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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die Flüchtingswelle – und schwupp, geht Europa unter

Die Diskussionen um die „Flüchtlingswelle“ gehen weiter. Am vergangenen Sonntag war sie Thema des Düsseldorfer Karnevalsonntagszuges, in dieser Woche liest unser Kolumnist mit blankem Entsetzen die Tageszeitung „Die Welt“ und mit Sympathie einen Brief des Wissenschaftsjournalisten Jean Pütz mit „14 Fragen an Bundeskanzlerin Angela Merkel“.

Die Flüchtlingswelle, sie beschäftigt auch nach dem Wahlsonntag die Menschen – und erregt die Gemüter. Ich persönlich bin ja der Meinung wie die Bundeskanzlerin: Wir schaffen das.

Ich denke auch, dass die 500 Millionen Europäer sogar alle derzeitigen Flüchtlinge auf der Welt, laut UNHCR-Report rund 60 Millionen, gut verkraften könnten, wenn sie es den vernünftig organisieren wollten. Schließlich haben wir sogar den 30jährigen Krieg, den ersten und zweiten Weltkrieg und noch viele weitere Kriege prima geschafft.

Die kruden, hasserfüllten Thesen eines alten Sacks

Aber das sehen selbstverständlich nicht alle so. Heute morgen las ich einen üblen Essay „Was Flüchtlinge wollen“ des „Welt“-Provokateurs Henryk M. Broder, der mich zu der Frage veranlasst: Hat die Tageszeitung „Die Welt“ keine jungen AutorINNen, die so hasserfüllt und oberflächlich argumentieren können? Müssen es immer alte Säcke wie Broder sein, die die kruden Thesen von gestern veröffentlichen?

Broder schrieb beispielsweise über das Elend der Flüchtlinge in Idomeni: „...Märtyrer zu werden, sich zu opfern ist in der arabisch-islamischen Welt als Lebensziel ebenso weitverbreitet wie unter deutschen Jugendlichen der Wunsch, Eventmanager zu werden. Familien von Märtyrern genießen großes Ansehen. Der Stolz auf ihre Kinder – vor allem Söhne, aber auch immer öfter Töchter – lässt weder Trauer noch Scham aufkommen. Dazu kommt noch etwas. Das Gefühl, für das eigene Schicksal verantwortlich oder wenigstens mitverantwortlich zu sein, ist, freundlich formuliert, extrem schwach entwickelt. Geht etwas schief, sind immer andere schuld: der Kolonialismus, der Kapitalismus, der Imperialismus, der Zionismus, der Westen an sich und die Unmoral, die er überall verbreitet. Wenn es allerdings darum geht, Klimaanlagen zu bauen oder sich den Blinddarm rausnehmen zu lassen, begibt man sich gerne in die Hände westlicher Experten, deren Lebensstil man ansonsten verachtet...“

Abgesehen davon, dass die Flüchtlinge von Idomeni nicht die Kohle dafür besitzen, sich in der Düsseldorfer Uniklinik den Blinddarm operieren zu lassen, sondern sich etwa von einem Aufenthalt in Düsseldorf nicht mehr als ein erbärmliches, aber vor Krieg und Morden sicheres Zimmerchen erhoffen: Henryk M. Broder hätte Friseur werden sollen, dann könnte er alle Menschen über einen Kamm scheren.

Aber das ist dem Mann noch nicht genug. Der Autor, dessen Texte ich gelegentlich wirklich herrlich querdenkend finde, versteigt sich in dieser Woche in ein furchtbares Bild, als er den Wunsch der Flüchtlinge, möglichst in Deutschland ein Asyl zu finden, so beschreibt: „...Es ist, als würden Schiffbrüchige, die in einem Rettungsboot auf hoher See dahintreiben, darauf warten, dass ein Schiff ihrer Wahl vorbeikommt und sie aufnimmt. Es sollte schon ein großer Dampfer mit gutem Service sein, keine schlichte Barkasse. Dafür, dass sie am Ende enttäuscht werden, weil sie sich das Leben in Deutschland ganz anders vorgestellt haben, werden sie nicht sich, sondern den überforderten Gastgebern die Schuld geben. Die sind es, die sich nicht genug Mühe gegeben haben, sie zu verstehen...“

Wer Broders kompletten Artikel lesen möchte, um noch einmal zu nachzuvollziehen, warum am vergangenen Sonntag dank übler Hetze so viele AfD gewählt haben, der findet ihn hier.

Es geht auch anders: Denkanstöße von Jean Pütz

Ein anderer Beitrag erreichte mich in einer Mail von Jean Pütz. Viele werden ihn noch als Leiter der Wissenschaftsredaktion des WDR-Fernsehens und Hobbythek-Moderator kennen. Pütz und ich kennen uns seit vielen Jahren. Er schrieb mir, ich möge doch seinen Brief mit „14 Fragen an Frau Merkel“ an meine Freunde und Bekannte weiterleiten. Nun zählen allerdings diese, die von mir Bemerkungen zu meinem Befinden oder zur aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Situation lesen möchten, zu den LeserINNen dieser Kolumne und auch zu meinen Freunden auf Facebook – und das ist hier.

Ich möchte aber gerne aus Pütz’ Brief zitieren – auch er hat eine sehr eindrucksvolle Meinung zur Flüchtlingsfrage und fragt Angela Merkel u.a.: „Wussten Sie nicht, dass die Fischer am rechten Rand unserer Gesellschaft diese Umstände (der Flüchtlingskrise, d. Red.) brutal ausnutzen und unsere großartige, nach dem zweiten Weltkrieg gewachsene Demokratie extrem bedrohen? (...) Beunruhigt es Sie nicht, dass mittlerweile im Volk der Wunsch heranwächst, die Freiheit immer mehr der Sicherheit zu opfern? Gerät gerade dadurch nicht unsere liberale Demokratie immer mehr in Gefahr?...“

Die 14 Fragen des Wissenschaftsjournalisten Pütz gipfeln schließlich in der Frage: „14. Warum ist es Europa und Amerika nicht gelungen, diese Lager (rund um Syrien, d. Red.) finanziell so auszustatten, dass die Menschen dort menschenwürdig leben können. Ist es nicht ein extremes Armutszeugnis, ja im humanitären Sinne ein Verbrechen?“

Wer alle 14 Fragen und noch einige weitere Denkanstöße von Jean Pütz lesen möchte, findet den Text auf der Home des Autors hier.

Sollte Jean Pütz von der Bundeskanzlerin eine Antwort erhalten, werde ich es in dieser Kolumne gerne notieren.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                              Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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