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AUS DER BAHN

Deutsches Fernsehen bald Geschichte?

In der Bahn lausche ich kürzlich einer Diskussion unter heranwachsenden Männern, die sich lautstark über eine bekannte US-amerikanische Fantasyserie unterhalten, welche vom ewigen Machtkampf zwischen verschiedenen Königreichen erzählt und in Form einer Utopie daherkommt.

Ich muss gestehen, dass ich die Serie bewusst noch nicht geguckt habe. Dinge, die gerade super angesagt sind und sich über mehrere Jahre (die Serie existiert bereits seit 2011) zum festen Dreh- und Angelpunkt jedes Büroflurgesprächs entwickelt haben, schrecken mich meist ab. Einerseits, weil ich mich ungern geistig und/oder emotional von etwas abhängig mache. Andererseits, weil mich die Spannung packt, wenn ich all die Menschen draußen erlebe, die sich so sehr über eine fiktive Fantasiewelt auf zwei Kontinenten freuen können. Und was gibt es schöneres als die Vorfreude?

Wie gut muss die Serie sein, wenn sie tatsächlich weltweit Menschen in ihren Bann zieht? Das ist nicht sarkastisch gemeint!

Irgendwann kommt die Jungsbande vom Hölzchen aufs Stöckchen und somit zu den bekannten Streaming-Diensten, die jene Filme anbieten. Eifrig wird verglichen, wer welchen Dienst zu welchen Konditionen hat und was nun das Beste für Fernsehjunkies sei.

Wer war's: Das böse Internet...?

Unwillkürlich stellt sich mir die Frage, ob das lineare Fernsehen ausgedient hat. Und wer daran schuld ist. Erfahrungsgemäß ist es immer das böse Internet. Aber ist das tatsächlich der Grund oder sind die öffentlichen-rechtlichen und privaten Sender auch ein wenig selber schuld?

Ich mache einen Selbstversuch. Das Resultat ist enttäuschend. Eine Moderatorin aus dem Vorabendprogramm moderiert einen Beitrag über die Gesundheitsgefahr von Kerzen im Wohnzimmer an, da diese beim Löschen Schwefel absondern und der „sehr gefährlich“ für den menschlichen Organismus sein kann. Es folgt eine minutenlange MAZ (Magnetaufzeichnung) darüber, inwiefern Kerzen beim Atmen gefährlich sein können.

Man/frau zappt sich durch Belanglosigkeiten

Verzweifelt versuche ich ein Alternativprogramm zu finden und lande immer wieder in einer anderen vorabendlichen Quizshow, in der Prominente verzwickte Fragen lösen, um damit Geld zu erspielen, was im Anschluss in den meisten Fällen nicht für einen guten Zweck gespendet wird.

Weiter geht es über Realitysoaps, in denen das Leben deutscher Großstädter und deren Alltagsprobleme näher beleuchtet werden, zu den Kochsendungen. Einer der öffentlich-rechtlichen Sender bietet insgesamt neun verschiedene Koch- und Ernährungsinformationsformate an.

Schließlich finde ich doch noch eine interessante Doku, die Einblick in den Alltag von LKW-Fahrerinnen gibt. Gerade als ich mich entspannt zurücklehnen will, werde ich von den grellen Stimmen zweier synchronsprechender Schauspielerzwillinge aufgeschreckt, die mit einem Hund in einem bekannten Elektromarkt unterwegs sind. Getreu dem Keep-It-Short-And-Simple-Credo aus jeder Werbeagentur werden die Zuschauer über die neuesten Technik-Highlights informiert. Es folgen insgesamt drei Werbeunterbrechungen à sieben Minuten bei einer Laufzeit von zwei Stunden.

Entspannung sieht anders aus

Bevor ich mich bei sämtlichen Rundfunkjournalisten unbeliebt mache: Ja, Geschmack ist relativ und jeder hat seine eigenen Favoriten. Das soll nicht Ausgangspunkt dieser Kolumne sein.

Ich schätze die wenigen, aber guten sozialpolitischen Dokumentationssendungen sowie das tägliche Nachrichtenangebot der linearen Sender. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass eine breite Masse von Menschen das Gesamtangebot der linearen Formate mangels Vielfalt nicht mehr konsumieren möchte. Hinzu kommt die ständige Werbung, die über die Jahrzehnte deutlich an Infantilität und Quantität zugenommen hat.

Das deutsche Fernsehen ist dabei sich selbst zu disqualifizieren. Anders als andere sinnlose Hypes, wie die Ice Bucket Challenge oder Highend-Sneaker mit integrierter Luftpolsterung (für die Federung), steht außer Frage, dass Streamingdienste keine vorübergehende Modeerscheinung sind.

Dies ist kein Hype, sondern ein eindeutiges Statement der Zuschauer.

Sieht das deutsche Fernsehen das nicht? Ich hoffe, dass es den exponentiell ansteigenden Benutzerzahlen der  Streamingdienste gewachsen ist. Vielleicht schaue ich mir Game of Thrones in einigen Jahren doch noch an – bleibt abzuwarten, auf welchem Medium.

(Carolin Kirchhoff)


 


 

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Streamingdienste; Ice Bucket Challenge; Werbung; Internet; öffentlich-rechtlich; Sender

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