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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Bei Bedarf am liebsten Suizid

Der letzte "Tatort" veranlasste nicht nur unseren Kolumnisten Peter Jamin, sich mit dem Thema Suizid auseinanderzusetzen.

Nathalie ist mit ihren 30 Jahren viel zu jung, um sich ernsthaft Gedanken über ihren Tod zu machen. Aber manchmal zwingt einen die tägliche Zeitungslektüre oder das Fernsehprogramm dazu, einmal fremdzudenken.

Der letzte „Tatort“ handelt von zwei Menschen, die ständig auf Hilfe angewiesen sind – eine an Demenz erkrankte Seniorin und eine junge Mutter, die bei einem Unfall schwere Hirnschäden davontrug.

Große Betroffenheit ausgelöst

„Der Film erzählte langsam, eindrucksvoll und bedrückend, was es bedeutet, rund um die Uhr auf einen Menschen aufzupassen und sich in der kaum vorhandenen Freizeit noch mit Gutachtern und Pflegekassen herumzuschlagen“, schreibt die „Rheinische Post“ in einer TV-Kritik, „es waren Szenen, die wohl bei jedem Zuschauer große Betroffenheit auslösten. Es war sicherlich einer der wichtigsten ‚Tatorte’ der vergangenen Monate“.

Bedeutung hat der „Tatort“ für Nathalie, weil sie im Fernsehen bei Haselnüsschen und einem Glas Rotwein in gemütlicher Couchstimmung plötzlich Szenen grosser Verzweiflung sieht. Die demente Frau und ihre Tochter quälen sich mehrmals minutenlang durch den Film. Erschreckend realitätsnah.

Suizid als Alternative

Nathalie ist vermutlich nicht die einzige Zuschauerin, die angesichts dieses visuellen Horrors darüber nachdenkt, ob sie so ihre letzten Lebensjahre im Alter erleben will. Nicht mit mir, denkt sie. Dann lieber sterben.

Und damit ist gedacht, was verhängnisvoll für die Zukunft werden kann. Wie gehe ich mit meinem Leben um, wenn es nicht mehr glatt und glücklich verläuft? Werde ich Suizid begehen?

Abgesehen von der Frage, ob man in den entscheidenden Momenten in ferner Zukunft wegen des grossen Leidensdrucks wirklich seinem Leben ein Ende bereiten möchte: Nathalie muss sich ab jetzt der Frage stellen, ob Schmerz und Leid einen selbst herbeigeführten Tod rechtfertigen.

Suizid im Extremfall

Der anonyme Herr Gesetzgeber macht es sich ja sehr leicht. Er gestattet den Suizid nur in extremsten Extremfällen. Da muss man schon, um mit dem Volksmund zu sprechen, den Kopf unter dem Arm tragen, dass man nach intensiver Begutachtung die Augen für immer mit Unterstützung eines Arztes schliessen darf.

Die Befürworter des Suizid werden sich ihr Gift also auf kriminellen Umwegen beschaffen oder - sofern sie das nötige Kleingeld dazu haben - sich im Ausland den Sterbecocktail mischen lassen müssen.

Nathalie verzichtet wie viele andere auch auf ethische Grundsätze. Darf nur Gott mir das Leben nehmen? Ist auch ein Leben mit unerträglichen Schmerzen nur lebens- und nicht todeswert.

Immer ans Bett gefesselt

Nathalie stellt fest, dass sie nicht jahrelang unter grossen Schmerzen leiden, dank Medikamentencocktail dahinsiechen oder für immer an ein Bett gefesselt werden will, nur weil Bundestagsabgeordnete das für die Schwerkranken so vorgesehen haben.

Nathalie hofft, dass sie später die Kraft haben wird, die wohl schwerste aller Entscheidungen zu treffen, wenn es notwendig wird.

Sich bei Bedarf einen Todesdrink zu beschaffen wird hoffentlich nicht so schwer sein wie von einer Brücke in den Tod zu springen...

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                  Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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