest, aber es wird wie jedes Jahr zwei Keynote-Speaker geben, einer mit strategischer, der andere mit eher politischer Ausrichtung. Weitere Veranstaltungen sind noch in der Planung.

Eine letzte Frage: Haben Sie einen konkreten Wunsch an die nächste Bundesregierung?

Ja, den habe ich in der Tat. Große Firmen - wie zum Beispiel Daimler – bekommen Zuschüsse für Forschungsarbeiten, die bekommen die kleinen und mittelständischen Unternehmen jedoch nicht. Für sie wäre es gut, wenn sie dafür ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung stärker von der Steuer absetzen könnten. Erste kleine Verbesserungen haben wir dank der noch amtierenden Bundeswirtschaftsministerin Zypries schon vor der Bundestagswahl erreicht, aber da muss noch viel mehr möglich sein. 

(Patricia Leßnerkraus Freie Journalistin)


 


 

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