Sie sind hier: Startseite Düsseldorf Aktuell Verbraucher
Weitere Artikel
Das Interview

Regionalwert AG Rheinland: Ökologische Landwirtschaft nachhaltig fördern

Im April 2016 wurde die Regionalwert AG Rheinland gegründet. Die Bürgeraktiengesellschaft beteiligt sich an landwirtschaftlichen Betrieben, unterstützt Nachfolge und Existenzgründungen und fördert Projekte für eine nachhaltige Ernährung.

 Das Grundkapital der Gesellschaft beträgt 1,17 Mio. Euro und wird derzeit von 324 Aktionären getragen. Doch was verbirgt sich dahinter? Ein Interview mit Dorle Gothe, Vorstand der Regionalwert AG Rheinland.

business-on: Sie setzen auf Aktien, um die ökologische Landwirtschaft zu fördern. Doch worin besteht der Unterschied zu einer „normalen“ Aktiengesellschaft?

Dorle Gothe: Die Regionalwert AG ist eine Bürgeraktiengesellschaft, aber wir sind nicht an der Börse notiert. Bei uns wurden erst vor kurzem 534 neue Aktien im Wert von 320.400 Euro gezeichnet und wir konnten unser Grundkapital auf 1,17 Mio. Euro erhöhen. Damit wollen wir weitere Projekte für eine nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung fördern. Grundsätzlich investieren wir in regionale Betriebe, dem Lebensmittelhandwerk, Handel und Gastronomie, damit mehr hochwertige Lebensmittel naturschonend produziert werden können.

Durch die Regionalwert Aktien sind unsere Aktionäre bereits am Breuner Hof, an der Edelkäserei Kalteiche und am Existenzgründer Biohof StadtLandGemüse beteiligt. Die nächste Beteiligung soll schon längst umgesetzt sein: Für die Hofmolkerei bzw. die Milchtankstellen auf dem Schauhof in Willich warten Peter und Petra Zenz schon seit über einem Jahr auf eine Baugenehmigung. Sobald sie kommt, wird gebaut. Dann gibt es am Hof und über die Ökokiste von Partnerbetrieb Lammertzhof auch in Düsseldorf frische Milch aus der Region.

business-on: Was planen Sie weiter?

Dorle Gothe: Wir wollen das Partnernetzwerk erweitern und uns an weiteren Projekten beteiligen. Dazu gehört z.B. Mobiles und regionales Schlachten mit Regionalwert Partner Jörg Müller. Das Projekt hat sich mehrfach gewandelt - vom Kauf einer mobilen Anlage, über die Kooperation mit einem mobilen Metzger bis zu Überlegungen für den Bau eines regionalen Schlachthauses oder dem Kauf einer Metzgerei mit EU-zertifizierter Schlachtstätte. Im Augenblick erheben wir die noch vorhandenen Schlachtmöglichkeiten. Und wir wollen eine Bio-Gastronomie in Bonn unterstützen. Für ein großes Glasgewächshaus in Hennef suchen wir Gärtner*innen, die das Projekt in die Hand nehmen. Wir haben an samenfeste Jungpflanzen gedacht, denn dafür gibt es eine gewisse Nachfrage zum Beispiel durch die Solidarischen Landwirtschaften aus der Region.

business-on: Viele versprechen sich von Aktien eine Rendite. Wie sieht es aus, wenn man bei der Regionalwert AG eine Aktie im Nennwert von 500 Euro erwirbt?

Dorle Gothe: Der Kauf der Bürgeraktie beinhaltet erst einmal einen ideellen Wert, denn für die Anleger steht ihr Beitrag zur Agrarwende vor Ort im Vordergrund und nicht ein möglicher Gewinn. Hintergrund ist, dass im Rheinland nur ein Prozent der Fläche im Ackerbau biologisch bewirtschaftet wird. Deshalb wollen wir den Anteil biologische wirtschaftender Betriebe erhöhen. Viele Vorteile ergeben sich indirekt zum Beispiel durch weniger Nitratbelastung, mehr Artenvielfalt und geringere Kosten durch Wasserreinigung durch weniger Pestizideinsatz.

Der Gewinn ist, dass das Wohl der Menschen, Tiere und der Natur positiv beeinflusst wird. Die Kapitalanlagen dienen dazu, die Umstellung auf ökologischen Landbau, regionale Produktion oder die Übernahme eines Betriebes möglich zu machen. Wenn beispielsweise junge Menschen Höfe übernehmen wollen, die keinen Nachfolger haben, ist die Finanzierung oft ein Problem – da können wir ein wenig helfen. Ebenso bei regionalen Metzgereien, Molkereien oder Käsereien.

business-on: Immer mehr Kunden schätzen regionale und saisonale Bioprodukte. Was bewirkt der Trend?

Dorle Gothe: Der Markt von Bioprodukte ist riesig und umfasst mittlerweile mehrere Milliarden Euro, aber durch den Boom hat sich die Branche auch verändert. Früher kauften Kunden bei den Höfen direkt, im Bioladen mit regionalem Angebot oder in Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaften ein, sie kannten die Landwirte und die Transparenz ermöglichte eine Vertrauensbildung. Das ist in einem Massenmarkt nicht mehr möglich. Durch die starke Nachfrage werden inzwischen viele Bioprodukte importiert und das verursacht ein hohes Transportaufkommen für Produkte, die eigentlich auch hier wachsen. In Spanien, Rumänien etc. gibt es dadurch hohe Zuwächse bei der Bio Umstellung, aber bei uns stagniert die Ökoanbaufläche. Vieles, was in Bio-Supermärkten oder im Lebensmitteleinzelhandel angeboten wird, kommt woanders her. Der Import bewirkt auch einem Preiskampf. Unsere Landwirte sind dem oft nicht gewachsen, weil bei uns das Land und die Arbeitskräfte teurer sind. Wir möchten nicht nur wegen des CO2 Ausstoßes die Transportwege vermeiden, sondern plädieren für regionale, ökologische und saisonale Produkte, weil es die nachhaltigste Form des Wirtschaftens ist.

business-on: Welche Kriterien müssen die Landwirte erfüllen, um bei der Regionalwert AG aufgenommen zu werden?

Dorle Gothe: Die Landwirte sollen einem Anbauverband wie Demeter, Bioland, Naturland oder dem Biokreis angehören. Das sind die vier Verbände, die es in NRW gibt. Wir unterstützen aber auch Landwirte, wenn sie die Kriterien noch nicht erfüllen, denn unser Ziel ist es, möglichst viele Betriebe bei der Umstellung zum Bio-Anbau zu unterstützen. Gerade in NRW hinken wir im ökologischen Landbau hinterher. In einigen anderen Bundesländern beläuft sich der Anteil schon auf über zehn Prozent, in Dänemark und Österreich sogar 20 Prozent – in NRW sind es gerade mal sieben.

Doch es gibt bei uns auch viele Hürden: Das Land in NRW ist besonders teuer, der Flächendruck ist hoch und viele landwirtschaftliche Flächen gehen als Bauland verloren. Deshalb wiederum sind die Pacht- und Kaufpreise sehr hoch. Man muss schon Glück haben, einen Hof zu finden und eine Umstellung finanzieren zu können. Wir haben zum Beispiel einen Existenzgründer in Pulheim gefördert, der einen neuen Biohof anfängt. Die Umstellung dauert drei Jahre, bevor er Bio vermarkten kann. Wir sind auch beteiligt an einem Hof, bei dem der Inhaber keinen Nachfolger findet. Das ist auch ein großes Thema, denn zwei Drittel der Landwirte haben keine gesicherte Nachfolge. Der Breuner Hof hat ein Drittel seines Hofes in die Regionalwert AG eingebracht, sodass der Nachfolger nicht den ganzen Hof kaufen muss. Das macht es einfacher.

business-on: Wie ist das Feedback auf die Regionalwert AG?

Dorle Gothe: Die Resonanz ist sehr gut, weil immer mehr Menschen wissen wollen, wie und wo ihre Lebensmittel hergestellt werden. Wir machen die Erfahrung, dass Verbraucher verunsichert sind, weil viele Fake-Labels unterwegs sind und sie einfach den direkten Kontakt zu dem Hersteller suchen. Deshalb veranstalten wir auch Hoffeste, Vorträge zum ökologischen Landbau oder Hofführungen. Da haben unsere Aktionäre die Möglichkeit, den Hof zu besichtigen und die Herstellung aus erster Hand mitzuerleben. Wir wünschen uns, dass immer mehr Verbraucher und auch Landwirte erkennen, dass der biologische Landbau für unser Wasser, die Böden, die Tiere und natürlich für unsere Ernährung wichtig ist.

(Redaktion)


 


 

Nachfolge
Landwirte
Dorle Gothe
Regionalwert AG
Bioprodukte
Aktie
Erfahrung
Landbau
K Interview Regionalwert AG Rheinland

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Nachfolge" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: