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AUS DER BAHN

δημοκρατία - Oder: über Faulheit und Ausreden

In der Tram spitzt unsere Autorin die Ohren - und macht sich oft tiefschürfende Gedanken über das Gehörte: Geschichten aus der Bahn...

Neulich lausche ich einem Gespräch zwischen zwei jungen Damen, die sich über Politik unterhalten. Die eine versucht die andere davon zu überzeugen, dass man besser gar nicht wählen gehen oder einen ungültigen Stimmzettel abgeben solle, weil die Politik ja sowieso macht was sie wolle.

In mir kommt kurz der Impuls hoch, meinen Kopf gegen das Bahnfenster zu hämmern, da diese Aussage großflächig beschränkt, aber dennoch weit verbreitet ist. Zum tragischen Leid der Demokratie.

Paradox: Erst nicht wählen, dann motzen

Geringe Wahlbeteiligung schadet ihr und führt im schlechtesten Fall zu allgemeiner Politikverdrossenheit, da die Menschen unzufrieden sind, dass ihre Bedürfnisse nicht repräsentiert werden und demnach mit der Politik brechen. Anschließend ärgern sie sich, weil augenscheinlich immer die „falsche“ Partei in der Regierung sitzt - und dann motzen sie rum.

Vor allem junge Menschen vergessen oftmals, dass das Wort „Demokratie“ übersetzt die Herrschaft des Volkes bedeutet. Ich denke, dass die politische Unkenntnis der jüngeren Generationen darin begründet ist, dass wir politisch (ich bin selber unter 30 und zähle mich deswegen dazu) nie für irgendetwas kämpfen mussten. Gott sei Dank. Es war ja alles schon da: die Mauer weg, das Schengen-Abkommen beschlossen, Deutschland vereint und die Europäisierung auf dem Vormarsch.

Das sind großartige Errungenschaften, von vorherigen Regierungen mühsam auf den Weg gebracht. Gleichzeitig führen diese Erfolge dazu, dass viele Menschen die nach 1990 geboren wurden, politisch verwöhnt sind. Sie sind behütet und im Überfluss aufgewachsen und sehen es daher als selbstverständlich an. Man kann ihnen nicht mal einen Vorwurf machen.

Die Politik im biederen Hausfrauenkleid

Man kann ihnen allerdings nahe bringen, dass es nicht selbstverständlich ist wie gut es uns geht. Trotz sämtlicher Geschichtslehrpläne, trotz der Projekttage zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, Museumsausflügen, Besinnungstagen und GePo-Kursen (Geschichte und Politik als Mixfach, hauptsächlich in den Oberstufen wählbar), führt das für sie nicht dazu, dass die Politik endlich mal ihr bieder-graues Hausfrauenkleid ablegt und tatsächlich interessant zu werden droht. Woran liegt das?

Vielleicht, weil Politik per se einen spießigen Ruf hat. Politiker, so denken die Jungen, das sind Nerds, die sich auf ein Themengebiet spezialisiert haben, welches sie dann gespickt durch juristische Klauseln und komplizierte Termini besser machen wollen. So ist es ja auch tatsächlich - allerdings zum Wohle der Menschen.

Verblüffend: Stabile Politik gipfelt in Desinteresse

Ohne diese Politiker wären die Menschen selbst in der Pflicht, sich politisch zu engagieren. Das würde wiederum viele Leute verschrecken, da Politik angeblich nur was für Spießige ist. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich rufe weder zu politischer Hetze, noch zu irgendwelchen Aktivitäten außerhalb des etablierten Parteien-Spektrums auf. Im Gegenteil. Ich schreibe über das gesellschaftliche Resultat stabiler Politik in Deutschland, das verblüffenderweise in Desinteresse gipfelt.

Dass man nicht die Partei findet, die optimal zu einem passt, das kann sein. Dass wir in gewisser Weise in manchen Strukturen eingefahren sind, auch. Dabei finde ich es wichtig auf die Tatsache hinzuweisen, dass es nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft eine Partei gab oder geben wird, die optimal zu einem Individuum passt.

Wir sind nun einmal vielfältige Wesen, die verschiedene Ansichten haben. Man muss die Partei finden, deren Grundsätze man am meisten nachvollziehen kann. Sich aus Angst oder Faulheit erst gar nicht mit der Politik zu beschäftigen, halte ich für mächtig kleingeistig. 

Überhaupt nicht wählen zu gehen oder die Wahl zu sabotieren, ist die schlechtere Option.

(Carolin Kirchhoff)


 


 

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