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AUS DER BAHN

Über die Kunst, es sich selbst wert zu sein

In der Bahn komme ich mit einer 82-Jährigen ins Gespräch, die mich am Ende der Fahrt noch lange beschäftigen wird.

Donnerstagnachmittag in der Landeshauptstadt. Ich sitze in einer überfüllten Bahn, als mein Sitznachbar wechselt und eine gebrechliche Stimme fragt, ob neben mir noch frei sei. Die ältere Dame setzt sich langsam, aber nicht unsicher auf den Beinen, neben mich.

Ich kann nicht umhin und muss hinüberlugen. Äußerst gepflegt sieht sie aus. Mit einem beigefarbenen Kostüm und einer Brosche am Revers. So eben, wie man sich ältere wohlhabende Damen aus einer anderen Zeit vorstellt.

Schon fängt sie meinen Blick ein und beginnt ein Gespräch mit mir. Erst einmal übers Wetter und dass die Bahn am Wehrhahn schon fast sechs Minuten Verspätung hatte. Sie drückt sich sehr akzentuiert aus, man kann sie gut verstehen.

Viel mehr beeindruckt es mich, dass ihre Augen geschminkt sind und sie Lippenstift trägt. Sie erzählt, dass ihr Mann ein erfolgreicher Geschäftsmann aus gutem Hause war und sie drei Kinder zusammen groß gezogen hätten. Als ich sie im Laufe des Gesprächs frage, ob sie eine Hilfe zu Hause hat, sagt sie, dass ihre Kinder regelmäßig vorbei kämen, sie den Haushalt mit Putzen, Waschen und Kochen aber noch alleine bewerkstellige.

Nur manchmal, wenn sie staubwischen will und nicht mehr bis in die Ecken kommt, dann helfen ihr die Kinder. Außerdem drückt sie auf der Fernbedienung hin und wieder einen falschen Knopf und dann geht nichts mehr. Dann muss auch eines der Kinder kommen, um den Fernseher wieder richtig einzustellen. Das hänge mit der Umstellung auf HD zusammen, seitdem sind die Programme im Fernsehen viel komplizierter zu bedienen, erklärt mir die Dame. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Manchmal sei es schon schwer, sagt sie. An manchen Tagen tun ihr die Knochen weh und sie würde am liebsten den Tag über im Bett bleiben und nicht einkaufen gehen. Eine Haushaltshilfe käme dennoch nicht in Frage, schließlich sei sie noch fit.

So verläuft sich unser Gespräch im üblichen Alltagsgetummel in der Bahn.

Selbst ist die Frau - vor allem die Kriegsgeneration

Während sie neben mir sitzt, denke ich noch länger an die Widerstandsfähigkeit eben jener Generation. Ich bin beeindruckt von ihrem taffen Auftreten. Davon können sich gleich mehrere Generationen ein Scheibchen abschneiden. Gerne hätte ich sie noch viele weitere Dinge zu ihrem Leben gefragt, aber ich muss aussteigen. Ich bitte sie, mich netterweise aus der Sitzbank zu lassen. Dann schaut sie mich an und sagt, dass man sich selbst nie vergessen dürfe. Ich danke ihr und wünsche einen schönen Tag.

Es ist beinahe gespenstisch, dass ältere Menschen anscheinend auf einen persönlich zugeschnittene Ratschläge parat haben, die einem im Alltag tatsächlich im Gedächtnis bleiben. Ich habe mir ihren Rat zu Herzen genommen. Hin und wieder ein gesundes Maß an Egozentrik ist völlig in Ordnung. 

(Carolin Kirchhoff)


 


 

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