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  • 02.08.2017, 10:33 Uhr
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WISSENSCHAFT / FINANZEN

Dr. Marcus Furch: "Mit der Investition in Gesundheitsthemen, wie sie die Rodos Biotarget verfolgt, ist Impact Investing, zu deutsch wertorientiertes Investieren, möglich."

Das deutsche Unternehmen Rodos Biotarget revolutioniert die Wirkstoff-Aufnahme des menschlichen Körpers. Wir haben uns mit den führenden Köpfen des Unternehmens unterhalten.

Das biopharmazeutische Unternehmen Rodos Biotarget hat winzige Nanotransporter entwickelt, die quasi per Navigationssystem gezielt nur zu von einer Krankheit betroffenen Körperzellen gelangen, um diese mit den jeweils geeigneten Wirkstoffen zu versorgen. Die TargoSphere® genannte Plattform-Technologie soll insbesondere bei schweren Erkrankungen der Leber und Bauchspeicheldrüse Anwendung finden. Alle neuen Therapieansätze sind weltweit einmalig.

business-on sprach mit Dr. Marcus Furch und Dr. Robert Gieseler-von der Crone, Gründer und Geschäftsführer der Rodos Biotarget, über ihre Tätigkeitsfelder, die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens und das zur Zeit laufende Crowdinvesting, mit dessen Hilfe fünf Indikationen – akutes Leberversagen, Diabetes Typ-2, Harnstoffzyklusdefekte, Vernarbungsprozesse im Rahmen der nicht-alkoholischen Steatohepatitis und Leberkrebs – angegangen werden sollen. Und was eigentlich ist Impact Investment?

Business-on.de: Wie genau muss man sich die Funktionsweise der Nanotransporter vorstellen und wie werden die Präparate verabreicht?

Dr. Robert Gieseler-von der Crone (CSO): Auf der TargoSphere®-Plattform fußend haben wir diverse Varianten an Nanotransportern entwickelt, die bisher 16 verschiedene krankheitsassoziierte Zelltypen erkennen. Diese Varianten unterscheiden sich aufgrund der Targetingliganden, die sie auf ihren Oberflächen tragen, mit denen sie an ihre Zielzellen quasi nach dem „Schüssel-Schloss-Prinzip“ andocken und von ihnen aufgenommen werden können. Daraufhin wird im Zellinneren der Wirkstoff freigesetzt. So findet eine gezielte Behandlung der Zelle statt, während unbeteiligte Zellen mit dem Wirkstoff gar nicht erst in Berührung kommen.

Je nach Anwendung bzw. Krankheit können die Präparate z.B. unter die Haut oder in die Blutbahn injiziert werden. Wir entwickeln auch eine inhalierbare Variante für die Behandlung von Lungenerkrankungen. Auch andere Routen sind denkbar und möglich.

Business-on.de: In der Krebs-Therapie finden Nanomedizin-Präparate bereits Verwendung. Was macht Ihre Nano-Transporter so besonders und was sind Ihre USPs?

Dr. Marcus Furch (CEO): Die zur Krebstherapie am Markt erhältlichen Nanomedizin-Präparate verfügen über kein aktives Zell-Targeting. Es gibt global etliche Wettbewerber, die Ansätze mit einem aktiven Tumorzell-Targeting in der präklinischen und klinischen Entwicklung haben. Zumeist werden dabei generische Chemotherapeutika als Wirkstoffe in die Nanopartikel verpackt. Tumorzellen haben die Neigung zu Veränderung und Mutationen; sie ändern ihre Oberflächenmerkmale, darunter ggf. die für die Targetingliganden spezifischen Zellrezeptoren. Dies könnte ein Grund sein, warum gerade in der Krebstherapie Nanomedizin-Präparate der neuen Generation, d.h. mit Targetingliganden, auf sich warten lassen. Auch wenn wir TargoSphere®-Varianten mit neuen Targetingliganden für einige Tumorzellen im Portfolio haben, so unterscheiden wir uns vom Wettbewerber dadurch, dass wir das TargoSphere®-Prinzip zunächst in anderen Therapiegebieten als Krebs anwenden, wie zum Beispiel Erkrankungen der Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse oder solchen, die über das Immunsystem adressiert werden. Mit unseren Targetingliganden adressieren wir hierbei Zellrezeptoren, die stabil auf den jeweiligen Zielzellen exprimiert werden. Ein weiterer Unterschied zu unserem Wettbewerb ist, dass wir in unseren Therapieentwicklungen bis auf eine Ausnahme innovative und keine generischen Wirkstoffe einsetzen.   

Business-on.de: Wie lange dauert es von klinischen Studien bis zur Marktreife der fünf nanomedizinischen Präparate, an denen Sie arbeiten und derentwegen Sie gerade eine Finanzierungsrunde machen? Wann könnten Patienten also mit neuen Medikamenten rechnen?

Dr. Robert Gieseler-von der Crone: Unser Ziel ist es, diese Therapien mit der Beteiligung von Investoren unseres Unternehmens bis dahin zu entwickeln, dass wir frühe Anzeichen der klinischen Wirksamkeit im Menschen sehen. Hierfür sind je nach Indikation klinische Studien an gesunden Probanden (Phase I) oder Patienten (Phase II) erforderlich. Wenn uns die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen, können diese Stadien bei erfolgreicher Entwicklung in vier Jahren erreicht werden. Weiterführende Patientenstudien zur Zulassung würden hiernach von einem pharmazeutischen Entwicklungspartner übernommen werden. Eine erste Marktzulassung  ist nicht vor dem Jahr 2023 möglich..

Business-on.de: Die Rodos Biotarget existiert seit 2008. Sie sitzen im renommierten Medical Park in Hannover, der dank der benachbarten Medizinischen Hochschule weltweit für medizinische Exzellenz steht, umgeben von weiteren biotechnologischen, pharmazeutischen und MedTech-Unternehmen. Können Sie heute infolge des technologischen Fortschritts Dinge tun, die so 2008 noch nicht möglich gewesen wären?

Dr. Marcus Furch: Anfang 2008, als wir die erste Venture-Capital-Finanzierung erhielten, befand sich die TargoSphere®-Technologie noch in den Kinderschuhen. Wir mussten das Konzept, welches patentiert und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert war, auf breiter Basis und reproduzierbar und in vielen Zell- und Tiermodellen validieren. Ebenfalls nicht trivial war der Transfer des zellspezifischen Wirkstofftransports von einer Zielzelle zu anderen durch Variation des Targetingliganden auf der TargoSphere®-Oberfläche, ebenso wenig wie die Etablierung der Produktion der Nanotransporter in pharmazeutischer Qualität und in industriellen Mengen. Wir haben uns am Standort gut etabliert. Gerade der Kontakt zu  benachbarten Instituten und  Einrichtungen der Medizinischen Hochschule Hannover ist uns wichtig geworden. Mit diesen pflegen wir bereits seit Jahren mehrere Kooperationen, die teilweise auch auf dem besten Wege zur Durchführung klinischer Studien sind. Dies gilt vor allem für Infektionskrankheiten.

Business-on.de: Im Vordergrund Ihres Berufsstandes steht die Gesundheit der Patienten, jedoch handelt es sich auch um einen sehr großen Markt. Im Jahr 2014 kostete eine Lebertransplantation mit sämtlichen Folgekosten 739.000 US-Dollar, im selben Jahr bezifferte sich der globale Markt für die Behandlung von Leberversagen auf über 25 Milliarden US-Dollar, bei Diabetes Typ-2 waren es 23,5 Milliarden US-Dollar. Würden Ihre Nanotransporter bei rechtzeitiger Behandlung Lebertransplantationen überflüssig machen und das Gesundheitssystem massiv entlasten?

Dr. Robert Gieseler-von der Crone: Lebertransplantationen kommen als letzte Option in der Behandlung der nicht-alkoholischen Fettleber, des akuten Leberversagens und der Harnstoffzyklusdefekte in Frage. Wir haben gute Gründe, anzunehmen, dass diese „letzte Option“ bei rechtzeitiger Behandlung dieser Erkrankungen in den allermeisten Fällen vermeidbar sein wird. Unsere Therapien setzen deutlich vor der Phase an, in der therapeutisch nur die Möglichkeit einer Transplantation verbleibt. Das ist aufgrund der erwähnten Kosten gleichzeitig aber auch gesundheitswirtschaftlich ein ganz wesentlicher Faktor. Ethisch noch entscheidender ist jedoch, dass heute sehr viele Patienten aufgrund der Knappheit an Lebertransplantaten nicht gerettet werden können. Während sich am Mangel transpantierbarer Lebern voraussichtlich nichts ändern wird, nimmt die Fettlebererkrankung mit ihren fatalen Folgen gleichzeitig ständig zu. Wir hoffen also, dass unsere Therapie sehr vielen Menschen das Leben retten können wird.

Business-on.de: Sie haben beträchtliche Mittel von Wagniskapitalgebern eingenommen und suchen gerade konkret in einem Crowdinvesting nach Kapital in Höhe von bis zu 1,25 Millionen Euro, um die besagten fünf Indikationen angehen zu können. Ein Crowdinvesting im vergangenen Jahr war auch schon sehr erfolgreich und sicherte Rodos 370.000 Euro. Beim Crowdinvesting geht es neben Geld und wirtschaftlicher Teilhabe auch darum, gemeinsam etwas zu gestalten. Was versprechen Sie sich von der Crowd und wie sehen die bisherigen Reaktionen aus?

Dr. Marcus Furch: Die wenigsten privaten Investoren haben die Möglichkeit, sich unternehmerisch an nicht-börsennotierten Unternehmen zu beteiligen. Crowdinvesting bietet diese Möglichkeit. Die Renditen, die mit privaten innovativen Unternehmen möglich sind, orientieren sich an denen von reichen Privatinvestoren (Family Offices, Business Agels) und institutionellen Venture-Capital-Investoren. Diese Renditeerwartungen dürfen selbstverständlich den Blick für die Risiken, sich an einem nicht-profitablen Unternehmen zu beteiligen, nicht verstellen. Abgesehen von dieser wirtschaftlichen gibt es m.E. eine ethische Investitionsbetrachtung. Mit der Investition in Gesundheitsthemen, wie sie die Rodos Biotarget verfolgt, ist „Impact Investing“, zu deutsch wertorientiertes Investieren, möglich. Unter diesem Begriff fließen Gelder in Unternehmen, die gesellschaftliche Probleme lösen. Wenn es uns gelingt, mit diesen Kampagnen, die Aufmerksamkeit auf den Erhalt oder die Wiederherstellung wesentlicher Güter wie Gesundheit, ein menschenwürdiger Lebensstandard, Umwelt zu lenken, haben wir unabhängig der Höhe des tatsächlich eingeworbenen Kapitals viel erreicht.  

Business-on.de: Sie sagen, Ihre Plattform-Technologie TargoSphere® sei ideal geeignet für kundenspezifische Anwendungen in der pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie. Sie wollen die Plattform-Technologie also lizenzieren?

Dr. Marcus Furch: Wir wollen die damit entwickelten einzelnen Therapieanwendungen ab einem gewissen Entwicklungsstadium an spezialisierte Pharmaunternehmen zur Weiterentwicklung und Vermarktung lizenzieren oder verkaufen. Solche Transaktionen sind in der Regel mit frühen Meilensteinzahlungen bereits während der Entwicklung verbunden. Investoren unseres Unternehmens haben aus diesem Grund ein berechtigtes Interesse an Rückflüssen noch lange bevor die Therapien den Patienten zugutekommen.

Business-on.de: Ihr Team ist recht klein, doch gleichzeitig widmen Sie sich sehr komplexer Forschung und entwickeln entsprechende Präparate. Das scheint die Arbeitsteilung in der Pharma-Branche zu sein: Kleine wendige Teams widmen sich der Forschung und werden dann von den Pharma-Riesen aufgekauft. Auch vor dem Hintergrund, dass sich Mikroinvestoren ja fünf Jahre an Ihrem Unternehmen beteiligen sollen: Ist ein Exit – also ein Unternehmensverkauf – für Ihr Unternehmen eine Option oder wohin soll die Reise gehen?

Dr. Marcus Furch: Aufgrund unserer schlanken Organisationsstruktur können wir die Ressourcen nach Bedarf und Situation in die einzelnen Entwicklungsprogramme lenken, diese priorisieren oder depriorisieren, ohne jedoch die übergeordnete Strategie zu verlassen. Bis zu einem gewissen Entwicklungsstadium können Biotech-Unternehmen kosteneffizienter Medikamente entwickeln. Ab einem späteren Stadium ist jedoch die Entwicklungserfahrung und die Marktstellung der großen Pharmaunternehmen entscheidend. Diese Arbeitsteilung hat sich mittlerweile bewährt; viele der zuletzt auf den Markt gekommenen Medikamente sind aus dieser symbiotischen Interaktion zwischen jungen und etablierten Unternehmen hervorgegangen.

Ein Trade Sale, d.h. der Verkauf des Unternehmens an einen strategischen Investor aus der Industrie oder ein IPO, wenn sich das Marktumfeld dahingehend entwickelt, sind Optionen, die untrennbar mit den Geschäftsmodellen von Biotech-Unternehmen verbunden sind. Aber auch die „kleinere Varianten“ wie Auslizenzierung einzelner Therapieentwicklungen oder Asset-Sales wie zuvor beschrieben, stellen attraktive Exit-Optionen dar.   

Mehr Informationen auf Rodos Biotarget .

(Redaktion)


 

 

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