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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die Schreibmaschine wird 300 Jahre alt – warum wir dieses Jubiläum einer "Waffe" feiern sollten

Viele Autoren-Karrieren haben mit der ersten Schreibmaschine begonnen. Unser Kolumnist erinnert sich an sein erstes Gedicht und trinkt ein Glas Holunderblütensekt auf das Jubiläum.

In diesem Jahr wird die Schreibmaschine also 300 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch dem Erfinder Henry Mill, der sich 1714 das erste Gerät patentieren ließ.

Für mich war die Schreibmaschine viele Jahrzehnte das Symbol meines Berufs und meiner Berufung. Mit 13 Jahren beschloss ich, inspiriert von Büchern von Sartre und Camus, Schriftsteller zu werden. Und weil zu einem guten Handwerk das richtige Arbeitsgerät und die richtige Arbeitsmethode gehört, brachte ich mir auf einer klapprigen Schreibmaschine, die mir ein Nachbar geschenkt hatte, zunächst das Zweifinger-Schreibsystem und später das Schreiben mit fünf Fingern bei – zu zehn Fingern hat es leider nie gereicht.

Meine Begleiterin Tag und Nacht

Meine Schreibmaschine begleitete mich viele Tage und noch mehr Nächte, viele Jahre und Jahrzehnte bis schließlich der Computer erfunden wurde und in meiner Schriftsteller- und Journalisten-Welt Einlass fand – heute arbeite ich auf der 50. Computer-Generation und voraussichtlich werden noch 50 weitere folgen, denn ich will über 100 Jahre alt werden, mit 107 zum letzten Mal auf dem Tisch tanzen und erst mit 98 Jahren den Schreibberuf aufgeben und – vermutlich dann unter leichten Gebrechen leidend – meine Krankenschwester heiraten.

Nun denn – zurück zur Schreibmaschine, von der einer der berühmtesten Bediener, der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez sagte, sie sei seine "Waffe".

Meine Schreibmaschine war der erste Schritt in den richtigen Beruf und Hilfsmittel zum Entstehen des ersten Gedichts, das ich geschrieben habe und für das ich zehn D-Mark Honorar bei dessen Veröffentlichung erhielt. Den Scheck habe ich nie eingelöst, er war für mich als Erinnerung an eine erste wichtige Publikation und erstes Honorar für eine Leistung als Schriftsteller bedeutsamer, als die zehn Bier, die ich davon damals hätte kaufen können.

1978 druckte der Anrich Verlag ein Hardcover, 1981, der Fischer Taschenbuch-Verlag ein Buch unter dem Titel "Nachrichten vom Zustand des Landes". Mein Gedicht darin hieß "Allein in diesem Jahr" und war flankiert von bekannten Namen der Literatur wie Richard Hey, Ingeborg Drewitz, Thaddäus Troll, Michael Krüger, Josef Reding, Max von der Grün, Peter O. Chotjewitz und Gerhard Zwerenz. Das Gedicht:

ALLEIN IN DIESEM JAHR...

Allein in diesem Jahr
las ich
zwischen Regenbogen
und Sex und Crime
im überfüllten deutsch-
deutschen Blätterwald
vom Präsidenten Scheel
auf jedem Prominentenball
wohl 100 Mal
sah ich Fotos
vom hutbedeckten Kanzler
in buntem Reigen mit
lächelnden Stars
und strahlenden Herrschern.
Tausendmal erkannte ich
Führer aller Parteien
im Handschlag vereint
im Sektgelage.
Wo sind die hunderttausend
Fotos und Zeilen
mit dem Volk?
Allein von diesem Jahr.

Hätte es die Schreibmaschine nicht gegeben, würde ich heute hier nicht sitzen und diese Kolumne schreiben. Es würde wohl kein Buch von mir gegeben und auch nicht die Tausenden von Artikel, die ich über die Jahrzehnte veröffentlicht habe.

Auch wenn die Waffen der Autoren, die Schreibmaschinen gestern und Computer heute, zumeist keine großartigen Veränderungen in unserer Welt bewirken. Einige wenige Verschiebungen oder Verwerfungen in der Weltgeschichte schafften etliche Autoren dann doch durch ihre Worte. Und dafür gebührt nicht nur diesen Autoren, sondern auch dem Erfinder der Schreibmaschine Henry Mill Dank. Feiern wir also dieses Jubiläum, jeder auf seine Weise.

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                                    Ihr Peter Jamin


Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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