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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die exklusive Weihnachtsstory – Heiligabend-Asyl auf der Kö

Seit vielen Jahren schickt unser Kolumnist seinen Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern zum Fest eine extra geschriebene Weihnachtsgeschichte, die von der Düsseldorferin Schmuckdesignerin Lynne Philippé illustriert wird. Eine Sammlung mit diesen Shortstories ist als eBook unter dem Titel "Lauschangriff an Heiligabend" u.a. bei Amazon veröffentlicht. Für die Business-on-Leser hat Peter Jamin in diesem Jahr exklusiv eine Weihnachtsstory geschrieben. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Heiligabend sind die Straßen in Düsseldorf ganz in weiß gehüllt. Seit zwei Tagen schneit es so heftig, dass die Schneeräumfahrzeuge und die Menschen, die vor ihren Haustüren die Wege kehren, alle paar Stunden von vorn anfangen müssen. Ein starker, kalter Wind läßt die vereisten und mit Schnee gepuderten Plastiktüten und Papierfetzen und Blätter und Äste auf den Straßen tanzen wie Primaballerinas in seidenen Ballkleidern.

Die Plätze und Ecken der Rheinmetropole präsentieren sich vereinzelten Spaziergängern bei Temperaturen um die Null Grad so leer wie eine Dose für Weihnachtsplätzchen zur Sommerzeit.

Nur in der Innenstadt vom Hauptbahnhof aus über die Graf-Adolf-Straße und weiter über die breite, mit eleganten Lichterketten geschmückte Königsallee und über die Bolkerstraße bis zum Rathaus schiebt sich eine schier endlose Menschenschlange. Viele der in schmuddelige, abgewetzte Kleidung gehüllten Gestalten, deren scheinbare Bedrohlichkeit durch ein fremdländisches Aussehen und einem Stimmengewirr aus arabisch klingenden Sprachen verstärkt wird, tragen Fotokopien mit dem Porträt der deutschen Bundeskanzlerin in den Händen.

Auf der Suche nach Hilfe und Schutz

Diese Flüchtlinge sind aus Syrien, Irak, Eritrea und Afghanistan und anderen Ländern, in denen Krieg, politische Verfolgung oder bitterste Armut die Verzweifelten aus der Heimat treiben. Sie suchen jetzt Unterstützung und Schutz vor dem harten, deutschen Winter.

Am Rand dieser Elendskarawane stehen die Düsseldorfer und klatschen so laut, wie man es zuletzt nur für den Sieger beim Rhein-Marathon gehört hat. “Refugees welcome”, rufen manche.

Niemand beachtet das junge Pärchen, das sich auf der Kö aus dem Flüchtlingsstrom herausdrängelt. Die Frau hat einen dicken Bauch und trägt ein verschmutztes blaues Jeanskleid und darüber eine graue Windjacke und Schals, die bis auf die Augen den ganzen Kopf bedecken. Der mit einem Trainingsanzug bekleidete Mann stützt die Frau, die nur mühsam gehen kann.

“Wir sind da”, flüstert der Mann.

“Endlich. Ich kann nicht mehr weiter. Es kommt gleich.”

Die beiden stehen vor dem Bauzaun eines Kö-Gebäudes, der die neuste Mode eines Edelshops mehr als mannshoch auf spacigen, bunten Fotowänden präsentiert. Der Mann schiebt ein Brett der Fotowand am Schritt eines der lachenden, dürren Fotomodelle zur Seite. Er sieht sich ängstlich um, ob ihn auch niemand beobachtet, und schiebt die Frau schnell ins Dunkel der Baustelle.


 


 

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