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  • 21.07.2017, 12:39 Uhr
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WIRTSCHAFT

Prof. Wolfgang Kehr: „Entscheidend ist, dass unsere innovative Technologie am Ende auch beim Patienten landet."

Das Berliner Unternehmen epinamics hat ein aufsprühbares Wirkstoffpflaster entwickelt, das auch bei Parkinson anwendbar sein soll. Businesson hat sich mit dem Geschäftsführer des Unternehmens unterhalten.

Das Berliner Unternehmen epinamics hat ein aufsprühbares Wirkstoffpflaster entwickelt, das auch bei Indikationen wie Parkinson anwendbar sein soll. Das patentierte und weltweit erste Sprühpflaster namens Liqui-Patch bildet nach dem Aufsprühen einen reißfesten, flexiblen Film auf der Haut, der in 90 Sekunden aushärtet. Patienten können sich mit dem hautschonenden Produkt bequem bewegen. Business-on hat mit dem Geschäftsführer von epinamics, Prof. Dr. Wolfgang Kehr, gesprochen.

Business-on.de: Ihre Wirkstoffpflaster werden aufgesprüht, das ist ein patentiertes Verfahren und weltweit einmalig. Wie aber erreichen Sie diesen bis um das Fünffache höheren Wirkungsgrad gegenüber herkömmlichen Wirkstoffpflastern?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Aus einem sehr einfachen Grund: Wirkstoffe können nur in gelöster Form in die Haut diffundieren. Wirkstoffe, die wir mit diesem Film bildenden Verfahren auf die Haut aufsprühen, sind vollständig in Lösung. Ganz im Gegensatz zu herkömmlichen Wirkstoffpflastern und Gelen.Außerdem ist die Schicht des sich nach dem Aufsprühen bildenden Films sehr viel dünner als die der herkömmlichen Pflaster – eine Voraussetzung für gute Diffusion von Wirkstoffen in die Haut.

Business-on.de: Wenn der Wirkungsgrad so viel höher ist und kaum Wirkstoffe in dem Film auf der Haut zurückbleiben, die dann einfach mit warmem Wasser abgewaschen werden, wird auch die Umwelt geringer belastet. Die Kosten für die Patienten müssten auch sinken, weil sie wegen des höheren Wirkungsgrades weniger Nachschub benötigen. Das klingt wie die sprichwörtliche  eierlegende Wollmilchsau. Professor Dr. Kehr: Was sind die Nachteile?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Die ökonomischen und ökologischen Vorteile haben Sie richtig dargestellt. Ein Vorteil der sprühbaren Wirkstofflösung mit dem Namen Liqui-Patch® ist die Transparenz des entstehenden wirkstoffhaltigen Films. Wirkstoffe, die durch Lichteinstrahlung instabil werden, müssen jedoch durch Kleidung abgedeckt werden. Dies ist ein kleiner aber durch adäquaten Schutz beherrschbarer Nachteil.

Business-on.de: Wie und wann genau entstand epinamics, was bewog Sie dazu?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Die epinamics GmbH ist im Jahr 2006 gegründet worden und hat sich zunächst mit der Entwicklung von dermatologischen Produkten befasst. Im Zuge der Übernahme von Schering durch Bayer hatte epinamics die Chance, die von der Schering-Tochter Intendis im Jahr 2005 eingereichte Patentanmeldung für die Liqui-Patch®-Technologie vollständig zu erwerben. Seit dieser Zeit hat sich die epinamics intensiv und ausschließlich auf die Entwicklung dieser bahnbrechenden Arzneimittel-Verabreichungstechnologie konzentriert.

Business-on.de: Ihr Firmensitz ist Berlin, Ihre Forschungslabors hingegen unterhalten Sie auf der zu Potsdam gehörenden Halbinsel Hermannswerder. Wird Wissenschaft in Potsdam besser gefördert als in Berlin oder was ist der Grund für diese Arbeitsteilung?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Der entscheidende Grund, die Forschung und Entwicklung der epinamics nach Potsdam-Hermannswerder zu verlagern, war die enge und intensive Zusammenarbeit mit der auf Hermannswerder ansässigen Thanares GmbH unter Leitung von Hans-Michael Thiede. Synergien ergeben sich durch die gemeinsame Nutzung der Laboratorien und die bioanalytische Expertise der Thanares.

Business-on.de: Sie selbst haben in den USA als Vice President im Bereich Business Development gearbeitet, außerdem lange hohe Posten bei Schering bekleidet, u.A. waren Sie für die globale Forschung des Pharmabereichs verantwortlich und leiteten anschließend die strategische Geschäftseinheit Onkologie und Dermatologie. Jetzt leiten Sie quasi ein Startup. Wie groß ist die Umstellung? Schließlich haben Sie keine Abteilungen mehr, sondern müssen wahrscheinlich alles selbst machen, was bei einem derart komplexen Geschäftsfeld eine Herausforderung sein dürfte.

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Ich möchte die Zeit bei der Schering AG und den Aufbau der Intendis GmbH nicht missen. Die unternehmerische Aufgabe bei der epinamics war jedoch eine Herausforderung, die ich gern angenommen habe. Es ist wahr, dass das Geschäftsfeld, angefangen vom Patentwesen über chemisch-pharmazeutische und klinische Entwicklung bis hin zur regulatorischen Planung, komplex ist. Wir sind uns unserer Grenzen bewusst und konzentrieren unsere Laborarbeit deshalb auf die frühe pharmazeutische Entwicklung bis hin zu klinischen Machbarkeitsstudien. Die vorklinische und klinische Prüfung sowie die Herstellung von klinischen Prüfmustern und Marktprodukten, die entsprechend den „Good Manufacturing Practices“ erfolgen muss, werden durch externe Dienstleister bzw. unsere Entwicklungspartner durchgeführt. Entscheidend ist, dass unsere innovative Technologie am Ende auch beim Patienten landet. Daher ist das frühzeitige Aufspüren von Lizenz-Partnern eine wichtige Aufgabe, die uns rund ums Jahr begleitet. Hierbei setzen wir auf die enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Scouts und Beratern, die international für uns tätig sind.

Business-on.de: Um klinische Studien für zwei Liqui-Patch-Produkte durchführen zu können, läuft zurzeit auf einer darauf spezialisierten Plattform eine Crowdfinanzierung. Während dergleichen für “normale” Startups inzwischen eine etablierte Finanzierungsform ist, sind Sie damit im Bereich Medizin fast noch Pionier. Wie kamen Sie auf die Idee, die Crowd - also eigentlich jedermann und -frau - an der Entwicklung von epinamics wirtschaftlich zu beteiligen?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Nach der Finanzkrise war es plötzlich sehr schwierig, pharmazeutische Entwicklungen durch  Risikokapital finanziert zu bekommen. An dieser Situation hat sich im Wesentlichen nichts geändert. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, mit der aescuvest GmbH, einem Spezialisten für Medizin- und pharmazeutische Produkte, das notwendige Kapital per Crowd-Investing einzuwerben.

Business-on.de: Eine erfolgreiche Finanzierung des Liqui-Patch-Produkts bezüglich Parkinson vorausgesetzt: Wie lange dauert es dann von der Durchführung der klinischen Studie bis zur Marktreife, bzw. wann käme das Produkt dann voraussichtlich auf den Markt?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: In diesem Fall rund eineinhalb Jahre. Da es sich bei dem Parkinson-Projekt um ein Liqui-Patch-Produkt mit einem zugelassenen Wirkstoff – einem Dopamin-Agonisten -– handelt, d.h. wir für die Zulassung uns auf vorhandene klinische und vorklinische Studien stützen können, ist die Zeit vom Abschluss der geplanten Pharmakokinetik-Studie bis zur Marktreife sehr kurz.

Business-on.de: Wie sieht so eine klinische Studie aus? Worum geht es da genau? Sind die Vorteile des Liqui-Patch bisher bloße Annahmen, die bestätigt werden müssen?

Prof. Dr. Wolfgang Kehr: Bei der klinischen Studie werden nach Aufsprühen des Liqui-Patch-Produkts die Wirkstoffspiegel und deren Zeitverlauf im Vergleich zu den Wirkstoffspiegeln nach Verabreichung des Marktprodukts im Blut von Probanden bestimmt (pharmakokinetischer Vergleich). Da die Hautpenetration des Dopamin-Agonisten aus dem Liqui-Patch-Produkt deutlich höher ist, erwarten wir bei gleicher Dosis höhere Blutspiegel mit dem Liqui-Patch-Produkt. Außerdem wird die Hautverträglichkeit dokumentiert. In bisherigen Prüfungen hat der Liqui-Patch eine exzellente Verträglichkeit gezeigt. Daher erwarten wir in der bevorstehenden Prüfung eine deutliche Überlegenheit gegenüber dem konventionellen Pflaster.

Mehr Informationen auf https://epinamics.com/

(Redaktion)


 

 

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