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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die vergessenen Opfer von Verbrechen

Nach Verbrechen und Katastrophen stehen die Opfer nur kurze Zeit im Mittelpunkt des Geschehens - dann werden sie vergessen. Unser Kolumnist Peter Jamin hat schon 1994 über diese vergessenen Opfer ein Sachbuch gemacht. Er interviewte damals auch ein Opfer des Gladbecker Geiseldramas, zu dem jetzt der ARD-Zweiteiler "Gladbeck" ausgestrahlt wurde.

Die Menschen befassen sich gern mit dem Schicksal von Opfern, gleich ob von Verbrechen, Katastrophen, Unglücken oder gesellschaftlichem Fehlverhalten. Ein Beispiel dafür ist Ines Falk. Von ihr war in dieser Woche wieder die Rede im ARD-Zweiteiler "Gladbeck". Ich selbst habe darüber in meinem Sachbuch "Opfer! Das Leben nach dem Überleben" bereits 1994 berichtet. Damals habe ich eine Bestandsaufnahme über die Situation von "vergessenen" Opfern in Deutschland gemacht. Unterstützt wurde ich unter anderem vom "Weissen Ring".

Die Bremerin Ines Falk war mit Silke Bischoff befreundet, die 1988 beim Gladbecker Geiseldrama im letzten Gefecht zwischen Polizei und Tätern erschossen worden war. Beide Mädchen waren von den Tätern, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, als Geiseln genommen und mit vorgehaltener Pistole quer durch die Republik gefahren worden.

Geiselnahme statt gemütlicher Abend

Ines Falk sitzt zusammen mit Silke im Fluchtfahrzeug der Täter, als das auf der Autobahn von der Polizei gestoppt wird und sich eine Schießerei zwischen den Beamten und den Gangstern entwickelt. Silke Bischoff stirbt. Für Ines Falk bedeutet der Verlust der Freundin damals "das schlimmste, was geschehen ist; als die Schüsse gefallen sind und die Lage so aussichtslos aussah, wo man halt dachte, da kommt man nicht mehr raus. Solche Sachen, die vergißt man nicht so schnell."

Ines Falk lernt damals den Beruf einer Verkäuferin in einem Zooladen in Bremen. Am Tag der Geiselnahme will sie sich zusammen mit ihrer Freundin Silke, die sie schon seit dem siebten Lebensjahr kennt, einen gemütlichen Abend machen und sich gemeinsam einen Videofilm ansehen. Silke holt sie von der Arbeitsstelle ab, sie steigen in einen Bus - und werden plötzlich mit Gewalt und Geiselnahme konfrontiert.

Nur nicht hysterisch werden

Ines Falk berichtet später: "Am Anfang haben Silke und ich diese Situation nicht richtig wahrgenommen, muß ich ganz ehrlich sagen. Wir haben zwar gedacht, gut, da sind jetzt welche, die bedrohen uns mit Waffen. Wir wußten aber nicht genau, ob die nun jetzt auch wieder rausgehen aus dem Bus oder ob die uns tatsächlich mitnehmen. Das war so der Anfangsgedanke: Was wollen die überhaupt hier drin? Richtig Angst bekommen haben wir eigentlich erst nach der Ermordung des kleinen Emanuelle. Da wußten wir, das es sehr ernst war. Wir haben uns dann gedacht, daß wir eher freundlich und nicht hysterisch werden und uns tatsächlich noch mit denen unterhalten, damit uns nichts passiert."

Silke stirbt. Ines überlebt. Die Zeit nach der Geiselnahme, die Tage wieder daheim in Bremen, verbringt Ines Falk fast nur zuhause: "Meine Familie hat richtig gut reagiert. Sie haben mich ziemlich abgekapselt von Reportern und dem Drumherum, was alles geschah. Ich habe zwei Wochen nicht gearbeitet und dann fiel mir irgendwie die Decke auf den Kopf. Ich wollte mein altes Leben wieder anfangen, und bin dann halt auch wieder arbeiten gegangen. Auf der Arbeit haben mich natürlich die Kunden darauf angesprochen, und zum Anfang war es ziemlich schwierig, darüber zu reden. Aber so lange sie die Erschießung und das von Silke nicht erwähnt haben, ging es eigentlich."


 


 

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