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AUS DER BAHN

Fremdschämen: Wenn biedere(?) Landsleute entgleisen...

Diesen Monat macht es mir keine Freude die Kolumne zu schreiben. Viel schlimmer, es ist ein bedrückendes Gefühl zwischen Fremdscham und Wut. Erst kürzlich bin ich Zeugin von offensichtlicher Fremdenfeindlichkeit in Düsseldorfs ÖPNV geworden.

Auf dem Weg von Düsseldorf nach Meerbusch tuckert man lange Zeit mit der U76 über Äcker und Felder des ländlichen Stadtrands. Eigentlich eine schöne Strecke, um sie mit der Bahn zu fahren. Der Waggon ist größtenteils leer und ich suche einen Vierersitzplatz, weil ich diesmal einige sperrige Gegenstände zu transportieren habe. Plötzlich steigt ein Ehepaar in den Sechzigern in den Wagon. Schroff schiebt der Herr die von mir selbst gekaufte Geburtstagstorte und den Blumenstrauß im Fußraum zur Seite und guckt mich vorwurfsvoll an.

Mit zunehmenden Alter entwickelt man sozio-kulturelle Resilienz gegenüber unhöflichen Zeitgenossen unserer Spezies. Da die Torte heil geblieben ist, schaffe ich es über die Rücksichtslosigkeit des Mannes hinwegzusehen und blicke demonstrativ aus dem Fenster.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich den anderen Fahrgästen wenig Beachtung geschenkt, man ist schließlich in seinen Gedanken versunken. Dennoch werde ich plötzlich durch die Aussage der Frau zu ihrem Mann aus meinen Gedanken gerissen. „Was haben die eigentlich für ein Benehmen, sag mal?“ Das fahle Gesicht der Frau legt sich in mehr Falten als dort sowieso schon zu finden sind. Sie sieht abgekämpft und verbraucht aus. Der Mann entgegnet:“ Wahrscheinlich gar keins, guck sie dir doch mal an.“

Erst jetzt registriere ich, dass um uns herum eine Gruppe Jugendlicher sitzt, die eine dunkle Hautfarbe haben. Die Gruppe spricht kein Deutsch miteinander und bleibt daher von der Situation unbehelligt. Mir gegenüber sitzt schon seit meinem Einstieg ebenfalls ein junger Mann, der vielleicht Deutscher ist, aber eine andere Hautfarbe hat. Nur wenige Minuten nach der ersten missbilligenden Äußerung der Frau, macht diese sich plötzlich auf ihrem Sitz breiter als nötig und raunt meinem entgegensitzenden Nachbarn zu: “Mach Dich nicht so breit, Du…“

Armutszeugnis für uns alle

Ich gucke die Frau mit großen Augen an und sage, dass der Mann sich nicht breit macht und was sie für ein Problem hat. In dem Moment tritt auch der junge Mann für sich ein und sagt, dass er sich nicht breit gemacht hätte. Der alte Mann schreit den jungen Mann plötzlich an, hebt dabei seine Hand (so als ob er ihn schlagen will) und sagt, dass er sich woanders hinsetzen soll.

Das Gesicht des jungen Mannes ist in meinen Gedanken bis heute eingebrannt. Er schaut sehr ängstlich und bringt keinen Ton mehr raus. Ich merke, wie meine Augen vor Wut feucht werden. Jetzt bin ich es die - auch aus der Hilflosigkeit heraus - schreit und sage schließlich, dass ich jetzt die Polizei rufe. Leider immer noch mit sehr lauter Stimme, fordere ich den jungen Mann auf in jedem Fall auf seinem Sitzplatz sitzen zu bleiben.

Als ich das Telefon in der Hand habe und tatsächlich die Polizei anrufen möchte, sagt die Frau plötzlich, dass sie sich jetzt woanders hinsetze, das gäbe es ja gar nicht, wie rotzfrech die Jugend ist.

Gott sei Dank mischen sich nun endlich auch andere Passagiere in die Situation ein und unterstützen den jungen Mann. Das Ehepaar ergreift fluchtartig den Rückzug und setzt sich tatsächlich ans ganz andere Ende des Waggons. Der junge Mann steigt an der nächsten Haltestelle aus.

Ich weiß nicht, ob das tatsächlich seine Zielhaltestelle ist. Ich bin immer noch total überfordert mit der Situation und stelle mir die Frage, was man am besten tut. Der Einfall mit der Polizei ist zwar naheliegend, aber in einem fahrenden Vehikel nicht einfach umzusetzen. Es gibt eine Website von ARIC-NRW e.V. und den Diskriminierungsbüros NRW auf der Betroffene Vorfälle melden können. In den meisten Fällen aber bringen Betroffene nicht den Mut auf sich dort zu melden, das müssten Außenstehende tun, die den Vorfall mitbekommen.

Am liebsten hätte ich eine App gehabt, mit der man die Peiniger fotografieren und dort direkt den Vorfall hätte melden können, aber das ist nicht realisierbar.

Es ist frustrierend zu sehen, dass immer noch eine Korrelation zwischen Mangel an Bildung und Fremdenfeindlichkeit besteht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, warum müssen wir darüber noch immer diskutieren.

(Carolin Kirchhoff)


 


 

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