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Abseits aller Vernunft: Die Sportkolumne

Vom Multitool zum Multifool – in den Katakomben eines Fußballstadions

Wer mit dem Fahrrad zu einem Fortuna-Spiel in die Arena gondelt, kann dabei mindestens drei Erfahrungsebenen erreichen. Erstens: Man fährt bis fast an die „Schüssel“ heran und muss nur noch wenige Meter gehen. Zweitens: Man spart aktuell 5 Euro Parkgebühr, die bei Anreise im Pkw fällig sind. Drittens: Das allgemein und liebevoll „Wohnzimmer“ genannte Stadion kann zur Folterkammer mutieren. Doch dazu später mehr.

Da mein Fahrrad die Angewohnheit hat, unterwegs wichtige Schrauben oder Anbauteile zu verlieren, hatte ich auch bei der Fahrt zur Fortuna mein Multitool (also ein ziemliches großes Mini-Werkzeug) dabei. Mit dem Ergebnis, dass ich damit an der Security im Eintrittsbereich scheiterte – zu gefährlich. Gegen einen Pfandschein gab ich das Teil am Sonderschalter ab. Das Fußballspiel, das dann folgte, war so grottenschlecht, dass ich das Ganze auf dem Heimweg noch einmal intensiv analysieren musste. So lange, bis sich meine Sattelhalterungsschraube löste, der Sattel abrupt nach unten glitt und ich fortan quasi im Ententanz weiterfuhr. Als ich nach meinem Multitool griff, merkte ich, dass es fehlte – ich hatte es am Sonderschalter vergessen. 

Da ich schon fast zu Hause war, beschloss ich, das Fahrrad die letzten paar hundert Meter zu schieben und am nächsten Morgen bei der Stadionverwaltung anzurufen. Gedacht, getan – nach zwei bis vier Anrufen erreichte ich tatsächlich den richtigen Mann. Ja – das Tool war noch vorhanden. Ja – meine Pfandnummer stimmte mit der auf dem Tool überein. Ja – ich konnte es am nächsten Tag abholen – und zwar in den Katakomben der Arena. Denn dort sitzt die Sicherheitsfirma. 

Ich beschloss, auf der Fahrt zur Arbeit kurz den Einkehrschwung in die Arena zu machen. Der Weg in die Katakomben war einfach. Beim Pförtner melde ich mich an, nannte mein Begehr, der rief beim Security-Mann an – und ich durfte passieren. Mehrere Stockwerke, verschlungene Gänge und Sicherheitstüren später hatte ich mein Werkzeug wieder in der Hand – und machte mich auf den Rückweg. 

„Kevin allein zu Haus‘“ ist nichts gegen einen Menschen, der hilflos durch die Untergeschosse eines menschenleeren Stadions irrt. Alle Türen und Pforten, die während eines Spiels geöffnet sind, waren verschlossen. Notausgangtüren führten zwar ins Freie, endeten dann aber direkt am Zaun. Auch die Tiefgarage, die ich mit Mühe erreichte, erwies sich als Falle – es ging zwar zügig voran, endete aber nach einem 360-Grad-Rundgang am Ausgangspunkt. 

Das Schlimmste: Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Niemand, den ich fragen konnte. Keiner, der mir den Weg zeigte. Mit dem Multitool zum Multifool – sollte ich wirklich als Gerippe enden, das man Wochen oder Monate später in der hintersten Ecke der Stadiongrundfesten fand? Halb verwest, aber mit einem funktionierenden Mini-Werkzeug in der Hand?

Nach fast 30-minütigem Herumirren traf ich dann doch einen Menschen – einen Müllwerker, der eigentlich schon Schichtende hatte, im Pausenraum aber seine Thermosflasche vergessen hatte.

Vor Freude hätte ich den Mann in Orange umarmen und ihn herzen können – wollte er aber nicht. „Sie möchten raus? Kein Problem“, sagte der Mittvierziger mit dem Schnäuzer und öffnete sesamgleich eine Tür, die ich völlig übersehen hatte und die direkt ins Freie führte. Geschafft – ich war draußen.

Bei stabiler Wetterlage fahre ich auch weiterhin mit dem Fahrrad zu Fortuna-Spielen. Mein Multitool lasse ich inzwischen aber zu Hause. Lieber heimwärts schieben als in den Katakomben verschmachten.

(Wolfram Lotze)


 


 

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