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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die vergessenen Opfer von Verbrechen

Die Familie half ganz besonders

Zunächst hilft die Familie, die schlimmen Erfahrungen zu vergessen, dann - so erzählt Ines damals - "mein jetziger Mann, mit dem ich damals schon befreundet war. Die haben mir also sehr viel dabei geholfen. Mein Hausarzt hat viel dazu beigetragen, daß ich wieder ein bißchen Boden unter den Füßen gekriegt habe. Er hat auch gemeint, daß ich zum Psychiater gehen sollte. Aber ich fühlte mich irgendwie noch nicht im Stande, mich Fremden so zu öffnen, wie ich das in meiner Familie konnte. Bei meiner Familie konnte ich weinen, konnte mich so geben, wie ich war. Ich konnte das irgendwie nicht, zum Psychologen gehen."

Ines Falk, so erzählte sie, hat damals nur eins gewollt: "Ich habe mir gewünscht, mein altes Leben wieder zurückzuhaben, so wie es vorher war. Und das habe ich dann auch krampfhaft versucht und habe aber dadurch auch das Reden ziemlich oft vergessen, obwohl es besser gewesen wäre. Und irgendwie wollte ich auch den anderen Leuten damit nicht andauernd auf die Nerven gehen."

Vor Gericht ein seelisches Aufbrausen

Ines Falk heiratet, bekommt ein Kind, versucht sich in einem Familienleben zurechtzufinden. Dann, nach zwei Jahren findet der Prozess gegen die Geiselnehmer statt. Für das Opfer bedeutet das alles "irgendwie noch mal das gleiche erleben wie damals, nur daß es nicht mit Schießerei und mit Tod zu tun hat. Es ist halt das seelische Aufbrausen und die Täter wieder sehen und da alleine zu sitzen".

Die alten Wunden werden erbarmungslos aufgerissen. Im Gerichtssaal, wo sie die Hauptzeugin der Anklage ist. In den Medien wird das Geiseldrama wieder in allen Einzelheiten geschildert. Und es wird über ein ganz anderes Opfer namens Ines Falk, inzwischen als Ines Voitle verheiratet, berichtet.

Die "Neue Rhein/Ruhr Zeitung" schreibt empört über die "vergessenen Opfer der Gewalt": "Die Geisel Ines Voitle, Silke Bischoffs beste Freundin, bekam Weinkrämpfe, als ein Rösner-Verteidiger die ängstliche, verstörte, stockende junge Frau auseinandernahm: 'Ich sehe mich außerstande, auch noch ihrer Gesichtsmimik hinterherzulaufen!' Ines Voitle sah sich trotz einer Psychotherapie außerstande, auch nur eine Nacht ohne Alpträume zu schlafen."

Prominente der Opfer-Szene

Geiselnahme ist eine besonders grausame Variante des Opfer-Daseins. Und Geisel-Opfer wie Ines Falk werden, einmal in den Klauen der Täter, fast immer automatisch auch zu Prominenten der "Opfer-Szene". Das ist dann manchmal doppelter Schmerz: Diese Menschen erleiden nicht nur Schaden an Leib und Seele während des Geschehens, sie müssen nicht nur die Tat selbst verarbeiten, sondern vielfach auch noch mit einem Presse-Echo fertigwerden, das hart in ihr Privatleben eingreift. Leider trägt dazu auch die Ausstrahlung der Verfilmung des Geiseldramas von Gladbeck bei.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                          Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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