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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die exklusive Weihnachtsstory – Heiligabend-Asyl auf der Kö

Eine Herberge in der Nähe der Exklusivität: Schmutzig, aber Unterkunft

Mit einer Taschenlampe beleuchtet er den riesigen Raum, ein Ladenlokal, das gerade umgebaut wird. Angeschmuddelte Werbeplakate einer berühmten Modefirma, die den exklusiven Standort aufgegeben hat, hängen an der Wand. Verdreckte und zersplitterte Spiegel verwandeln den Raum in ein Panoptikum düsterer Innenarchitektur. Höhle und Hölle einer Großstadt.

Den beiden jungen Flüchtlingen scheint ihre Umgebung gleichgültig zu sein. Sind sie doch auf der Flucht erst an der griechischen Küste und später in München gestrandet, und von dort reisten sie mit der Bahn wie viele tausend Asylanten auch nach Düsseldorf.

Dort suchten sie in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel. Doch niemand hatte ihnen geöffnet oder man war ausgebucht. Ein freundlicher Hotelportier gab ihnen schließlich den Rat, Schutz in der Baustelle auf der Kö zu suchen: “Da ist es sogar warm, denn dort laufen Tag und Nacht die Trockengebläse, um die frisch hochgezogenen Mauern zu trocknen. An der Kö ist jeder Tag ohne ein gutes Geschäft ein Trauertag.”

Die Wärme wabert feucht und schwer und begleitet vom Surren der Maschinen durch den Raum. Der Mann sammelt Pappkartons und herumliegende Kleiderreste zusammen und bereitet eine Lagerstatt. Die Frau wärmt in einem abgenutzten Campingkocher etwas Wasser und bereitet Tee.

“Vermisst du eine Kaffeemaschine von Nesspresso? Die, für die George Clooney Werbung macht”, scherzt der Mann zärtlich.
Sie lächelt. “Wäre mir doch viel zu schwer immer die vielen Alu-Kapseln mit rumzuschleppen. Das würde… Ahhhh.”

Die junge Frau krümmt sich am Boden, schiebt ihren Körper auf die provisorische Bettstatt, hebt ihr Kleid und wimmert: “Es kommt. Es kommt…”

Ein Kinderweinen... und die Freude der Eltern

Der Mann stürzt auf sie zu, verliert vor lauter Hektik die Taschenlampe und minutenlang übertönen die Schreie der Frau und das Stöhnen des Mannes die Geräusche der Trockenmaschinen - bis plötzlich ein Kinderweinen ertönt und man die Freude der Eltern spürt wie elektrische Stromstöße.

Plötzlich durchbrechen Lichtkegel von Taschenlampen die Dunkelheit. “Da sind sie”, ruft ein dicker, mit einer Rote-Kreuz-Uniform bekleideter Mann, der einen Packen Kinderwindeln unter dem Arm trägt, “dachte ich mir doch, dass sie hier sind”.

Ein zweiter, arabisch aussehender Begleiter trägt Kinderkleidung in seinen Händen und ein dritter, ein Schwarzer, trägt einen Karton mit Babynahrung vor sich her als wären es kostbare Geschenke.

Licht wie von tausend Sternen

Plötzlich erstrahlt der Raum wie von tausend Sternen beleuchtet. “Ich hab den Lichtschalter gefunden”, freut sich der Rote-Kreuz-Mann.

Der junge Mann betrachtet zärtlich die von Flucht und Geburt völlig erschöpfte Frau, streicht dem Kind an ihrer Brust über den Kopf und fragt: “Sollen wir ihn wirklich Jesus nennen?”

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                            Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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